Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1916)
- Date
- 1916-04-07
- Page
- Seite 167 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Gedanke machte seine Glieder erbeben. Bedeutete nicht dieser vergleich schon den ersten Schritt zur Nachgiebigkeit? Er mühte sich non dieser falschen Fährte schnell wieder abzutvnuncn and begann das Grübeln wieder von vorn; er tastete sich wieder nach dem Anfang zurück, um abermals bald wieder ins Stocken zu geraten. Müde, abgespannt und hilflos hob er seine Hände zum Himmel empor, während seine Augen sich mit heißen Tränen füllten. Als sollte es eine Antwort auf seine stumme Bitte sein, singen die Sterne jetzt an, einer nach dem anderen, zum Vorschein zu kommen. Aufgeregt und voller Erwartung richtete er seine Blicke nach oben; sicherlich war es besser, sich mit ihnen zu unterhalten, als mit dem wortlosen, stummen Herzen, aas ihm jede Antwort verweigerte. Bald glaubte er auch, >ie Botschaft der Himmelskörper verstehen und lesen zu tonnen. - - Die Ereignisse der letzten Wochen hatten >hn kühn gemacht, so kühn, daß er den Zweck der Himmels- Voten zu begreifen, ja, diese sogar seinen Absichten dienstbar zu machen, sich anmaßte. Sie riefen ihm zu: „Blicke aus uns und erkenne die Winzigkeit des zwerghaften Menschen; betrachte unsere festgefügte Bahn, unsere unabänderliche Ordnung und erkenne, daß der Mensch nur ein Spielball ist im riesengroßen Universum! Und ob der Mensch auch tausend Gesetzbücher geschrieben und das Geschick der Nationen zu bestinnnen und zu lenken glaubt, er ist doch nur ein schwaches, beschränktes und hinfälliges Wesen im unermeßlichen Plane der unendlichen Vorsehung! Nimmer dürft ihr euch mit uns uressen! Wenn Gott die Absicht gehabt, euch Menschen himnrlisch und göttlich zu gestalten, dann würde er da oben keine Sterile eingesetzt haben! Dann durfte er nicht die Menschen an die Erde, voller Versuchungen und Leidenschaften schmieden!" . - - - Wie so viele bereits vor ihm, hatte auch Gavriel ans den Sternen das herausgelesen, was er herauslesen wollte, und damit war sein innerer Kampf endgültig ent- 'chieden. IV. In der Privatkanzlei der kaiserlichen Präfektur standen drei Schrcibtische, doch nur an einem wurde gearbeitet, während die beiden anderen verwaist und verlassen waren. Gabriel Schmulikof saß da, eifrig beschäftigt, ans einem Aktenbündel verschiedene Notizen und Auszüge abzuschreiben. Die Tür ging ans, und der Präfekt trat lächelnd ein. „Ich bringe Ihnen eine gute Botschaft, Schmulikof," sprach er. Gabriel verbeugte sich schweigend. „Der Minister hat sich nach dem Beamten erkundigt, der den Bericht über unsere Eisenindustrie ausgearbeitet, dem der Minister seine volle Zufriedenheit ausspricht. Ich glaube, daß das eine Auszeichnung für Sie, lieber Schmulikof, bedeutet." Gabriel, oder wie er jetzt hieß, Gregor, verbeugte sich abermals. „Ich freue mich, daß ich ineine Pflicht zur Zufriedenheit meiner Vorgesetzten erfüllt. Dieses Bewußtsein ist für mich der schönste Lohn." Der Baron stellte sich ganz ungehalten. „Es gefällt mir durchaus nicht, daß Sie immer mit abgedroschenen Phrasen um sich werfen-, wo ich doch fest überzeugt bin, daß Sie eine Allszeichnung ganz gern annehmen würden. Aber Sie haben recht: heutzutage muß der Beamte den Bescheidenen und Scheinheiligen spielen, wenn er die Gunst des Vorgesetzten geivinnen will." „Exzellenz, wer ergeht sich jetzt in leeren Redensarten?" fragte Gabriel mit feinem Lächeln. Der Baron lachte laut auf. „Mit Ihnen wird man nicht fertig. Bei jeder Auseinandersetzung verstehen Sie es, das Feld zu behaupten, während der andere immer den kürzeren ziehen mutz." Seine Stirn zog sich jetzt tu Falten zusammen und mit verhaltener. Wut ries er jetzt: „Schon zwölf Uhr, und Sie sind noch immer allein? Warum sind Onagron und Gvrskh noch nicht hier?" „Ich weiß es nicht, Exzellenz; aber hier sind zwei Briese von ihnen." Der Baron las sie durch und warf sie verächtlich zlir Erde. „Faule Ausreden und Entschuldigungen! Es ist doch ein eigentümliches Zusammentreffen, daß beide durch den Tod eines nahen Verwandten am Erscheinen verhindert sind. Schmulikof, Sie inüssen mir gelegentlich ein Register anlegcn über die Zahl der verstorbenen Angehörigen dieser Herren während eines einzigen Jahres! Die Famitiengrllft der OnagronS und der Gorskys mutz ziemlich geräumig sein, um all die „Verstorbenen" zu fassen, deren Tod die Abwesenheit meiner Privatsckretäre verschuldet. - Die Schufte! Ich könnte wetten, daß der eine beim Rennen und der andere am Spieltisch sitzt." Ein häßlicher Fluch kam über seine Lippen. „Schinnlikvf, ich will Sie nicht stolz machen; aber es ist ein wahres Glück für mich, daß ich Sie habe." Es war nicht das erstemal, daß der Baron seine Anertennnng über Gabriels Pflichttreue so unverhohlen aussprach. In den zwei Jahren, seitdem Gabriel bei der Präfektur angestellt war, war es schon oft und oft geschehen, und Gabriel war menschlich genug, sich einzugestehen, daß er das Lob auch voll verdiene. Was er sich aber nicht eingestehen wollte, war die Tatsache, daß seine fieberhafte Tätigkeit, die Anspannung aller seiner Geisteskräfte, daß er sich absichtlich kopfüber in die Arbeit stürzte, die sein ganzes Denken in Anspruch nahm, »m keine Zeit zum — - Grübeln zu haben, damit er nicht znin Nachdenken komme. Zwei Jahre lang war es ihm gelungen, zedem Berührungspunkt mit der ^Vergangenheit weit ans dem Wege zu gehen; doch nun nahte ein Mahner, der seine lallte Stimme erhob und alle erkünstelten Töne seines Innenlebens zmn Schweigen brachte: es war der Tod feiner Eltern, den er durch Baruch erfuhr. Bisher hatte Baruch all seinen Nachfragen und Erkundigungen ein beharrliches Schweigen entgegengesetzt. Gabriel ivntzte wohl, daß seine Briefe ihren Bestimmungsort erreicht, aber er schrieb das Schweigen Baruchs Eigenart zli, der dadnrch bekunden wollte, daß er der Vergangenheit lind allen:, was sie enthielt, endgültig den Rücken gewendet, Gabriel Schmulikof mit inbegriffen.-Um so inehr wunderte sich Gabriel, jetzt einen Brief von ihm zu erhalten. Baruch schrieb ihm folgendes: „Deine Eltern starben nacheinander innerhalb weniger Stunden, ohne vorher krank gewesen zu sein, so daß keine Zeit blieb. Dich Herkommen zu lassen. Ich sorgte dafür, daß sie anständig bestattet wurden. Von den Unterstützungen, die Du ihnen während der letzten zlvei Jahre Haft zukommeri lassen (ich hatte es Dir ja schon damals prophezeiet, daß Du. als einziger Nichtausgewiesener, ein Vermögen durch Privatunterricht erwerben werdest), haben die alten Leute noch so viel erübrigt, daß es zu einem Leichenstein reichte. Ursprünglich hatten sie das Geld zu einem anderen Zweck zusammengespart -e§ foüte Dein Reisegeld sein, damit die alten Eltern ihren einzigen Sohn noch einmal sehen könnten. Beinah hatten sie schon den ganzen Betrag zilsammen. Ich spreche Dir mein Beileid aus. Was mich selbst betrisst, so geht es mir vortrefflich, ausgezeichnet, sehr gut! Anfänglich mußte ich freilich sehr schwere Zeiten durchnrachen: das Flößergeschäft ging sehr schlecht, und, wie Dil weißt, gibt es in dem herrlichen, wundervollen Ditomsk nichts anderes, um sich sein Brot zll verdienen. Später aber ist mir ein sehr großes Glück zuteil geworden.