Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-14 · Heft 15 (14.4.1916) · p. Seite 180

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 15 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 180 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229248--72150-3284575
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

180 die Massen gegen die Juden aufzuwühlen, so daß nicht selten an den christlichen Osterfeiertagen, wenn die Prozessionen durch die langgestreckte Gasse des Stäbchens zogen. Judenerzesse ausbrachen. Da durfte sich kein Jude aus der Gasse zeigen, Tür und Tor der Judenhäuser wurden verschlossen und verrammelt und wir Kinder wurden während der Prozession hinter dem großen Kachelofen versteckt gehalten, da oft faustdicke Steine durch die klirrenden Fenster flogen. — Nach zwei Tagen war alles wieder ruhig, das vormalige friedliche Zusammenleben von Juden und Christen wiederhergestellt. Zn den nächsten Ostern aber wurden gleichwohl die Schimurim-Mazzoth nach wie vor in hergebrachter Weise gebacken. Der Rabbi also und sein frommer Anhang schöpften eigenhändig das Wasser für die Schimurim und trugen die Wasserkrüge ins Backhaus,. wo sie das Riehl, das von der Blühte her unter strenger Beaufsichtigung gestanden, „anmachten", den Teig kneteten, die Mazzoth formten und sie fertiggestellt dem Bäcker auf die Schaufel hinbreiteten. Um diese so entstandenen „Schimurim" — das leibhaftige „Brot des Elends" — rissen sich dann die Frommen in der Gemeinde und waren glücklich, einige erhaschen zu können. — Doch, ich will ja eigentlich nur von dem letzten, für mich wenigstens denkwürdigen Tederabend sprechen, den ich in meinem Vaterhaus verlebte! und da muß ich derjenigen gedenken, die au demselben teilgenommen. Vorausschickeu muß ich nämlich, daß mein Vater eine gut fregneutierte Jeschiba (Talmudschule) hielt, deren reifere Jünger Zutritt zu unserem Seder hatten. Ebenso beteiligten sich an demselben noch rinverheiratete, alleinstehende Talmudisten des Ortes und außerdem selbst Familienväter, die aber erst hinzukamen, nachdem sie in ihrer Familie deir Seder absolviert hatten, um sich an den wissenschaftlichen Diskussionen zu beteiligen, die sich in unserem Hause bis zum grauenden Morgen hinzogen. Es'ging also au diesem Abend bei uns hoch her, besonders beim zweiten, gegen Mitternacht anhebenden Sederabschnitte. — Der erste befaßte sich ausschließlich mit dem Lesen und Kommentieren der Agada, und als gegen Schluß desselben unter allgemein spannender Erwartung die Tür weithin geöffnet wurde, damit der Genius der jüdischen Familie, Eliah, der Vorläufer des Messias, der ja nach prophetischer Verkündigung dereinst erscheinen soll, um die gelockerten Familienbande wieder zu befestigen, hereintrete und am Tische vor dem ihm bereitgehalteneu Weinbechcr Platz nehme: da durchrieselte unsere Glieder ein heiliger Schauer, beseelt von dem Glauben, daß Eliah jetzt eingetreten und in unserer Mitte unsichtbar weile und webe. - Hierauf wurde das symbol- und sinnreiche Nachtmahl aufgetragen, in dessen Verlaufe sich immer mehr Gäste einfanden, und allmählich eine heitere unternehmende Stimmung zum Durchbruch gelangte. Die Agadagesänge erklangen im schmetternden Chor, und als sie mit dem vielbekannten sinnigen Liede: „Ein Zicklein, ein Zicklein" schlossen, da setzte auch schon die so sehnsuchtsvoll erwartete Diskussion ein, die sich ausschließlich um das Thema des „Auszuges aus Aegypten" bewegte und den Talmudisten reiche Gelegenheit bot, ihre Belesenheit und Schlagfertigkeit ins'hellste Licht zu stellen. An diesem, meinen letzten, im Elternhause verbrachten Sederabcnd nun, der einen unverwischbaren Eindruck bei mir zurückließ, waren es besonders zwei junge Talmudgelehrte, die sich in der Diskussion hervortaten, deren religiöse Richtung ich zum besseren Verständnis mit einigen Worten andeuten will. Der eine, schlechtweg der reiche Mottl genannt, war vor kurzem von der Preßburger Jeschiba, auf welcher er durch volle zehn Jahre dem Talmudstudium oblag, heimgekehrt, um nach dem Tode seines Vaters als einziger Sohn ein reiches Erbe anzntretcn. In Preßburg war er wegen seiner Freigebigkeit und nicht zuletzt wegen seines talmudischen Scharfsinns allgemein unter den Kollegen respektiert, jedoch wegen seiner fortschrittlichen Richtung, insbesondere als es ruchbar wurde, daß er sich mit den Mendelssohnschen Schriften befaßte, mißtrauisch beobachtet. Sein intimster Widersacher war sein Jugendgespiele Maierl Scholberer, der gleichzeitig mit ihm die Preßburger Jeschiba bezogen hatte, um sich, da er armer Leute Kind war, dem Rabbinerstande zu widmen, und der dank der reichlichen Unterstützung, die ihm Mottl angedeihen ließ, sich recht und schlecht in der Fremde durchschlagen konnte Während nun Mottl lvegen seiner schöpferischen Begabung allgemein auf der Jeschiba als „Charis" (scharfsinnigel Talmudist) galt, konnte es Maier! ungeachtet aller An strengung doch nur dahin bringen, als einfacher Dutzend Lamdonim i Talmudgelehrter) angesehen zu werden. Das tmtrmti und verbitterte ihn gegen seinen Kollegen und Wohltäter unk spornte ihn an, denselben durch Gesetzeskunde und Gesetzes^ frömmigkeit turmhoch zu überragen, was ihn ja schließlich allch bei einer Bewerbung um ein Rabbinat ungemein fördern mußte. Waren sie nun allein, unter vier Augen, dann hüteü sich Maierl gar wohl, sich mit ihm in eine talmudische Kontroverse einzulassen. Einmal jedoch vergaß er sich, fing mit ihm ein Geplänkel an und stürmte, wie es in der Hitze des Gefechtes seine Gewohnheit war, wild gestikulierend und mit den Hände: in der Lust fegend, auf ihn ein. Da verlor Mottl die Geduld Er stürzte sich aus ihn, umklammerte seine Arme, daß sie siel nicht bewegen konnten und rief ihm höhnend zu: „Jetzt, Maierl rede, wenn du kannst. Ich weiß, daß cs dir nicht sowohl un die Erforschung der Wahrheit als vielmehr darum zu tun ist deine talnmdischen Künste spielen zu lassen. In der Klopf fechterei aber, das gebe ich dir gern zu, bist du mir gar sehi über. So bleibt mir denn nichts anderes übrig, als beim geschicktesten und beweiskräftigsten Waffen — deine Hände - unschädlich zu machen. Vermagst du nun, ohne diese, ver nünftig zu sprechen, dann sprich!" — — Beschämt schrote, Maierl und wagte nie wieder, ihn unter vier Augen zur Dis pirtativn herauszufordern. Nur wenn sie bei den Vorträgei des Rabbi, deren integrierender Teil die Kontroverse bildete saßen, wo Maierl überdies sicher war, daß Mottl ihn schone: werde, da durfte er sich gehen lassen und nach Herzenslust mi Händen und Füßen kämpfen. Beide nun, sowohl Mottl als auch Maierl, waren Gäst jenes Sederabends, von dem ich hier spreche. Der erstere ver brachte die ganze Woche aus seinem, etwa fünf Kilometer vor unserem Städtchen entfernten Gute und hielt sich bloß an de: Sabbaten und Festtagen in unserer Gemeinde auf, wahrem der letztere erst vor kurzem in seine Heimat zurückgekehrt war um hier seine Berufung auf einen Rabbinerposten abzuwartev (Schluß folgt.) Sprechlaal. A.-H.-O., den 6. April 1916. An die Schristleitung der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", Berlin. Im Aufträge der Feldrabbiner des Westens richte ich an Sie di ergebene Bitte, nachstehende Notiz in Ihr geschätztes Blatt freund lichst aufnehmen zu wollen: „Es kommt vor, daß jüdische Mannschaften infolge besondere Umstände von den in religiösen Abständen von 3 bis 4 Woche! unter Leitung des Feldrabbiners (dem A.-O.-K. oder der Etappen Inspektion zugeteilt) stattfindenden und genw-hnlich durch Division^ oder Etappminspektionsbesehl bekanntgegebenen Gottesdiensten in Felde keine Kenntnis erhalten. Es wird den Mannschaften dringen empfohlen, sich bei ihrem nächsten Vorgesetzten nach Ort und Zn des jüdischen Gottesdienstes zu erkundigen." Mit vorzüglicher Hochachtung Tr. Hebener, Feldrabbiner beim A.-O.-K. 7.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.