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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-14 · Heft 15 (14.4.1916) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 15 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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172 es dort an den üblichen-Schimpfereien nicht fehlt, als mutig und ehrlich anerkannt worden. Freilich ist damit kein Schritt zum Frieden vorwärts getan, der Krieg muß weitergehen. ' lieber Kriegsereignisse im einzelnen ist nicht besonders viel zu berichten. Im Westen sind weitere Fortschritte gemacht worden, an der italienischen Grenze herrscht ziemliche Ruhe, die Russe n, die eine Zeitlang still waren, haben den 6. April, den Tag des 50jährigen Jubiläums des Feldmarschalls Hindenburg, der in ganz Deutschland als ein großer Festtag gefeiert wurde, dazu benutzt, um einen neuen Vorstoß zu wagen, der aber, wie alle früheren, siegreich abgeschlagen wurde. Der Luft- und U-Boot-Krieg geht weiter und hat schöne Erfolge gezeitigt. Die Franzosen haben zwar in ihrem letzten Berichte eine Aufstellung verbreitet, laut welcher die Zahl der vernichteten oder verloren gegangenen deutschen Luftschiffe erheblich größer sein soll als die der französischen. Indessen wir wissen im allgemeinen, was wir von der Wahrhaftigkeit unserer Gegner zu halten haben und werden daher die von jenen mitgeteilten Ziffern mit einer starken Ungläubigkeit aufnehrnen. Wir sind nach wie vor der festen Ueberzeugung, daß der gewaltige Krieg, zu dem uns unsere Gegner gezwungen haben, von uns zu glorreichem Ende geführt werden wird. * Wie sehr vernünftige Engländer einzusehen beginnen, daß es in England faul steht, lehrt folgende Predigt eines Engländers an seine Volksgenossen, die wir der „Boss. Zeitung" entnehmen: Amsterdam, 2. April. In der Aprilnummer der „Fortnightlh Review" stellt der Engländer Robert C r o z i e r L o n g die Frage: „Was ist faul mit dem Krieg?" Er erzählt, er sei während des Krieges außer in England auch in D e u t s ch l a n d und Rußland gewesen und habe sich nicht minder ein Bild von der Auffassung der Neutralen machen können. Von der Kriegsleitung der englischen Regierung meint er, sie hinke auf beiden Bein-en, indem sie zwischen dem Sieg durch die Massen und dem Sieg durch Aushungern schwanke. Deutschland dagegen sei überzeugt, daß es ökonomische Schwierigkeiten besser vertragen könne als irgendeine der Vierverbandsmächte. Die Deutschen werden jedenfalls, sagt Long, durch die blödsinnige Behauptung, daß es noch einen anderen Sieg geben könne als den mit der Waffe, nicht ins Verderben gestürzt. Long geißelt dann die englische A rt, die Taten des Feindes zu v e r - kleinern, und warnt vor der Gefahr, die daraus dem englischen Volke erwachse. Noch schlimmer findet er, daß wichtige militärische Tatsachen veröffentlicht werden, mit das englische Volk zu beruhigen, den Feind zu erschrecken und zweifelnde Neutrale zu überzeugen. Kein Neutraler, sagt Long, begreift, warum England Veröffentlichungen macht über die Zahl der Rekruten, die es hat und noch braucht, ferner über die Zahl der Geschoßsabriken und ihre Erzengungsfähigkeit, dann über Luftverteidigung und selbst über Probeschießen mit Kanonen, die den deutschen 42ern ebenbürtig sein sollen. Die Neutralen sagen höchstens dazu, England hoffe mehr ans einen Sieg durch groß mächtiges Prahlen als durch militärische Taten. Long verlacht ferner die englischen Kriegslösungen und Schlagworte, tute Krieg der Hilfsquellen, Krieg der Geschoßvorrüte ttftu., und meint, der Krieg der Geschoßvorräte könne noch t ö d - l i ch werden, aber für England selbst. Das Kabinett erzähle dem Volk, die deutschen „verkappten Niederlagen", wie die deutschen Siege immer bezeichnet werden, rühren nur vou den besseren und zahlreicheren Geschossen her. Wenn England erst genug Granaten haben werde, dann werde es gewinnen. Es ist gefährlich, sagt Long, irgendeinen Unsinn anszukramen, mit sich über eine unangenehme Lage hinwegzuhelfen, nur weil die Zuhörer keine Denker sind und den logischen Zusammenhang nicht untersuchen. Der russische General Radko D i m i t r i e w sagte mir an der Dunajetz kurz vor der unglücklichen Schlacht v o n T a r n o w u n d G o r l i c e, er habe mehr als genügend Granaten gehabt, und die meisten Rückzüge der Russen und viele andere Rückzüge dieses Krieges hätten ganz andere Ursachen gehabt als den Geschoßmangel. Aber gerade die Kriegslüge vom Geschoßmangel, fährt Long fort, sei allen die liebste, weil dann niemand schuld ist an den Mißerfolgen, weder ein Minister noch ein Organisator oder ein General, nur die bösen Granaten. Der zynische Neutrale weiß aber, daß es die Granaten nicht waren. Warum sollen, fragt Long, Minister, die solchen gewaltigen Bock schießen, nicht auch andere Böcke schießen können, und sie tun es zahllos. Zum Schluß sagt Long, die deutsche Denkweise sei von der englischen nicht sehr verschieden, aber in amtlichen deutschen Aeußerungen kommen keine verwirrenden Gedanken, keine packenden Lösungen vor, eben weil die Deutschen angesichts ihrer wirklichen Erfolge dies nicht nötig haben. England könne nur gewinnen, wenn es bessere Soldaten u n d b e s s ctc G e nerale habe als der Feind. * Aus den neuen Berichten des Rabbiners Dr. B a e ck, die allmonatlich von dem „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" veröffentlicht werden, sei folgende allgemeine Bemerkung hervorgehoben: Eine Frage können die Gottesdienste jetzt oft anregen: Hat in der langen Dauer des Krieges die Frömmigkeit hier draußen eine Wandlung erfahren? In den ersten Monaten waren die innersten Tiefen der Seele bewegt worden; es war, als sei das Alle geschwunden, und man sollte ein Neues erleben — eine neue Zeit und ein neues Fühlen. Die religiöse Empfindung hatte damals etwas von einer Bersöhnnugstag-Stimmung. Darin lag bereits, daß so, wie sie damals war, sie nicht dauern konnte. Sie mußte gedämpfteren, werktäglicheren .Regungen weichen; denn der Mensch muß nach den Stunden des Aufschtoungs wieder auf der Erde seine Schritte tun, auf der Erde mit ihren Steinen und Ecken, ihren Anstößen und Windungen, und das gilt zumal von Soldaten. Vielleicht hat mancher, besonders in der Heimat, das bedauert, etwas entbehrt, wenn das ergreifende Andachtsbild jener ersten Zeit, das vielleicht mancher daheim wie ein Schauspiel genossen hatte, verblaßt oder verschwunden tvar. Aber jette Wandlung ist nur zum Guten gewesen. Denn mit ihr wurde die Möglichkeit gegeben, daß die religiöse Stimmung sich befestigte, daß sie, gerade weil sie stiller und auch nüchterner wurde, dafür mit dem seelischen Leben jedes Tages verwuchs. Es konnte getvissermaßen aus der Feiertagsreliaion die Werktagsreligion aufwachsen. Das, was ein hohes Fest der Seelen gewesen war, konnte zu einem stetigen, bleibenden Bedürfnis werden. Wenn die Beobachtungen nicht täuschen, so hat diese Umlagerung sich in unseren Mannschaften vollzogen. Es gibt unter den vielen, begreiflicherweise, mannigfache seelische Formen, es gibt Oberflächlichkeit und Tiefe; aber durchgängig will es doch scheinen, daß das Verlanget! nach der Religion und das Verhältnis zu ihr wie auch das Bedürfnis nach dem Gottesdienst ein stärkeres getvordeu ist, ein sichereres und stetigeres, gerade weil sein Ton stiller geworden ist. Diese Be obachtungen besagen miv so mehr, da immer hier darauf geachtet wird, daß die Teilnahme an den Gottesdiensten eine völlig frei tvillige, keine anbefohlene ist. Mit alledem ist zugleich gesagt, daß es jetzt keine besondere Kriegs frömmigkeit ist, die in den Gemütern wohnt: eine solche tvürde iu Frieden, unter den veränderten Eindrücken, ans den gewohnter Bahnen des Daseins, auch sehr bald dahinschwinden. Was der Ne ligion hier draußen einen eigenen Zug gibt, in dem besonderen Dasein das der Soldat durchlebt, ist nichts eigentlich Außerordentliches Ein stilles seelisches Element tritt in ihr hervor und befestigt sie!, mehr und mehr. Es ist die Ehrfurcht und die Dankbarkeit. Si sind ja beide in ihrem innersten Grunde eines; denn wahrhas dankbar kann nur der Ehrfürchtige sein. Es ist die Ehrfurcht vor den was über das menschliche Sinnen und Wollen und Können hinaus geht, und die Dankbarkeit gegen diese höhere Macht, die Demi barfeit für das, was an so manchem Tage als Geschenk erlebt wird Diese Ehrfurcht und diese Dankbarkeit sind nicht die schwächste! Wurzeln der Religion; aus ihnen wird die Frömmigkeit in bet Friedenszeiten weiterwachsen. * Von anderem ist diesmal wenig zu berichten. Da Pla übrigbleibt, sei zunächst aus dem „Breslauer General Anzeiger" eine kleine Skizze ausgenommen, bU uns auf fried liches Gebiet führt. Sie lautet:

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