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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-14 · Heft 15 (14.4.1916) · p. Seite 173

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 15 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 173 (sequence 5)
Language
German
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. Das jü dische Theater in Warschau. Von Karl Eber. B. G. In dem Gewirr der steilen Gassen zwischen der lärmersüllten Krakauer Vorstadt-Straße und der Weichsel erhebt sich ein Zirkusähnl'iches Gebäude. Schon von weitem leuchtet uns ein großes weißes Schild mit der Aufschrift „Theater Kaminski" entgegen. Wir stehen vor dem bedeutendsten jüdischen Theater Warschaus. Da Warschau bekanntlich der Brennpunkt aller jüdischen Kultur der Gegenwart ist, wird das Warschauer jüdische Theater.wohl das hervorragendste der Welt sein. Eigenartig wie das Aeußere ist das Innere des Baues. Aufdringliche Eleganz und vornehme Einfachheit sind zu einem sonderbaren Gemisch vereinigt. Vom ersten Augenblick an hat man als Deutscher das Gefühl, sich in einer ganz fremden Welt zu befinden. Die Art der Beleuchtung, das Publikum, die Bühne, das ist alles ganz anders als in Deutschland. Es ist auch grundverschieden von dem, was man in den polnischen Theatern Warschaus trifft. Der erste Eindruck für jeden fremden Besucher ist immer der gleiche: Hier liebt man das Grelle! Die Gewänder der Schauspieler leuchten in möglichst kräftigen Farben, Not und Gelb treten cuii meisten hervor. Aber das Bedürfnis nach Farbenkontrasten ist damit noch nicht befriedigt; Lichteffekte der verschiedensten Art müssen nachhelsen. Die Sprache der Schauspieler bietet gleichfalls im Ton reichliche Abwechselung; auffallend oft unterbrechen gellende Schreie kreischender Frauenstiinmen die Dialoge. Aber das alles wird noch überboten durch die Musik. Es ist ein sehr merkwürdiges Orchester iin Theater Kaminski, und es spielt eine sehr merkwürdige Musik. Nicht als ob sie unschön wäre. In den Operettenbegleitungen, die fast sämtlich vom Dirigenten selbst komponiert sind, kommen Stellen von ergreifender Zartheit, von berückender Klangwirkungvor. Aber das Ganze ist für westeuropäischen Geschmack doch wieder zu eigenartig, die Melodien brechen viel zu schrill von einem Thema zum anderen ab, als daß ein ungetrübter Genuß aufkommen könnte. Natürlich wird im Jargon, den: schwäbisch-alemannischen Dialekt der polnischen Inden, gespielt. Ter Inhalt der aufgeführten Stücke ist sehr verschieden. Die ineisten stammen von einheimischen jüdischen Verfassern. Am besten gelingen natürlich Darstellungen aus der jüdischen Geschichte und aus dem jüdischen Leben der Gegenwart mit seinen uralten Gebräuchen. Ein Stück des Winterspielplanes, in dem eine jüdische Hochzeit vorkam, fand gerade bei den deutschen Besuchern den größten Anklang. Einen breiten Raum nimmt aus dieser Bühne das Religiöse ein, manchmal allerdings in einer dem Fernerstehenden etwas unpassend erscheinenden Form. In der letzten Woche wurde „D i e B e f r ei u ng der Juden von der F r emdherrs ch a f t" und „Isaaks OPserun g" als „ Histori s ch e Operette" mit lustiger Musikbegleitung gegeben. Von wenigen Aiusnahmen abgesehen, wird im jüdischen Theater ganz hervorragend gespielt. Viel mag dazu beitragen, daß die gleichen Schauspieler seit langen Jahren gemeinsam austreten. Was zur Bühne gehört, ist alles ein bißchen verwandt oder verschwägert. Den Mittelpunkt bildet die Familie Kaminski, der auch das Theater gehört. Herr Kaminski spielt mit größtem Erfolg die komischen Rollen, während feiner Frau, der Vielgeseierten, hinwiederum Elendsschilderungen besonders liegen. Die Warschauer Juden schwärmen alle für ihre Frau Kaminski. Obwohl Litauerin von Geburt, hat sie es doch von ihrem ersten Auftreten in Warschau an verstanden, sich die Herzen zu erobern und in Polen einen Namen zu machen. Dann zog sie über die Bühnen Rußlands, Englands, ganz Amerikas, überall ist sie in den jüdischen Theatern mit beispiellosem Erfolg ausgetreten-, von allen Seiten strömten die Massen herbei, um ihr zuzujubeln. Seit der Eroberung Warschaus durch die Deutschen tritt sie wieder hier aus. Ein Kapitel für sich bildet das Publikum. Es ist ein sehr lautes Publikum, das seinem Mißfallen deutlichen Ausdruck gibt, wenn emmal eine Panse zu lange dauert oder -eine Szene seine Empfindungen perletzt. Wenn ein Stück aber interessiert, kann es ruhig auch vier, fünf Stunden oder noch länger dauern, ohne daß sich bei den Zuschauern Ermüdung bemerkbar macht. In den Pausen geht es sehr lebhaft zu. Man merkt dann erst recht, wie sehr sich dieses Publikum von dem der polnischen Theater unterscheidet. Auch hier sind unter den Damen Zahlreiche Schönheiten, aber fast immer mit einem unverkennbaren Anklang ans Orientalische. Alle sozialen Klassen sind vertreten; auch in den ärmlichsten Teilen des Judenviertels besteht ein lebhaftes Verlangen nach guter Kunst, ein rühmliches Zeichen für das Kulturbedürsnis der Ostjuden. Alles in allem gewährt ein Besuch im jüdischen Theater einen guten Einblick in das Warschauer Judentum überhaupt. Die deutschen Soldaten und Okkupationsbeamten werden später die im jüdischen Theater verbrachten Abende sicher mit zu den interessantesten Erinnerungen an Warschau rechnen. * Endlich sei ein Abschnitt aus einem Aufsatz des Herrn Rabbiner Dr. Scheftelowitz in der „Kölnischen Zeitung": „Die Hetiter und die Urheimat der Jndogermanen" an dieser Stelle wiederholt. Er lautet: Nachdem der kürzlich verstorbene Assyriologe H. Winckler im Jahre 1905 auf Kosten des Freiherrn W. v. Landau eine wissenschaftliche Rei.se nach Boghazköi, einer der merkwürdigsten alten Ruinenstätten kteiuasiatischer Kultur, die seit langem die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf sich zog, unternommen uitfc) erkannt hatte, daß der betreffende Ort reiche Ausbeute für Ausgrabungen verspreche, hatte er im Sommer 1906 auf Veranlassung der Vorderasiatischen Gesellschaft und des Orientkomitees zu Berlin das Unternehmen glänzend durchgeführt, das epochemachende Funde ergab. Es hatte sich erwiesen, daß diese Ruinenstätte die Hauptstadt des um 1500 v. Ehr. mächtigen Hetiterreiches war nnd daß die Funde ans dem Archive der damaligen Hetiterkönige stammten. Bereits aus den im Jahre 1888 gefun- 'deneu berühmten Tontafeln von Tell-Amara ging hervor, daß die Heimat dieses Volkes im östlichen Kleinasien lag. In den Inschriften heißen sie Chatti und werden zum ersten Male um 1930 v. Ehr. erwähnt, wo sie die Babylonier bekämpften und wahrscheinlich das Herrscherhaus Hammnrabis stürzten. Die höchste Blüte hatte der Chattistaat im 14. und 13. Jahrhundert v. Ehr. erreicht. Teile dieses Volkes hatten sich unter Anführung von Stammesfürsten in ganz Kleinasien, besonders in Syrien und Palästina angesiedelt. So residierte damals in Jerusalem der hetitische Stammesfürst Arduchipa. Das damalige mächtige Aegypten betrachtete den Chattistaat als eine ebenbürtige Großmacht, und eine Inschrift berichtet uns, daß die Königinwitwe voll Aegypten dem Sohne des Chatti,königs einen Heiratsantrag stellte, damit er den verwaisterl Thron der Pharaonen besteige. Hetitische Stämme haben in enger Berührung mit den Israeliten in Palästina gestanden. Das Alte Testament nennt sie Chitti und zählt sie unter den einheimischen kanamtischen Völkern auf (Gen. 15, 20; Ex. 3, 8, 17; Jos. 3, 10). Abraham wohnt in Hebron mitten unter einer.hetitischen Bevölkerung und kauft von dem Hetiter Efron die Höhle Machpela als Erbbegräbnis (Gen. 23, 10; 25, 9). Sein Enkel Esau heiratet hetitische Frallen (Gen. 26, 34; 36, 2). Hetitische Einwohner der Stadt Luz flohen vor den heranziehenden israelitischen Eroberern nach dem Lande der Hetiter und bauten dort eine Stadt mit gleichem Namen auf (Ri. 1, 6). Seit der Richterzeit verschwägerten sich viele Israeliten mit der einheimischen hetitischen Bevölkerung (Ri. 3, 6, Esra 9, 1). So haben sich die Hetiter mit den Israeliten verbrüdert und sich im Lause der Zeit den Kultureinflüssen der Israeliten nicht entziehen können. Als David vor Saul fliehen mußte, war einer seiner treuen Wassengesährten der Hetiter Achimelech, der einen hebräischen Namen trägt (1. Sam. 26, 6). Der bekannte Uria, dessen Tod der König David veranlaßte, um seine Frau Bathseba heiraten zu können, war der Abstammung nach ein Hetiter, dessen echt hebräischer Name aber beweist, daß er dem israelitischen Glauben angehörte, denn Uria bebeutet „Mein Licht ist Iah" (2. Sam. 11, 23, 39). Die Hetiter haben, wie sie auf Zahlreichen uns erhaltenen Skulpturen dar ge stellt sind, -den charakteristischen kleinasiatisch-armenischen Typus, den der Berliner Anthropologe Professor v. Luschan zuerst treffend charakterisiert hat. Er zeigt eine abgeplattete Stirn nnd eine stark gekrümmte Nase. Da nun diese Nasenform, die sonst keinen semitischen Völkern eigen ist, sich zuweilen bei Juden findet, so wird angenommen, daß sie auf eine ursprüngliche Vermischung der Hebräer mit den Hetiten zurückgeht. Es wäre sehr schön, wenn wir statt mit russischen Greueln unsere Wochenübersicht mit solchen friedlichen Berichten füllen könnten.

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