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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-07 · Heft 14 (7.4.1916) · p. Seite 166

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 14 (7.4.1916)
Date
1916-04-07
Page
Seite 166 (sequence 10)
Language
German
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bcr Gemeinde seien mt* den - letzten Jahrzehnten nur Hermann Müller (1SS3 bis 1804), Lvuis Lchivab (1804 bis 1800) und Jnstizrat Cjm'r, der seit ISO? das Amt des ersten Barstandes der Kuttosneineinde bekleidet, genannt. Tie Zahl der jüdischen Fannlien, die bei Einweihung der Synagoge an der Westelrrieder Straße im Jahre 1826 nur 60 betrug, ist inzwischen aus nahezu 3000 gestiegen, und dementsprechend hat sich auch die Zahl der jüdischen Wohltätigkeitsarganisatianen und religiösen Stiftungen und Einrichtungen in reichem Maße vermehrt. Daß unbeschadet dieser blühenden Erstarkung des Gemeindelebens die innerkirchliche Entwicklung Anlaß zu mannigfachen Reibflächen und Konflikten auf religiös-dogmatischem Gebiete geführt hat, dürste auch den Außenstehenden bekannt sein. Die religiöse Spaltung, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts innerhalb der ganzen deutschen Judenheit vollzog, hat natürlich auch vor Münchens Mauern nicht haltgemacht und sowohl in den Jahren 1871 bis 1874 wie insbesondere in den Jahren 1000 bis 1008 tiefgehende Differenzen zwischen der neologen Mehrheit und der orthodoxen Minderheit hervvrgerusen, die auch in der Tesfentlichkeit viel erörtert wurden und die allen beteiligten Stellen, besonders aber der Staatsregierung die Neberzeugnug von der Notwendigkeit einer Revision des veralteten Judenedikts aufgedrängt haben. Im Jahre 1908 gelang es dem Geiste friedlicher Verständigung, von welchem die Führer der beiden Richtungen erfüllt waren, zu einem befriedigenden Ausgleich zu gelangen, um dessen Zustandekommen sich insbesondere der derzeitige geistliche Führer der Gemeinde, Rabbiner Tr. W e r n e r , hervorragende Verdienste erworben hat. Natürlich bleibt die Erkenntnis von der völligen Unzulänglichkeit und Unhaltbarkeit des Edikts hiervon völlig unberührt, zumal, ganz abgesehen von den religiösen Nleinungsverschiedeitheiteio die Rotlvendigkeit einer vollständigen Neuregelung des kirchlichen Stenerlvesens in möglichster Anlehnung an die Bestimmungen der K. G. £. diese Revision immer dringlicher gestaltet, lieber die grundlegenden Gesichtspunkte dieser Neuregelung lvar llnmittelbar vor Ausbruch des Weltkrieges unter hervorragender Mitwirkung des zuständigen Ministerialreferenken, Oberregierungsrat Seiler, eine Verständigung zwischen den beiden Richtuilgen erzielt worden, uub um so schmerzlicher wurde daher in der ganzen bayerischen Judenheit das tragische Schicksal beklagt, das genannten verdienstvollen Miuisterialbeamten gleich zu Beginn des Krieges aus dem Felde der Ehre seinen: Schaffenskreis entriß. Wie aber der Krieg sich allenthalben als Zerstörer und Neuerbauer, als Isolierer und Verbinder erwiesen hat, so darf wohl bei einer Jahrhundertfeier, die sich im Zeichen des Weltkrieges zwar sang- und klanglos, aber doch n i ch t o h n e w a r in e s i n nere s M i t e r l e b e n der ganzen M ü n ch n e r Judenheit v o l l z i e h t, der Hoffnung Ansdruck gegeben werden, daß der Geist einträchtigen und harmonischer: ZrrsammerNvirkerrs der verschiedenen religiösen Richtungen die rveitere Entwicklung der Gemeinde in segensreichen: Sinne beeinflussen urrd den friedlicherr rurd einheitlicher: Bestand derselben auch rveiterhin gewährleisten möge. Auge um pugr. Russischer Svzialromnn von M. Pulver m a n n. (Fortsetzung.) «briet blickte erwartungsvoll auf, und als er die Ver- V / legenheit des Baron mahrnahm, da ging ihm plötzlich ein Licht auf, und er erbleichte. „Ich sehe, Sie wissen, wohin ich ziele. Ja, lieber Schmnlikvf, da es eine verantwortungsreiche Amtsstellnug ist, die Sie bekleiden sollen, ist es eine unerläßliche Bedingung, daß Sie sich vorher von all den Nachteilen losmachcn, mit denen Sie durch das Unglück Ihrer Geburt behaftet sind." „Gehört denn auch meine Religion zu diesem Unglück?" fragte er mit tonloser Stimme. „Ganz gewiß. Aber, bitte, bleiben Sie ruhig. Wir sprechen als Männer eines aufgeklärten Zeitalters. Ich! persönlich halte es für den häßlichsten Betrug, den es nur irgend geben kann. Aber Sie wissen es ja selbst, die Welt null eben betrogen sei», ohne z» bedenken, daß der erste Betrug gegen sich selbst bald tausend andere gegen Welt unb Menschen nach sich zieht. Trotzdem will die kindische und scheinheilige Welt, zu ihrem eigenen Schaden, es doch nicht anders haben. Ich kenne zwar nicht die Kraft und Tiefe Ihrer religiösen Ueberzeugung, aber dessen kann ich Sie versichern, daß Sie keineswegs wie ein moderner Saulus ans Tarsus als lebendiges Wunder der Bekehrung in den Straßen Odessas herumlaufen sollen. Aber es ist nötig, daß Sie mit einem neuen Etikett, mit einem neuen Einband versehen sind." „Und der Einband soll über den Inhalt täuschen?" fragte Gabriel mit grimmigem Hmnvr. „Herr Baron, vermag auch der äußere Schein die innere Anklage zu betäuben, die innere Unrcche zu beseitigen?" „Das ist Ihre Sache, sich mit Ihrem Gewissen abznfinden. Sie sind ja Herr Ihres Gewissens." „Ich war es bisher; aber fortan mußte ich sein Sklave sein," sagte der Jüngling entschlossen, während seine Gesichtszüge eine strenge Härte annahmen. „Nein, Herr Baron, ich danke Ihnen und der verehrten Frau Baronin recht herzlich für das mich ehrende Vertrauen; allein unter dieser Bedingung kann ich den Posten nicht annehmen." „Ich null durchaus nicht Ihr GewiffenSrichter sein. Ich wiederhole es, es ist nicht mein eigener, selbstsüchtiger Beseht, sondern der Welt gegenüber eine unvermeidliche Notwendigkeit." „Das weiß ich, und darum wird es mir um so schwerer, von Ihrer Güte keinen Gebrauch machen zu können. Dessenungeachtet wird meine Dankbarkeit für Sie nie anfhören." „Wie Sie wollen, lieber Schmulikof. Trotz alledem freue ich mich, Sie näher kennen und darum schätzen gelernt zu haben. Meine Frau wird sehr, sehr enttäuscht darüber sein. Aber halt! Mir kommt jetzt ein neuer Gedanke. Wir wollen die Angelegenheit heute noch nicht endgültig entscheiden. Sie ist für Sie von zu großer Tragweite, und darum dürfen Sie sich nicht von einer Angenblicksstimmung Hinreißen lassen. Wie bei unserer ersten Zusammenkunft, sollen Sic sich auch jetzt viernndzwanzig Stunden Bedenkzeit nehmen, um nach reiflicher Ueberlegung mit sich selbst ins reine zu kommen." „Gott im Himmel!" jammerte Gabriel mit gerungenen Händen. „Erzellenz, ich bitte Sie, verlängern Sie doch nicht meine Qual und nehmen Sie jetzt schon meine Entscheidung an." „Nein, Schmulikof. Für einen Mann in meiner verantwortlichen Stellung ist es nicht angebracht, wenn auch nur bei geringfügigen Veranlassungen, von einer gefaßten Meinung so schnell wieder abzugehen. Wankelmut ist der größte Feind des Gesetzgebers. Es soll also bei der Bedenkzeit bleiben, und wenn Sie mir morgen „Nein!" sagen, dann weiß ich, daß Sie sich selbst haben Gerechtigkeit widerfahren lassen, und ich werde dann nicht weiter in Sie drängen." — Gabriel wankte aus dem Zimmer und ohne einen Augenblick zu verlieren, fing er jetzt schon an nachzudenken, um, wie der Baron sagte, sich selbst gerecht zu werden. Ihm ging es dabei, wie schon Tausenden vor ihm: es wurde ihm klar, daß dieses Nachdenken schon den Abstieg in das glühendheiße Höllenfeuer bedeute, wo die Dämonen der Unterwelt einen lüsternen Hexentanz mit schmeichlerischen und lockenden Verblendungen vor ihm aufsührten, während die guten Engel, ihr Haupt verhüllend, trauernd abseits standen. Stunde um Stunde verging, und immer noch befand er sich auf der Folterbank des Nachdenkens. Jetzt wußte er auch ganz genau, ivas einst die Marranen in Spanien empfunden. Dieser

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