Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Außer bem Redner haben sich an diesen Reisen unter anderen beteiligt oie Herren Dr. James Simon, Kommerzienrat Netter, Dr. Kahn. Bisher sind in Jahresfrist zehn Reisen gemacht worden, also fast in jedem Monat eine, und zwar dehnten sie sich immer dis möglichst nahe an die Front aus. Es handelte sich um die Orientierung über die Lage und im Anschluß daran um die Schaffung der Hilfsorganisationen. Die Orientierung ist jetzt so weit gediehen, daß die Gesuche und Vorschläge aus dem Notstandsgebiete von der Zentrale in Berlin aus voller Kenntnis der lokalen Bedürfnisse beurteilt werden können. In Polen befanden sich in Friedenszeiten ungefähr 1700 000 Juden. Ein Fünftel dieser Bevölkerung, also ungefähr 340 000, ist neiwillig oder gezwungen nach Rußland gegangen. Zurückgeblieben sind demnach noch etwa 1360 060 Juden. Ein Drittel dieserin Polen verbliebenen jüdischen Bevölkerung, ungefähr 455 000 Seelen, hungert und friert; 50 000 von ihnen sind ans der Front evakuiert, ohne eigenes Heim und befinden sich in bemitleidenswertestem Zustande. Die Zahl der Juden in Litauen betrug in normalen Zeiten 700 000. Ein Viertel dieser Juden — 175000 — ist nach Rußland vertrieben worden. Weitere 125 000 find freiwillig mit den Nüssen zurückgegnngen, so daß zurzeit in den besetzten Teilen Litauens mit 400 000 Juden zu rechnen ist, von denen mindestens 250000 sich, in äußerster Not befinden. Die Not der Juden in Litauen ist, da dieses Gebiet stets wirtschaftlich schlechter gestellt ist, noch größer als die der Juden in Polen. ' In K u r l a nd gab es im ganzen 50 000 Juden. 40 000 von ihnen sind in rohester Weise von den Russen vertrieben worden und nur 10 000 blieben zurück, darunter 8000 allein in. Libau. Eine Hilsstätigkeit für die kurländischen . Juden ist zurzeit nicht notwendig. Im ganzen befinden sich also im besetzten Gebiet gegen 700000 unterstützungsbedürftige Juden, deren Zahl sich noch von Tag zu Tag vergrößert. «An Unterstützungen hat das Hilfskomitee für Polen bisher nahezu 2 000 000 Mark lausgegeben. Außer diesen Summen sind ungefähr noch. 75 000 Mark vom Deutschen Zentralhilfskomitee den Juden zugute gekommen; ferner sind von der JCA. 110 000 Mark überwiesen worden, weitere 500 000 Mark kamen direkt aus Amerika und weitere 100 000 Mark aus anderen neutralen Staaten oder aus anderen Quellen. Insgesamt hat also die bisherige Hilfe für Polen und Litauen rund M Millionen Mark betragen. In den kommenden Monaten wird, um das allergrößte Elend zu lindern, eine Summe von monatlich 500 000 Mark notwendig sein, die das jüdische Hilfskomitee zu verausgaben hat. Mit den 500 000 Mark werden monatlich 225^Städte und Ortschaften in den besetzten Gebieten unterstützt, in denen sich zusammen an 90 Volksküchen, 25 Teehallen und zahlreiche sonstige öffentliche Einrichtungen, die den Hungernden zugute kommen, befinden. Neben den Geldmitteln, die wir. zur Verfügung gestellt haben, ist auch noch in anderer wirksamer Weise Bedürftigen Hilfe zuteil geworden. Der Hilssverein hat in großem Umfange Kleider, Bettzeug, Wäsche, Schuh zeug nach den besetzten Gebieten geschickt. Insgesamt sind bisher 1500 Zentner abgegangen. Die ganze geübte Hilfstätigkeit ließ sich natürlich nur in engster Verbindung mit den Militärwie Zivilbehörden ausführen. Alle entscheidenden Stellen innerhalb der Militär- und Zivilverwaltung haben dem Humanitären Wirken volles Verständnis entgegengebracht und es aufs weitgehendste unterstützt, was von außerordentlichem Segen gewesen ist. Denn es waren große begründete Bedenken militärischer Natur zu überwinden, sowohl was die Geldhilfe wie die Briefvermittelung anbetraf. Alle diese Schwierigkeiten konnten überwunden werden, und die Hilfe bis in die entlegensten, schwer zugänglichen, von Eisenbahnen abliegenden Gegenden erstreckt und organisiert werden. Die wesentlichen Dienste bei dieser Arbeit hat der Generalsekretär des Hilfsvereins Herr Dr. Bernhard Kahn geleistet, dem dafür lebhafter Dank gebührt. Eine weitere schwere Aufgabe wurde erfüllt durch den systematisch organisierten Nachrichtenverkehr und die Geldvermittelung zwischen den nach Amerika und anderen neutralen Ländern ausgewanderten Inden aus Polen, Litauen, Kurland und ihren dort zurückgebliebenen Angehörigen. Es mag nur sestgestellt sein, daß seit Anfang Oktober 1915 bis heute mehr als 120 000 Briefe und Einzelanfragen nach Russisch-Polen, Litauen und Kurland vermittelt wurden und mehr als 100 000 aus diesen Gebieten nach Amerika und anderen Ländern. Das Bureau des Hilfsvereins wird dabei als die Zentralstelle für diese Arbeit betrachtet, auch für Briefe an Nichtjuden. Die amerikanische Botschaft, die übrigen Botschaften und sämtliche Konsulate bedienen sich seiner Vermittelung, ebenso häufig die polnisch-katholischen Vereine und andere nichtjüdische Institutionen, ferner die Kommandanturen und Polizeibehörden in den besetzten Gebieten. Ueber den Umfang der Posteingänge mag ein Beispiel angeführt Werdern Am 22. März — dieser Tag sei gewählt, weil er unmittelbar vor Abfassung des Rechenschaftsberichtes liegt — gingen allein 2300 Briefe, darunter 900 eingeschriebene Sendungen, bei uns ein. Noch verantwortungsvoller und wertvoller als die Vermittlung der Briefe und Nachrichten ist die Uebermittelung der Geldsendungen von Verwandten im Ausland an ihre Angehörigen in den okkupierten Teilen Rußlands, die ebenfalls einen sehr großen Umfang, angenommen haben. Wie bei den Briefen, ist der Hilfsverein durch seine Tätigkeit auch hier wieder als diejenige Stelle bekannt geworden, die schließlich am besten alle Geldsendungen erledigen kann, und so wenden sich auch die Banken in Deutschland, in Amerika und in dem sonstigen Ausland an ihn, damit er die an ihn gehenden Geldsendungen nach. RussischPolen und Litauen weiterleitet. Die Summen, die in dieser Weise in ganz kleinen Beträgen monatlich durch seine Hand gehen, sind ungefähr in den letzten Monaten je 400000 Mark und erhöhen sich fortwährend. Er erhält und versendet häufig an einem Tage 100 000 Mark in. ganz kleinen Summen von 10 bis 100 oder 200 Mark. Daß die materielle Hilfe, die auf diese Weise von Verwandten an Verwandte geleistet wird, und daß das Wiederanknüpsen zerrissener Familienbande von höchstem Werte ist, bedarf keiner Auseinandersetzung. Auch das A u s w a n d e r u n g s P r o b l e m wurde in den Kreis des Hilsswerks gezogen. Am 21. Februar 1916 fand eine Konferenz in Kowno unter Vorsitz des Generals v. Ludendorff statt, die sich mit dieser Frage beschästigte. Die Militärbehörden haben sichberei'tftnden lassen, unter gewissen Modalitäten wenigstens die Personen nach. Amerika hinübergehen zu lassen, die von ihren ^Anverwandten aus Amerika Schisfskarten — Prepaids — erhalten haben. In größter Aufopferung haben die Arme er abb iner dem Hilssverein bei dem russischen Hilfswerk zur Seite gestanden. Auch christliche Feldgeistliche haben, was doppelte Anerkennung verdient, das jüdische Humanitätswerk selbstlos gefördert. Die Hilfeleistung auf breitester Basis konnte nur ins Werk gesetzt werden durch die außerordentliche Unterstützung seitens der Juden in Amerika. Wenn auch in Deutschland durch gemeinsame Sammlungen von Hilssverein, Großloge und Frankfurter Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden erhebliche Summen aufgebracht worden seien — durch den Jüdischen Hilfsfonds 1915 — so hätte damit eine so großartige Hilfeleistung, wie sie die amerikanischen Gelder ermöglichen, nicht bewirkt, werden können. Im ganzen sind in der Kriegszeit durch das Bureau des Hilssvereins ungefähr 8 Millionen Mark zur Verteilung gelangt. Bis zur letzten Rede des Reichskanzlers 0.‘ Bethlnann Hollweg war es nur möglich, die ärgste Not zu lindern; es war nicht möglich, weiter in die Zukunft zu blicken. Die Rede hat uns aber vor neue sehrgroße und sehr verantwortungs'volle Aufgaben gestellt. Sie läßt zwar in bezug auf die osteuropäische Frage vieles im dunkeln, das eine ist aber Aargestellt — große Gebiete, die bisher zu Rußland gehört haben und die zu sehr großem Teile von Juden bewohnt sind, von 2 bis 2% Millionen Juden —, an Rußland werden sie nichtwieder zurückfallen. (Lebhaftes Bravo!) Man. muh hierzu in der Tat Bravo rufen, aus allgemein-politischen und -menschlichen Rücksichten, weil 2 Millionen Juden aus einer Tyrannei, die entsetzlich gewesen ist, befreit werden, und andere Völker desgleichen, die keine Juden sind. Was aus den Gebieten wird, welche politischen Formen, für sie -gewählt werden, weiß