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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-14 · Heft 15 (14.4.1916) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 15 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 178 (sequence 10)
Language
German
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178 evangelische Geistliche und Läutbatzen an den Glöckner der reformierten Kirche. Die letztere wurde erst 1845 aufgehoben. Von der inneren Entwickelung der Gemeinde, auch von der Zahl der Gemeindemitglieder wird in der Schrift nicht allzuviel mitgeteilt. Einen gewissen Einblick in die inneren Verhältniffe erlangt man durch die Ansprache des Gemeindevorstandes. deren Neudruck als besondere Schrift (siehe Anmerkung) sehr willkommen geheißen werden muß. Sie ist ungemein würdig gehalten. Znr Charakteristik ihres Tones und deS Geistes, von dem die Gemeindeverwaltung gefettet wurde, mögen folgende Sätze dienen: „Was ist denn innerhalb diesen 22 Jahren geschehen, was gegen unsere Religion ist? Wann wollte der Vorstand nur das geringste Religionsverbot durch seine Anordnungen verletzen? Ist es gegen die Religion, wenn einige unverstanden hergesagte Piutim entfernt werden, von denen die Verfasser des Talmuds noch nichts wußten? Ist es gegen die Religion, wenn in der Synagoge Ruhe und Feierlichkeit herrscht statt verworrenes Durcheinanderschreien? Ist es gegen die Religion, wenn der Religionsunterricht nun in geordneter Weise erteilt wird, statt daß früher nur eine geringe Anzahl Knaben ohne gehörige Beaufsichtigung und ohne Methode an demselben teilnehmen konnte? Nenne man doch nur eine einzige Einrichtung. welche den wahrhaft israelitisch - religiösen Lehren widerspricht? . . . Pflicht, unsere so reine, himmlische Religion in einem solchen Gewände hinzustellen, daß ihr statt Spott und Verachtung Anerkennung und Lob gezollt werde? . . . Hätten unsere Väter vor 50 Jahren das für uns geleistet, was wir für unsere Nachkommen leisten, so wäre das religiöse Leben der Gegenwart weit stärker und kräftiger." An dieser großen und segensreichen Tätigkeit des Vorstandes hat der Rabbiner Samuel Formstecher mitgewirkt. Er war der sechste in der Reihe der Rabbiner, seit 1832 Prediger und Religionslchrer. von 1842 bis 1889, also fast ein halbes Jahr-- hundert. Rabbiner. Formstecher2) war in Offenbach an: 28. Juli 1808 geboren und ist am 24. April 1889 gestorben. Er besuchte die Schule in seiner Vaterstadt, die Universität in Gießen und erwarb sich dort und in seiner Heimat rabbinische Kenntnisse. Er ®) Zu den folgenden Bemerkungen über Formstecher sind der kurze Artikel von A. Brüll in der „Allgemeinen Deutschen Biographie", Band 48, sowie einige Notizen in den beiden von mir herausgegebenen Biographien meines Vaters und einzelne Abschnitte aus Winter u. Wünsche, „Die Jüdische Literatur" benutzt. Ich erinnere mich als konnte als Lehrer und als Rabbiner sein 25- und 50jähriges Amtsjubiläum feiern. Formstecher blieb seiner Gemeinde treu. Nur einmal. 1832, möglicherweise bevor er in seiner Vaterstadt fest angestellt war, hatte er sich nach Wiesbaden als Rabbiner gemeldet, wurde dort gewählt, verzichtete aber, obgleich seine Wahl von der Regierung bestätigt worden war. auf dieses Amt und blieb seiner Heimat treu. Er war Mitglied des Vereins jüdischer Gelehrter, der sich mit der Herausgabe der «Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie" befaßte, beteiligte sich aber wenig an dieser Zeitschrift. Er war ein liberaler Mann. Als solcher nahm er an den drei Rabbinerversammlungen (1844, 1845, 1846) und an der Synode in Kassel 1865 teil und bewies durchaus liberale Gesinnung. Daß er in diesen liberalen Bestrebungen jedoch nicht völlig konsequent verfuhr, schließe ich aus einem Worte meines Vaters: „Formstecher beantragt Sabbatvereine und richtet einen Sonntagsgottesdienst ein." Formstecher war literarisch vielfach tätig. Er versuchte sich auch als Dichter; 1863 erschien von ihm eine größere Novelle „Buchstein und Kohnberg", in der er „eine harmonische Mischung von Charakteren der Vergangenheit und der Zukunft zeigen wollte, die Vergangenheit aber tendenziös behandelte." Manche seiner Roden, sind gedruckt. Schon in den dreißiger Jahren (1833) erschien eine Sammlung, eine der frühesten Zusammenstellungen deutscher Predigten. Zweimal, 1859 und 1861, das eine Mal mit L. Stein, das andere Mal mit L. Klein, machte er den Versuch, eine Wochenschrift herauszugeben, beidemal aber mit recht mäßigem Erfolge. Besondere Verdienste erwarb er sich um ldas Schulwesen und war selbst als Lehrer eifrig tätig. Seine hauptsächliche Bedeutung beruht in einem Werke, das 1841 erschien und den Titel führt: „Die Religion des Geistes, eine wissenschaftliche Darstellung des Judentums nach seinem Charakter. .Entwickelungsgange und Berufe in der Menschheit." ließet dieses Werk gebe ich hier, da es meiner Kompetenz fernsteht, den Abschnitt wieder, der sich in dem angeführten Werke von Winter u. Wünsche befindet. Er lautet: „Das Judentum als eine absolut notwendige Erscheinung Knabe und als angehender Jüngling den würdigen Mann mehrfach im Hause meines Vaters gesehen zu haben. Das Andenken an de» gelehrten, humanen, aus vielen Gebieten tätigen Mann, der, gewiß ein seltenes Vorkommnis für einen Rabbiner, von seiner Vaterstadt zum Ehrenbürger ernannt wurde, ist noch heute in Offenbach verbreitet. Ist es nicht;Jfr ife Alte Sabbat - Hängelampe.

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