Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1916)
- Date
- 1916-04-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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SO. Jahrgang Nr. 16 Berlin, 21. April 1916 Allgemeine eilung des Audenlums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-pr e)s: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen viertelzährltch 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen skr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Tinholt* Des Passatzfestes Trostgedcmken an die Kriegsmüden! Von Dr. S. Iampel, Schwedt a. Oder. — Die Woche. — Theodor Nöldeke Von Prof. Dr. Eugen Mittwoch und L. G. — Die Nagelung eines Mögen Dovid. — Friedlicher Brief aus Stockholm. Von Toni Klein. — Miszellen und Lesesrüchte. I. bis X. — Feuilleton: Mein letzter Sederabend im Elternhause. Von M. Friedländer. — Büchereinlauf. Der Geweindebote (Beilage zur ^Allgemeinen Zeitung des Judentums"». Berlin, Beuthen (O.-S.), Posen, Nürnberg. Essen, Frankfurt a. M., Flehingen, Rottweil, Straßburg i. E , Graz, Lodz. — Von Nah und Fern. Des Ksllshkeltes Troltgedsnkrn sn die lkriessmüdenl Von Dr. S. I ci nt pel, Lchwcdt a. Oder. (^2 u die freiheitatmende und hoffnungsreiche Früchlings- \ zeit fällt die frohe Erinnerung an die Befreiung Israels aus generationenlanger Knechtung in Aegypten. Im neubelebenden Frühlingshauche erhebt sich das glaubensstarke Gemüt dankend und preisend zu dem Erlöser und Befreier der Völker. Die Passahfeier, dieses Geburtsfeft des israelitischen Volkes, das beim heiteren Anblick der aus des Winters eisigen Klauen befreiten Frühlingspracht gefeiert werden will, bringt uns alljährlich neben dem dankbaren Gedächtnis jenes Erlösungsmomentes auch noch die tiefernste historische Ueberzeugung, daß, wie in der Natur, so auch in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit, jedes Entstehen einem Vergehen folgt und jedes neue Leben nur aus den Ruinen des alten wächst. Wie die alte Natur dem winterlichen Todeserstarren verfallen muß. um die Entfaltung der neuen zu ermöglichen, so mußte Aegyptens Heer in des Meeres Fluten untergehen, damit Israel zu einem selbständigen entwicklungsfähigen Volke werde. Erst durch die plastischen Szenen vom Untergang der Aegypter erhält des Passahsestes Freiheitsbild seine Vollständigkeit. Daher ist dieses Fest jetzt lehrreicher für uns als in den sonstigen Jahren. Wie des Passahs Hymnen und Psalmen in dem himmlischen Retter Israels nicht allein den Verderber ihrer Feinde, sondern auch den Schöpfer und Vater derselben sahen, ohne in seiner Allgüte irre zu werden — wie wir am Sederabend beim Aufgählen der zehn Plagen Aegyptens einige Tropfen von unserem vollen Weinbecher fallen lassen und damit bekunden, daß unser Freudenkelch nicht voll ist, da unsere Feinde den Kelch der Leiden leeren mußten —, ohne daß dabei unser Glaube an die Alliebe Gottes erschüttert wird, so darf auch die Ueberzeugung von der moralischen Weltordnung durch die nie enden wollenden Kriegsschrecken bei uns keine Schwächung erfahren. Wenn der Finger des Allmächtigen nirgends so greifbar ist als in der Weltgeschichte — wie das Geständnis des größten deutschen Historikers lautet —, dann wäre nichts so irrig, als Gott gerade in solchen Völkerprozefsen auszuschalten, die eigentlich das ganze Gerippe der! Weltgeschichte bilden. Wenn sich der Menschcnbildner in die j Menschheitsgeschichte überhaupt mischt, dann doch sicherlich I vor allem in die Momente, die hier die größten Wendungen > herbeisühren. Ist aber der Lenker der Vvlkergeschicke auch der! „Jsch Milchama", der oberste Kriegsherr, ist er auf deit! Schlachtfeldern, auf denen über Gegenwart und Zukunft der j Menschheit entschieden wird, stets gegenwärtig, dann sind! die großen Heerführer seine Boten, dann i st j e d c r K r i e g e r ein Werkzeug in feiner H a n d. Diesen erhebenden Gedanken bringt die Haphiara des ersten Passahtages ganz deutlich zum Ausdruck. In einer geradezu überwältigenden dramatischen Szene belehrt sie uns, wie wir j zu einem großen Heerführer aufschauen sollen, was wir in ihm zu sehen und zu ehren haben. Wir lesen da folgendes: „Und es geschah, als Josua bei Jericho war, da erhob er seine Augen, und siche, ein Mann stand ihm gegenüber mit einem blanken Schwerte in seiner Hand. Josua ging auf ihn zu und sprach zu ihm: Gchörst du zu uns oder zu unseren Feinden? Er sprach: Nein, sondern ein Heerführer Gottes bin ich. Jetzt bin ich gekommen. Da warf sich Josua auf sein Angesicht zur Erde, verneigte sich und sprach zu ihm: Was hat mein Herr seinem Diener zu sagen? Der Heerführer Gottes sprach zu ihm: Ziehe deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn der Ort, auf dem du stehst, ist heilig. Und Josua tat also." Was hat nun diese Erscheinung hier bezweckt, und was sollen wir — ob wir nun hier Kunst oder Vision sehen — daraus lernen? Als Heerführer Gottes präsentiert sie sich Josua, und doch will sie weder ihm noch dem Feinde Hilfe bringen. Und welcher Sinn liegt überhaupt in den scheinbar nichts sagenden Antivorten dieser überirdischen Gestalt? Nun wahrlich, wenn ein Mann mit dem gezückten Schwerte in der Hand sich als „Heerführer Gottes" präsentiert, so bedürfen diese hochbedeutsamen Worte keiner weiteren Hinzufügung. Größeres konnte Josua, dem Heerführer, über die Erhabenheit seiner Mission wahrlich nicht zuteil werden, als wenn ein himmlisches Wesen sich ihm als sein Doppelgänger zugesellt. Israel lagerte im Grenzgebiete Palästinas, dessen Eroberung nun beginnen sollte. Josua, dem damals Schlachten liefern, feindliche Heere schonungslos ausrotten, Städte zerstören, Königreiche zertrümmern zur Lebensaufgabe gemacht wurde, sah sich vor eine blutige Mission gestellt, die seine Brust sehr beengt hatte. Da kam die überirdische Gestalt und ließ ihn schon allein durch ihr Erscheinen die erhabene Bedeutung seines Feldherrnberufs erkennen. Durch die wenigen Worte: „Ein Heerführer Gottes bin ich", wurde ihm die hohe Lehre zuteil, daß Kriegsherren die vermittelnden Organe Gottes sind, durch die er seine höchsten und heiligsten Pläne der Weltenlenkung verwirklicht. In der Entwicklungsgeschichte der Menschheit sollte damals für die epochalste Wendung die neue Bahn geebnet werden. Die mit der höchsten religiösen Mission betrauten abrahami-