Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Träger aller Erscheinungen ist nicht nur physische Weltseele, welche alle Bewegungen hervorbringt, sondern er ist durch Sichselbstbestimmen ein selbständiger, fteier Geist, er ist Gott; ohne Gott keine Welt, die Welt ist ein wahrnehmbarer Gedanke Gottes. Den Erscheinungen der Welt, deren Bewegungen den ausgestellten Gesetzen notwendig folgen müssen, oder der Natur steht die Freiheit, welche sich jedoch nur im Menschen findet und Geist genannt wird, gegenüber. Der richtige Repräsentant eines zwiefachen Lebens, und ist als Richter über die Wahrheit seiner eigenen Schöpfungen Vernunft; die Vernunft bewegt sich auch im Gebiete des Schönen und Sittlichen, dort als Kunstgeschmack, hier als Gewissen. Das Ideal des Guten ist im Geiste die göttliche Offenbarung. Formstecher unterscheidet zwischen der objektiv gegebenen oder vorhistorischen Offenbarung, welche sich als eine vollendete Manifestation des Absoluten zeigt, und der historischen Offenbarung, welche die Quelle einer jeden Religion, und aus welcher die Vernunft ihren Inhalt und der Menschengeist sein Ideal schöpft. Die Offenbarung des Judentums ist die ununterbrochene, fortschreitende Einwirkung Gottes auf den menschlichenGeist, die Erzieherin und Heiloerkünderin des Menschengeschlechts. Das Judentum, das seinen Gott als ein von der Natur unabhängiges Wesen« betrachtet, kannte, als diametraler Gegensatz des Heidentums, das einen Gott der Natur hat, nie einen Zweifel an das Dasein Gottes. Demzufolge verwirft Formstecher jede Theogonie, jede Emanation und jeden Dualismus, welche sämtlich dem Heidentum eigen sind. Diese systematisch-wissenschaftliche Darstellung des Judentums, welche neben vielem Bekannten Rabbiner Dr. S. ■Sotm siecher Min letzter Sedersbend im Mernhsule. Von M. Friedländer. letzten mir unvergeßlichen, ebenso erhebenden als ) ergreifenden Sederabend verlebte ich vor zwei Menschenaltern als dreizehnjähriger Knabe im Elternhause, das ich bald darauf verließ, um in »die Welt hinauszugehen und mir fern von der Heimat eine Existenz zu gründen. Galt den Juden das Fest der ungesäuerten Brote damals noch als das höchste, von groß und klein in zitternder Spannring herbeigesehnte, so gestaltete es sich im Hause eines orthodoxen Rabbiners vom Schlage meines Vaters, eines der hervorragendsten Jüngers des sogenannten Chatham Sopher in Preßburg, zu einem wahren M y st e r i u m. Schon die Vorbereitungen zu demselben erzeugten in der jüdischen Gemeinde nervöse Zuckungen. Nachdem der Rabbi an dem dein Pessachfest vorhergehenden „großen Sabbat" seine hallachischen und agadifchen Vorträge, in welchen er auch sämtliche für die bevorstehenden Festtage geltende religiöse Bestimmungen erörterte, gehalten hatte, begann sich eine eigenartige Bewegung durch die sonst in des Jahres Einerlei still und geräuschlos hinlebende Gemeinde zu ziehen. Die Frauen fingen an, im ganzen Gehäuse zu scheuern, zu kleben, zu tünchen, das Unterste zum Obersten' zu kehren, derweil die Männer in allen Winkeln nach etwaigen Resten gesäuerten Brotes fahndeten, um dieselben für die acht Pessachtage aus Haus und Hof zu bannen und die eingebrachten Mazzoth auf rein gefegtem und mit Linnen belegtem Boden aufzuspeichern. Die Kinder sprangen wie besessen umher, von nichts anderem sprechend und schreiend als von den zu erwartenden Geschenken, die hauptsächlich in Kleidern bestanden, da sie zu diesem Feste von Kopf bis Fuß neu bekleidet wurden. Mit heiligen erfüllten uns Knaben, die wir bereits in des Talmud eingeführt waren, die Vorauch so manches Neue und Originelle enthält, schließt mit einer Geschichte desselben und wurde als ein schätzbarer Beitrag zur jüdischen Religionsphilosophie anerkennend begrüßt." Ueber die gegenwärtigen Zustände der nun über zwei Jahrhunderte bestehenden Gemeinde vermag ich aus eigener Kenntnis nicht viel zu sagen. ' Ich habe mehrmals in dem dortigen Literaturverein Vorträge gehalten, auch den jetzigen, seit 1889 dort tätigen Rabbiner Dr. Goldschmidt, der vielfach literarisch .hervorgetreten ist, kennengelernt und mich an dem frischen, geistigen Leben, dem empfänglichen Sinne mancher Gemeindenitglieder zu erfreuen gehabt. Möge in dem neuen Gotteshaufe, das nun eingeweiht wird, Erbauung in die Gemüter einziehen, Friede und Eintracht herrschen, und möge der Gemeinde wie unserem Vaterlande eine glückselige Zukunft beschieden sein! L. G. Schauern aber die Geheimnisse bereitungen, welche am Vorabend des Rüsttages von dem Rabbi und den Talmudkundigen in der Gemeinde zum Backen der sogenannten „Schimurim-Mazzoth" getroffen wurden. Denn diese Hyperfrommen begnügten sich keineswegs mit den von profanen Händen hergestellten „Ungesäuerten Broten", sie wollten, zumal für den ersten Sederabend, für „die Nacht der Wache" (lei schimurim) von tadellos frommen Händen geweihte, geknetete und gebackene Schimurim-Mazzoth haben. Und so gingen sie hin und besorgten dies selbst. Sobald es nun zu dunkeln anfing, zog der Rabbi, der vorerst ein Tauchbad genommen, an der Spitze der Talmudisten in der Gemeinde, den Wasserkrug in der Hand, zum Brunnen aus, um das zum Ankneten des Teiges nötige Wasser zu schöpfen. Wir Kinder folgten mit verhaltenem Atem. Aber auch die nichtjüdische Bevölkerung sammelte sich an, um sich dies ftemdartige Schauspiel anzusehen, in welchem die Harmloseren einen unschädlichen religiösen Akt sahen, die Hetzer aber eine Verschwörung gegen die Christen witterten und gierig die Gelegenheit wahrnahmen.