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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-14 · Heft 15 (14.4.1916) · p. Seite 174

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 15 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 174 (sequence 6)
Language
German
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,174 Die Mitgllederorrlammluns des tzilksorrrins der Deutschen Juden. m Sonntag, den 9. b. M., fand unter Vorsitz des Herrn Dr. James Simon in der Gesellschaft der Freunde zu Berlin eine Sitzung des Z e n t r a l k o m i t e e s des H i l s sve rei n s der deutschen Juden und die ordentliche Mitgliederversammlung statt, die sich eines zahlreichen Besuches aus Berlin und aus dem Reiche zu erfreuen hatten. In der Sitzung des Zentralkomitees wurde zunächst der seit der letzten Tagung dahingeschiedenen Herren D. S. Magnus, Vorsteher der jüdischen Gemeinde Leipzig, Kommerzienrat Hermann Wahl, Barmen, und Rabbiner Dr. R ü l s, Bva-unschweig, gedacht, zu deren Ehren die Anwesenden sich von ihren Plätzen erhoben. Der dem Zentralkomitee vorgelegte Geschäftsbericht wurde einstimmig gutgeheißen. In das Zentralkomitee wurde darauf Herr Julius H arto g, Mannheim, und in den gefchäftsführenden Ausschuß Herr Rabbiner Dr. Nobel, Frankfurt a. M., gewählt. An die Sitzung des Zentralkomitees schloß sich unmittelbar die Mitgliederversammlung an, die einen sehr regen Besuch auswies. Vor Eintritt in die Tagesordnung erfolgte die Ehrung der dahingeschiedenen Mitglieder des Zentralkomitees durch Erheben von den Plätzen. Herr Dr. James Simon führte darauf einleitend aus, daß die in der vorigen Generalversammlung gehegte Hoffnung, der Krieg werde bald ein Ende nehmen, getrogen habe und daß in den eroberten Gebieten all der Jammer und das Elend, das damals bereits geherrscht habe, nicht nur andauert, sondern sich tausendfach gesteigert habe. Dementsprechend seien auch die an den Hilfsverein gestellten Anforderungen gewachsen. Daß es möglich gewesen, diesen einigermaßen gerecht zu werden, danke der Hilfsverein in erster Linie der deutschen Judenheit, die ihm treu geblieben und den an sie gerichteten Ansprüchen bereitwilligst entsprochen habe. Er hebt die enge und fruchtbare Zusammenarbeit mit anderen großen jüdischen Organisationen, die zum Teil auf gleichem Arbeitsgebiet sich betätigen, hervor, der Großloge für Deutsch>- laud VIII U. O. B. B. und dem Frankfurter Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden. Die Hilsstätigkeit i n R u ß l a n d konnte sich nur dem Teile der russischen Juden zulvenden, der in den von deutschen Truppen okkupierten Gebieten wohnt. Für die jüdische Bevölkerung hinter der russischen Front mußten die Glaubensgenossen in England und Frankreich eintreten. Es ist bekannt geworden, daß sie Gelder dorthin geschickt haben, ferner, daß man versucht hat, bei der englischen Regierung darauf hinzuwirken, damit sie aus die russische Regierung Einfluß nehme, um den furchtbaren Mißhandlungen ein Ende zu machen, welche die russische Regierung sich gegen die Juden zuschulden kommen läßt. Es müsse angenommen lverden, daß die Juden Frankreichs sich in gleicher Richtung bemüht haben. Eine sichtbare Wirkung dieser Bestrebungen sei aber nicht zutage getreten. Das Kapitel der Mißhandlungen der russischen Juden sei eines der düstersten Kapitel der Menschheitsgeschichte, und es werde ein Schandfleck für die russische Regierung bleiben, solange die Welt bestehe. Die kulturelle Tätigkeit des Hilssvereins im Orient konnte aufrecht erhalten werden. Die Tätigbeit in P o l e n und Litauen war eine besonders intensive. Die Auswanderungsfürsorge mußte dagegen überaus eingeschränkt werden. Zum Schluß hebt Herr Dr. Simon noch hervor, daß die Beamten des Hilssvereins, die durch das außergewöhnliche Maß und die aufreibende Art der Arbeiten in der Kriegszeit aufs stärkste in Anspruch genommen waren und sind, mit größter Hingebung sich betätigten und dafür besondere Anerkennung verdienten. Für die verantwortungsvollen und schwierigen Arbeiten, die uns die Hilfstätigkeit gebracht hat, loelche wir sowohl im Interesse unserer leidenden Glaubensgenossen als auch im vaterländischen und menschlichen Interesse ausüben, reichte unser rühriges Bureau bei weitem nicht aus. Wir haben ein ganzes Stockwerk hinzumieten, wir haben ferner noch 40 Hilfskräfte einstellen müssen, um die von Tag zu Tag umfangreicher werdende Arbeitslast zu bewältigen. Den Darlegungen des Redners folgte lebhafter Beifall. Darauf gibt Herr Dr. Nathan, der Geschäftsführer des Hilfsvereins im Ehrenamt, in großen Zügen eine Uebersicht über die gesamte Tätigkeit des HilfsVereins. Zum zweiten Male während des Krieges werde jetzt Bericht erstattet, in einer Zeit, die von so außerordentlicher Schwere für unser Vaterland und für Europa ist, daß man wohl sagen kann, eine Institution, die diesen Stürmen zu widerstehen imstande gewesen, die während dieser Stürme nicht Zusammengebrochen, hat ihre- Lebensfähigkeit und Notwendigkeit zu existieren erwiesen. Ob das für den Hilfsverein zutrisst, werde dessen Rechenschaftsbericht zeigen. Trotz der außerordentlichen, in den Zeitverhältnissen liegenden Schwierigkeiten ist es möglich gewesen, das S ch ul wevkimOrient aufrecht zu erhalten. Die Einberufung von Lehrkräften zu den Fahnen hat wegen der schweren Beschaffung des Ersatzes noch größere Störungen als in Europa hervorgerufen. Die Teuerung im Orient ist überaus groß, dazu kommen die starken Valutadifferenzen für deutsches Geld. Aus all diesen Gründen, insbesondere da auch die Fürsorge für arme Schulkinder vom Hilfsverein in weitem Maße übernomrn-en worden ist, haben sich die Kosten für das Schulwerk sehr erhöht. Nichtsdestoweniger ist das Schulwerk völlig intakt geblieben, und was vor Ausbruch des Krieges in hoffnungsvollem Ausstieg sich befunden hat, wird .nach seiner Beendigung weiter entwickelt werden können. - Den besonderen Verhältnissen und Forderungen der Zeit haben wir uns auch im Kriege angepaßt. In Konstantinopel — in den Stadtteilen Pera und Balat — sind Abendkurse für Türkisch und Deutsch begründet worden, zunächst für die Bevölkerung, die sich aber auch des lebhaften Zuspruchs des türkischen und deutschen Militärs der verschiedensten Grade zu erfreuen haben. Mt Genugtuung kann festgestellt werden, daß die neuen Zeiten im wesentlichen keine Veranlassung geboten haben, in den Schulplünen etwas zu ändern aus dem Grunde, weil die heute eingetretene Weltentwicklung von vornherein als möglich von uns ins Auge gefaßt worden ist, weil der Hilfsverein immer bestrebt gewesen ist, seine Schüler so zu bilden und zu erziehen, daß sie gute ottomanische Staatsbürger werden, daß sie entsprechend Türkisch bzw. Arabisch lernen, und daß sie gleichzeitig, die Beziehungen zur großen Weltkultur durch Vermittlung des Deutschen aufrechterhalten. Alsdann wendet sich der Redner zu den Aufgaben, die der Hilssverein nicht auf Grund seiner Satzungen übernommen hat, sondern die der Krieg ihn Zwang, in Angriff zu nehmen. Zunächst handelt es sich um das Unterstützungswerk für die in Deutschland bei Ausbruch des Krieges zurückgeblieben bzw. von der Heimat abgefchnittenen Russen und die in Deutschland ansässigen, durch die wirtschaftlichen Umwälzungen in schwere Not geratenen Russen. Auch die in ihrer Heimat bemittelten Russen konnten entweder von ihren Akkreditiven in Deutschland keinen Gebrauch machen oder zehrten ihre Barmittel bald auf. Die Unbemittelten gerieten schnell in tiefste Not. Diesen allen mußte geholfen werden, und nach Lage der Dinge konnte dies nur auf interkonfessioneller Basis wirksam geschehen. Es wurde ein interkonfeffionelles U n t e r st ü tz u n g s k o m i t e e für bedürftige Russen unter Vorsitz des Herrn Justizrat Breslauer begründet, das im Bureau des Hilfsvereins arbeitete. Es erwies seine Hilfe m großem Umfange in folgender Weise: Zur Abreise der bei Kriegsbeginn in Deutschland sich aufhaltenden Russen wurden von den Behörden 17 Sonderzüge zur Verfügung gestelltmit. denen rund 15 000 bis 16 000 Russen über Kopenhagen—Stockholm in die Heimat fuhren. Da sich unter den Abreisenden naturgemäß sehr viele Arme befanden, steuerte das Unterstützungskomitee für bedürftige Russen für die Abreise von 3024 Familien, die mit diesen Sonderzügen fuhren, 380 555 Mark bei. Russen, die aus irgendwelchen Gründen — fei es aus Gesundheits¬ oder Geschäftsrücksichten — die Sonderzüge nicht benutzen konnten, erhielten später von der Kommandantur die Erlaubnis, mit den fahrplanmäßigen Zügen Berlin zu verlassen. Zur Wreife dieser Personen — 996 Parteien mit 4000 Köpfen — wurden 142 685 Mark verausgabt. Ferner trat das Komitee zuerst fünf-, dann viermal wöchentlich zusammen, um den im Bureau, Steglitzer Straße 12, erscheinenden Bittstellern Geldbewilligungen in geringerer Höhe für den Lebensunterhalt zu gewähren. In der Zeit vom 25. August 1914 bis 25. Juni 1915 wurden in rund 70 000 Einzelzählungen 1890000 Mark ausgegeben. Die Unterstützungen werden in kleinerem Maßstabe auch heute noch fortgesetzt.

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