Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1916)
- Date
- 1916-04-21
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Irschen Stämme sollten nun ein seßhaftes Bvlk werden, um die edlen religiösen Keime auf eigenem kulturellen Boden zur Entfaltung zu bringen. Die heidnischen Urbewohner Palästinas, die den Gipfel ihrer Entwicklung bereits überschritten hatten, die dem verrohten Götzenkultns und der veriveichlichten Ueppigkcit verfallen waren, sollten jetzt den jungen, urwüchsigen Stämmen Israels Platz machen. Da ward Josua dazu ausersehen, die entscheidendste Wendung in der späteren Religivns- und Kulturgeschichte mit dem Schwerte vorzubereiten. Solche Rollenwechsel müssen auf der Volkerbühne zum Heile der Menschheit von der Vorsehung stets vorgenommen werden. Alte, verbrauchte Völker müssen, zumal wenn sie an führender Stelle stehen, ihre Rollen an jüngere und entfaltungsfähigere abgeben. Das erfordert schon vor allem die moralische Weltordnung. Tenn cs entspricht keinesfalls dem in der Geschichte am deutlichsten wahrzunehmenden ausgleichenden Gerechtigkeitsprinzipe, daß eine Nation durch alle Zeiten eine herrschende, während die andere eine dienende bleibt. Noch weniger aber ist ein ungehinderter Fortschritt in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ohne diesen Periodischen Wechsel in der Stellung der Völker denkbar. Da jedoch selbst solche Völker, die sich ihrer Altersschwäche und ihrer Stagnation voll bewußt sind, die Führerrollen nicht ohne Zwang aus den Händen geben, so sind die vorwärtsstrebenden jungen Völkerschaften oft genötigt, ihre Entwicklungsmöglichkeit mit den Mitteln der Gewalt sich zu erzwingen. Dieser unerbittliche Wechselprozeß, ohne den die historische Entwicklung der Vergangenheit gar nicht denkbar ist, kann wohl zeitweilig aufgehalten, niemals aber dauernd abgewendet werden. Wenigstens kennt die Weltgeschichte kein Volk, welches diesem Prozesse entgangen wäre. Es ist daher sehr begreiflich, wenn die Propheten Israels den Schöpfer des Himmels und der Erde mit der Ehrenbezeichnung „Herr der Heerscharen" verherrlichen zu sollen glaubten. Gerade in den erschütternden politischen Umwälzungen konnten sie ihn am wenigsten missen. Außer der Weltschöpfung schien ihnen kein Geschehnis seiner direkten Einmischung so sehr würdig als die umgestaltenden Ablösungen der Weltherrschaft durch die Babylonier, Aegypter, Assyrcr, Chaldäer, Perser, Griechen und Römer. Eine solche elementare Spannung zwischen den erpansionsbedürftigen, ungestümen deutschen Stämmen und ihren durch Ueberkultur erschöpften westeuropäischen Rivalen hat bereits in der ersten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts begonnen; hat durch alle diese Jahrzehnte im friedlichen Wettstreit die auffallenden Wirkungen dieser stürmischen Reibungen gezeigt und ist in diesem fürchterlichen Weltbrande zur erplosiven Entladung gelangt. Jeder beneidet den rapiden Aufstieg Deutschlands; sein Fleiß, seine Energie und seine Zähigkeit finden allgemeine Bewunderung. Jeder weiß, daß ihm die nächste Zukunft gehört, daß Deutschland zur llcbernahme einer neuen weltgeschichtlichen Mission berufen ist. Mit seiner Kultur, die sich jetzt erst entfaltet, können die alten westeuropäischen Kulturen nicht mehr Schritt halten. Deutschlands konkurrenzlose Fortschritte in Handel und Industrie, in Kunst und Wissenschaft müssen arich unseren größten Gegnern das Geständnis abnötigen, daß der Fortbestand des europäischen Friedens für die Rivalen Deutschlands auf jedem wirtschaftlichen Gebiete nicht minder zum Nachteil ausgefallen wäre als eine Niederlage in diesem Kriege. Es ist eine sehr ernste völkergeschichtliche Erwägung, die unsere Feinde in diesen Krieg hineingcnötigt hat. Sie hatten das richtige historische Empfinden, daß auf der Völkerbühne Europas wiederum ein Rollenwechsel stattfinden muß, daß eine neue Weltkultur die Völker befruchten soll. Ten historisch Geschulten unter unseren Feinden kommt es daher auch nicht in den Sinn, das Rad der Weltgeschichte zum Stillstand zu bringen und die bestehende Völkerkonstellativn für die ferne Zukunft konstant zu erhalten. Sie denken nicht daran, diesen völkergeschichtlichen Prozeß auszuschalten, wohl aber möchten sie ihn verlangsamen. Dieses Moment allein macht es uns erklärlich, wieso England die russische Großmacht auf Kosten Deutschlands noch stärken will, trotzdem es in dem noch stärkeren Russenreiche einen scheinbar noch größeren Rivalen befürchten müßte. Aber unsere Feinde fürchten nicht die numerische Uebcrlegenheit eines Volkes, sondern seine Kraft. Man entweiht die heiligen Opfer dieses Krieges, wenn inan in ihm lediglich einen Kampf um territoriale Besitzerwciterung sieht. Nicht Deutschlands weite Grenzen, sondern seine frische, entfaltungsreiche Lebenskraft wollen seine Feinde schwächen, um seine rasche Entwicklung wenigstens um einige Generationen zu hemmen. Hätten unsere Feinde diese unverbrauchte deutsche Volksenergie, die sie mit Recht befürchten müssen, in ehrlicher Weise beim richtigen Namen genannt, statt sie mit der schimpflichen Benennung „preußischer Militarismus" zu belegen, dann wäre auch ihre Kriegsinitiative deutscherseits richtiger beurteilt worden. Darin liegt das Geheimnis der optimistischen Kriegsbetrachtung unserer alten Propheten, daß sie nämlich nicht nach der Urheberschaft der Kriege, sondern nach ihrer Bedeutung und ihrer Wirkung geforscht haben. Das sollen auch wir von ihnen lernen, um nicht angesichts dieser Kriegsschrecken an Gott und an der moralischen Weltordnnng verzweifeln zu müssen. Nicht sollen wir fragen, wer hat den Krieg verschuldet, sondern, weshalb wird dieser Krieg geführt, um welche Güter wird hier gekämpft und welche Bedeutung hat derselbe für Gegenwart und Zukunft. Während so viele Kriegsskribenten, die aus glühendem Patriotismus lediglich die räuberische Eroberungssucht unserer Feinde für diesen Krieg verantwortlich machen, das bittere Geschick der unter der Kriegsnvt Leidenden noch tausendfach erschweren, durch den verzehrenden Wahn nämlich, daß das Leben von Millionen und die höchsten Güter der Kulturmenschheit der Laune eines Premiers oder der Willkür eines Generalissimus zum Opfer fallen — vermochte es gerade die prophetische Anschauung, die in dem „Herrn der Heerscharen" den Lenker der Kriege sieht, den Balsam des Trostes in die Herzen dieser Verzweifelten zu schütten, indem sie sie erkennen läßt, daß ihr Blut nicht materieller Interessen wegen fließt, sondern um die höchsten Probleme der Weltgeschichte zu lösen, um die Entwicklung der Menschheit in neue Bahnen zu lenken, um die Welt neu zu gestalten und die Völker neue Missionen antreten zu lassen. Derselbe Gott, der zu Israels Rettung die Wellen geteilt, hat sie über ihre Verfolger zusammenschlagen lassen. Er trauert um die Aegypter, die er auch als seine Kinder aüsieht, aber um Israel die Bahn zu seiner welthistorischen Aufgabe freizumachen, müssen sie untergehen. Und wie beim Anblick jener Katastrophe, nach einem Worte unserer Alten, selbst die Sklavinnen Gott in einem klareren Bilde geschaut haben als die späteren Propheten, so sollen auch unsere Tapferen Stärkung finden in dem stolzen Bewußtsein, daß sie an einem weltumwälzenden Prozesse, dessen Folgen für das Geschick der Gesamtmenschheit noch nach Jahrhunderten bestimmend sein werden, mitgearbeitet haben. Die Woche. Berlin, den 16. April 1916. ie Antworten der gegnerischen Presse, auch der Minister der feindlichen Staaten, aus die Rede des deutschen Reichskanzlers sind im Vergleich zu den früheren Auslassungen recht gemäßigt und trotz ihres mitunter recht bitteren und heftigen Tones doch weit entfernt von der Gehässigkeit und der