Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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In drei großen Kriegen hat er für König und Vaterland gestritten; sein größter Schmerz war es, daher, als er sich anfangs August 1914 freiwillig dem Vaterlande von neuem zur Verfügung stellte, um demselben zum vierten Male 31t dienen, seines Alters wegen zurnckgelviefen wurde. Ein schwacher Trost war es ihm, seine beiden Söhne und seinen Schwiegersohn ins Feld schicken zu können. Er war auch Mitbegründer der Ortsgruppe Köpenick im Verbände Deutscher Kriegsveteranen. Scharf dröhnten drei Salven über das frische Grab, und Scholle hauste sich auf Scholle. Ergreifend erklang dann „Wie sie so sanft ruhen". Und während der verwundet in die Heimat beurlaubte Sohn das Kaddischgebet sprach, erschollen vor dem Portale Kvmmandoruse unb mit hellem Trommelschlag, der in einen Marsch überleitete, zogen die Truppen ab, dem Leben zu geben, was des Lebens ist. Königsberg, 7. April. Der Israelitische Verein für Krankenpflege und Beerdigung hielt am 26. v. M. seine Generalversammlung im Sitzungszimmer der Synagoge ab. Der Verein besteht seit nunmehr 211 Jahren. Seine Wirksamkeit erstreckt sich in Verbindung mit anderen wohltätigen Vereinen der Synagogengemeinde auf die Unterstützung mittelloser Kranker durch lausende oder einmalige Geldbeihilsen, auf Hilfe durch Medikamente, Bäder, Landaufenthalt. Er besoldet zwei Aerzte, die die bedürftigen Kranken behandeln. Ferner beteiligt er sich an allen Begräbnissen in der Gemeinde. Aus dem Verwaltungsbericht ging hervor, daß im verflossenen Jahre 11000 Mark für Unterstützungen ausgegeben sind. Bei der Vorstandswahl wurden die früheren Mitglieder sämtlich wieder gewählt 2/D Nakel, 7. April. Mit Kommerzienrat Lesse r Baerw a l d, der am 28. v. M., wie in der vorigen Nummer bereits mitgeteilt, in seiner Vaterstadt Nakel im 86. Lebensjahre dahmgegangen ist, verliert das Judentum der Provinz Posen einen seiner hervorragendsten Männer. In unermüdlicher Tätigkeit hat er durch seine hohe Intelligenz und strengste Solidität das von seinem Vater begründete weitverzweigte Geschäft zu einer der bedeutendsten Unternehmungen des Bromberger Bezirkes gemacht. Der Nakeler Stadtverordnetenversammlung gehörte er nahezu 50 Jahre an; jahrzehntelang war er ihr Vorsitzender und seine Verdienste um die Kommune wurden durch die Verleihung der höchsten städtischen Würde, des Ehrenbürgerrechtes, anerkannt. Darüber hinaus hatte er in der Handelskammer, im Kreistag und im Provinziallandtag eine umfangreiche, in weitesten Kreisen gewürdigte Wirksamkeit entfaltet. Sein regstes Interesse aber galt der Jüdischen Gemeinde Nakel. Viele Jahrzehnte hindurch hat er sie als Nachfolger seines Vaters geleitet, hat alle in ihr bestehenden wohltätigen Institutionen, vornehmlich aber die Bildungsbestrebungen aufs regste gefördert und durch reiche Stiftungen die Grundlagen für die Erhaltung des Nakeler Nabbmats gesichert. Von innigster Liebe zum Judentum erfüllt, war er ein eifriger Mitarbeiter aller großen jüdischen Organisationen. So hat er insbesondere als einer der Begründer des Verbandes der Shnagogengemeinden im Regierungsbezirk Bromberg segensreich gewirkt, und aus den Gemeindetagen und den Vereinigungen des Verbandes der deutschen Juden war der Dahingeschiedene, der trotz hohen Alters sich jugendliche Frische bewahrt hatte, ein verehrter Teilnehmer. Bei der Trauerfeier im Hause widmete Landtagsabgeordneter Justizrat Baerwald (Bromberg) dem Dahingeschiedenen namens der Familie, die zu ihm wie zu einem Patriarchen emporblickte, tiefempfundene Worte. Nach ihm ergriff einer der Schwiegersöhne das Wort und zuletzt sprach im Namen der jüngeren Generation ein Nesse des Verstorbenen, Herr Rechtsanwalt Dr. Eduard Baerwald aus Frankfurt a. M., Sohn des unvergeßlichen Direktors des Philanthropin, der, sooft er nur konnte, in seiner Heimat weilte, herzliche Worte der Dankbarkeit und des treuen Gedenkens an den ehrwürdigen Nestor der Familie, der auch ben Jüngeren gegenüber sich' immer liebreich und teilnehmend erwiesen hatte. Am Abend des 30. März wurde die Leiche in das würdig ausgeschmückte Gotteshaus gebracht, an dem der Dah-ingeschiedene mit besonderer Liebe gehangen hatte. Dort fand am nächsten Tage die öffentliche Trauerfeier statt, bei der Rabbiner Dr. Perlitz in tiefer Rührung bezeugte, was die Gemeinde ihrem Heimgegangenen Führer zu verdanken hat. Eine unabsehbare Menge folgte dem Leichenzug durch die nach dem Dahingeschiedenen benannte Baerwaldstrahe aus den Friedhof, wo in der Leichenhalle Rabbiner D. Walter (Bromberg), anknüpfend an das Wort: „Wißt ihr denn nicht, daß ein Großer, ein Fürst in Israel gestorben ist?", die vorbildlichste Persönlichkeit Lesser Baerwalds und die unauslöschlichen Verdienste, die er sich erworben, schilderte und würdigte. Sein Andenken wird weit über die Kreise der Nakeler Gemeinde hinaus segensreich wirken. m. Hamburg, 7. April. In der 2 2. Hauptversammlung des Israelitisch - humanitären Frauen- Vereins, die im Logenheim stattfand, erstattete die Vorsitzende Fräulein Sidonie Werner den Jahresbericht, der ein Bild reicher Kriegsarbeit des Vereins zeigte. Gleich bei Beginn des Krieges lvurde das Kindererholungsheim des Vereins in Segeberg zu einem Reservelazarett eingerichtet, das jetzt, nachdem viele Krankenbetten in Schleswig-Holstein und Segeberg frei wurden, von der stellvertretenden Militnrintendantur des 9. Armeekorps dem Verein wieder auf seinen Wunsch für erholungsbedürftige Kinder zur Der-. fügung gestellt wird. In gemieteten Räumen fanden auch im verflossenen Jahre 200 Kinder eine stärkende Ferienerholung. Dem Roten Kreuz gegenüber verpflichtete sich der Verein, jedes Jahr 35 bis 40 Kriegsbeschädigte, die stärkende Solbäder brauchen, kostenlos im Segeberger Heim aufzunehmen. Der Verein beteiligte sich sodann in hervorragender Weise an den Tageskolonien für schwächliche israelitische Kinder im Sommer. Das Hauptaugenmerk richtete sich jedoch während der ganzen bisherigen Kriegszeit auf die planmäßige Lösung der Ernährungsfrage, der die jüdische Volksküche im Logenheim neben den anderen in Hamburg zu dienen bestimmt ist. Dank den Zuwendungen der hamburgischen Kriegshilfe und von Privaten konnten täglich bis tausend Menschen ohne Unterschied des Glaubens und Standes gesättigt mib im ganzen mit einem Umsatz von 72 000 Mark 238 791 Portionen Essen verteilt werden. Als weitere Ausgabe erschien die Schaffung einer Arbeitsstube für ungelernte Arbeiterinnen, die allmählich erwerbsfähig wurden und in der Zahl von 309 die Lohnsinnme von 15 527 Mark erhalten haben. Durch Eröffnung der Kriegskinderstube ist den Blättern, die tagsüber in Arbeit gehen müssen, die Sorge um ihre Kleinen und Säuglinge abgenommen. Um die jungen Mädchen, die aus dem Berufe und der Fortbildungslehre durch den Krieg verdrängt wurden, zu schützen und zu fördern, entstand der Müdchenklub, wo nwtex Leitung einer Jugendpflegerin von geprüften Lehrerinnen ehrenamtlich Unterricht in wissenschaftlichen und Praktischen Fächern erteilt wird. Nach außen hin ist der Verein in der hamburgischen Kriegshilfe, im Stadtbuud und in der Hinkrbfiebenenfitrsorge „Frauendank 1915" vertreten, dem er 10000 Mark einlieferte. Es bewahren sich immer wieder die großzügigen Richtlinien des Gründers Gustav Tuch in dem Verein, wenn es in der großen und schweren Zeit gilt, mit grenzenloser Hingebung dem Vaterlande zu dienere. Anerkennende Erwähnung fand die trm Mitarbeit der etwa 80 Helferinnen und der Jngendgruppe. Hierauf wurde der Kassenbericht erstattet und der Kassenführerin Entlastung erteilt. R. Detmold, 7. April. Der Vorsteher der Synagogengemeinde Lemgo in Lippe, Fabrikant Kabaker, der sowohl bei seinen Glaubensgenossen wie auch bei seinen andersgläubigen Mitbürgern durch seine großzügig geübte Wohltätigkeit außerordentlich geschätzt ist, schenkte laut „Lippescher Post" der Wolfs scheu Stiftung daselbst in hochherziger Weise einen allen Anforderungen der Neuzeit entsprechenden Krankentransportwagen, welcher, mit elektrischer Jnnen- und Auhenbeleuchtnng, Wascheinrichtung, zwei Tragbahren versehen, zum Transport von zwei Kranken eingerichtet ist. Außerdem bietet der Wagen Raum für zwei Begleitnrannschaften. -Für das Krankenhaus bietet die Schenkung eine wertvolle Vervollkommnung feiner Hilfsmittel. — Braunschweig, 7. April. Wegen der Wiederbesetzung der Stelle des ersten Kultusbeainten der hiesigen jüdischen Gemeinde für den verstorbenen Landesrabbiner Dr. Rülf ist eine Ausschreibung erfolgt. Es sind darauf aus allen Teilen des Deutschen Reiches zahlreiche Bewerbungen eingegangen. Der erste der auf die engere Wahl gestellten Bewerber hat am 1. April die Probepredigt gehalten. Da die Geschäfte des Laudesrabbiners nach § 5 des Landesgesetzes über die jüdischen Gemeinden des Herzogtums vom Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde im Nebenamt besorgt werden, haben wegen der Wiederbesetzung des Landesrabbinats die gesetzlichen Vorschriften Platz zu Greifen. Danach ist vor. der Bestätigung des Landesrabbiners den nach Maßgabe des Gesetzes organisierten