Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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80. Jahrgang Nr. 15 Berlin, 14. April 1916 Der Gemeindevote. Vrilagr zur „Allsemeinrn Leitung deK ZudentumK". korrelpondmskn und Aachrichtm. LrutschlanL. E. R. Berlin, 9. April. Die heutige Sitzung der Repräsentantenversammlung wurde vom Vorsitzenden, Herrn Direktor Tr. Minden, mit folgender dem Andenken Moritz Manheimers gewidmeten Ansprache eröffnet. Er führte etwa folgendes aus: „Seit unserer letzten Sitzung ist unsere Versammlung wieder boiteinem herben Verlust betroffen worden. (Die Versammlung erhebt sich von den Sitzen.) Wenngleich mau sich nach dem Laufe.menschlicher Tinge seit langem daraus vorbereiten mußte, unseren würdigen ältesten Teilnehmer Moritz M a uh e i me r zu verlieren, so ist doch dieser..Schlag uns allen recht schwer aufs Herz gefallen. Dl oritz M anhei m e r hatte in einer schriftlich niedergelegten letztwilligen Verfügung verboten, daß sein Begräbnis ein öffentliches sein sollte; er hatte vorgeschrieben, daß es in aller Stille slattfinden solle: er hatte alle Reden, alle Blumenspenden verboten, und die Witwe, die ja alle seine Gesinnungen geteilt hat, ließ mich noch ausdrücklich bitten, darauf zu achten, daß diese Verfügung innegehalten werde. Ich habe Sie darum nur von dem Hingänge in Kenntnis setzen können, ohne Sie, wie es sonst üblich ist, auffordern zu können, dem Verstorbenen die letzte Ehre 51t erweisen. Meine Herren! Am 1. Mai wäre Moritz Manheimer 90 Jahre alt geworden. Am verflossenen 2. Dezember haben lvir hier im Gotteshause sein 60jühriges Ehejubiläum festlich begehen können. Auch damals hatte er alle öffentlichen Ehrungen zuerst abgelehnt; nur auf die dringende Vorstellung des Vorsitzenden unseres Vorstandes änderte er seine Meinung und erklärte sich einverstanden, daß hier im Gotteshause seine diamantene Hochzeit begangen würde. Meine Herren! Selten ist einer so viel geehrt worden wie Moritz Manheimer in den letzten Jahrzehnten seines Lebens, aber selten — und ich sage das aus vollster Aufrichtigkeit, denn ich kannte ihn von meiner Jugend an - sind von einem Manne Ehrungen gewissermaßen so als Last aufgefaßt worden wie von Moritz Manheimer. Er hat.damals, wie bei allen anderen Gelegenheiten, dein Wunsche der anderen, ihn. zu feiern, mir darum uachocgeben, weil er es im Juteresse der Gemeinde hielt, daß wohl andere zur Nacheiferung in guten Werken dadurch an gespornt werden könnten. Das war der Zweck seines Lebens. Das Begräbnis ist in der Stille erfolgt. Daß wir ihm ein gutes Andenken hier wahren werden, dafür sorgen seine guten Werke. Meine Herren, Sie kennen ihn ja, den Werdegang und die Geschicke Manheimers. Irr einer kleinen Stadt geboren, in sehr kleinen Verhältnissen groß geworden, ist er als junger Mensch nach Berlin gekommen und hat im Verein mit seinem Bruder einen bedeutenden Zweig des Berliner und des deutschen Gewerbelebens geschaffen. Darm hat er sich in der Mitte der Jahre von den Geschäften zurückgezogen und seine ganze Energie, die er vorher in seinem kaufmännischen Leben betätigt hatte, auf die Werke der Wohltätigkeit, hauptsächlich innerhalb unserer Gemeinde, gelenkt Was er geleistet hat, das zu würdigen, ist in kurzer Rede unmöglich. Hauptsächlich war es die Altersversorgungsanstalt, der er sich gewidmet hat; aber auch in allen anderen Zweigen der Wohltätigkeit sowie iu alten Teilen unserer Gemeindeverwaltung ist er hervorgetreten, überall luit der gleichen Pflichttreue, überall mit dem gleichen Eifer. Man hat Moritz Manheimer den großen Philanthropen genannt, ich glaube aber, das Wort Menschensreundschaft erschöpfte sein, Wesen nicht. Was er tat, das tat er aus einem inneren Drange, aus einem Pflichtgefühl, aus dem, ich möchte es unumwunden aussprechen, was unsere hebräische spräche und unsere Religion als Mizwoh bezeichnet. Mizwoh ist ja in erster Linie Gottesgebot, übertragen davon Pflicht, und in noch übertragenerem Sinne Wohltaten, die man seinem Nebenmenschen erzeigt. In dem Geist dieser Mizwoh hat Moritz Manheimer gelebt, und bis zu keinem letzten Atemzug ist er diesen Werken treu geblieben. Unserer Gemeinde hat er viele Jahrzehnte anaehört, er ist hier stets mit großer Energie bei allen Beratungen hervorgetreten. Sein Andenken wird bei nns unvergessen bleiben!" ~~ Sodann ergriff der Borsitzende des Gemeindevorstandes, Herr Kommerzienrat Eisner, das Wort: „Meine 'Herren! Ihr verehrter Herr Vorsitzender hat bereits daraus hingewiesen, daß der Verewigte angeorduet hatte, seine-Beisetzung irr aller Ltille und Schlichtheit ohne alle Gedächtnisreden vorzuuehmeu. Es ist mir deshalb ein willkommener Anlaß, an dieser Stätte seiner jahrzehntelangen gesegneten Tätigkeit zu gedenken inib ihm im Namen des Gemeindevorstaudes einige Worte treuer Verehrung Nachrufen zu können. Der Gemeindevorstand nimmt herzlichen Anteil an dem Verlust, der uns alle getroffen hat, an d-er Trauer um den Alaun, den wir als Mitglied, als eine Zierde unserer Geureinde, des Judentums, ja ich kann wohl sagen, der ganzen Menschheit bezeichnen dürfen. Tenn ein so treuer Sohn der Gemeinde, der der Tahingeschiedene auch war, so erfolgreich und wirkungsvoll er alle Zeiten für die Entwicklung und die Blüte unserer Gemeinde gearbeitet hat, so sehr er auch mit allen Fasern im Judentum wurzelte, das er mit Neberzengungstreue gegen innere und äußere Feinde zu verteidigen wußte, so entsprach es doch ganz seinem ethischen Bewußtsein und echt jüdischen Wesen, daß er seine Licbeswerke nicht ausschließlich seinen Glaubensgenossen wollte zugute kommen lassen, sondern daß sie in großem Umfange der Gesamtheit zuteil werden sollten. Ja, er beschäftigte sich seit vielen Jahren mit dem Problem, ob es nicht möglich sein könnte und sollte, durch Aufklärung und Belehrnng die Frage zu lösen, daß die Gegensätze im Glaubein in den Bekenntnissen und im Leben der Nationen zu überbrücken wären, und daß alle gemeinsam kür die hohen Ideale der Menschheit, für Duldsamkeit, Gerechtigkeit und Menschenliebe einträten. Deshalb hat ihn ganz besonders erschüttert imb in seinem Lebensnerv getroffen, daß er noch in hohem Lebensalter, an seinem späten Lebensabend, Zeuge werden mußte des furchtbar blutigen Dramas, das uns seit mehr als 20 Monaten in Atem hält, daß er 'sehen mußte, wie unsere Feinde mit vergifteten Waffen, mit Verleumdung, Lüge und Entstellung gegen uns kämpfen, und wehmütig mußte er erkennen und bekennen, daß die Verwirklichung seiner Ideale in weite, unabsehbare Ferne gerückt seien. Um so größere Genugtuung gewährt es uns heute, dem Dahiugeschiedenen und zugleich seiner verehrten, treuen Gemahlin, die zugleich seine treueste und verständnisvollste Mitarbeiterin gewesen ist, eine Ehrung erwiesen zu haben, wie Nur sie einem Gemeindemitglied noch nicht gewährt haben, indem wir ihm eine öffentliche Feier in unserer Hauptsynagoge veranstalteten. Moritz Manheimer errichtete zahlreiche Stiftungen und wußte sie durch eine unübertreffliche Freigebigkeit auf so sichere Grundlage zu stellen, daß sie zu allen Zeiten ihrem edlen Zweck werden dienen könuen. Er hatte den Wunsch, daß unverschuldete Not und Elend, Sorge und Krankheit, soweit das überhaupt in menschlichen Kräften steht, gehoben und gelindert werden, und in diesem Sinne erstreckte er feine Fürsorge ans die mannigfaltigsten Wohltätigkeitseinrichtnngeu, in erster Linie ans die Altersversorgung, damit allen würdigen Männern und Frauen unserer Gemeinde in den Stürmen und Kämpfen des Lebens einfriedliches Heim beschieden werde Er erstreckte seine Tätigkeit auf das Krankenhaus, das Hospital und die Unglücklichen, die von unheilbaren Krankheiten befallen sind, auch auf die Kindergenesungsstätten. Es würde zu weit führen, alle Schöpfungen aufznführen, an denen er beteiligt lvar und die er selbst geschaffen bat. Eine besondere Freude lvar es ihm, mit den seinem Schlitz Anbefohlenen iu Persönlichem Verkehr zu bleiben. Er kannte ihre Verhältnisse ganz genau und teilte ihre kleinen und großen Sorgen, lvar ihnen rnit feinem reichen Rat und seinen großen Erfahrungen zur Seite, gab ihnen Rat und Unterstützung, und so hat er häufig frischen Lebensmut und neue Hoffnung den Seelen derer eingeflößt, die er mit seinem Trost erfreuen konnte. Ein Mann von seltener Bedürfnislosigkeit, abhold jedem Prunk, suchte und fand er seine Befriedigung iu der selbstlosen Hingebung und Arbeit für die Liebeswerke, die er geschaffen hat, in der strengen Pflichterfüllung,- die er geübt hat, und in dieser Hinsicht stand er so hoch, daß er allen seinen Mitarbeitern ein leuchtendes Vorbild wurde. Nun ist dieser Mann 'hingegangen nach einem arbeitsreichen, glücklichen und gesegneten Leben. Seine sterbliche Hülle haben lvir zur Ruhe bestattet, und lvie sein Name in den Annalen unserer Gemeinde mit goldenen Lettern verzeichnet ist, so werden noch die spätesten Geschlechter, die seiner Wohltaten teilhaftig werden, ihn als einen edlen Menschenfreund, als einen Wohl-