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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-07 · Heft 14 (7.4.1916) · p. Seite 165

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 14 (7.4.1916)
Date
1916-04-07
Page
Seite 165 (sequence 9)
Language
German
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165 die Bücher als stumme Lehrmeister lieben, er verdiente sich aber auch die Sporen als flotter, allzu flotter Journalist. Eines Tages erteilte ihm die Polizei den väterlichen Rat, es mit etwas Luftveränderung zu versuchen. Er ging nach Paris, wo er sich durch italienischen Unterricht sein täglich Brot verdiente, von da nach Fiume, Udine, Mailand, immer, in bescheidenen Stellungen als Erzieher oder Uebersetzer, mit dem Leben kämpfend. Im Jahre 1859 machte er den Feldzug mit Garibaldi mit; danach kehrte er nach Mailand zurück, wo ihm nun das Glück zu lächeln begann. Den Traum, Verleger zu werden, hatte er stets genährt, und wenn er auch zunächst kleinere Posten bei Zeitungen ausfüllte, er sondierte doch den Boden der lombardischen Hauptstadt, in der stets reges geistiges Leben pulsierte. Bald gründete er eine Zeitschrift: „II Museo di famiglia", die seinen Namen in die Öffentlichkeit brachte, und als er Redakteur einer Tageszeitung, des „Corriere di Milano", wurde, da war der wahre Emilio Treves geboren. Aus dem kleinen bescheidenen Anfang des „Museo di famiglia" entstand das große Haus, dem dpr Verstorbene den Namen hinterlassen. Nach neun Jahren angestrengter Arbeit konnte er dem praktischen Bruder Giuseppe die geschäftliche Leitung des Unternehmens überlassen. Giuseppe pflegte zu sagen: „Emilio ist der Dichter des Hauses." Freilich verfolgte dieser ideale Prinzipien, wenn ihm auch die verschwommenen Träume des Poeten sehr fern lagen. Nach dem Tode Giuseppes vermochte es Emilio zu beweisen, daß er sehr gut klingende Verse in das Hauptbuch zu schreiben verstand. Beide Brüder gaben dem Hause einen großartigen Aufschwung. Es erschienen Werke jeglicher Art, Sammlungen von Romanen, Dramen, historischen Arbeiten, wissenschaftlichen Schriften, Uebertragungen aus fremden Sprachen, die schön ansgestattete: „Jllustrazione Jtaliana". Treves zum Verleger zu haben, galt schon als Ruhmestitel für einen Schriftsteller. Sein Buch war gemacht, denn der kleine große Mann mit dem stets sarkastischen Lächeln auf den schmalen Lippen ebnete ihm alle Wege. Am Gelde, was der ehemalige Korrektor nun in Hülle und Fülle besaß, und was er auch auszugeben verstand, lag ihm nun nicht mehr gar so viel. Indessen ein Geschäft vorteilhaft abzuschließen, versetzte ihm ein prickelndes Gefühl der Freude. Es erschien ihm wie ein restlos gelungenes Kunstwerk. Er war ein ausgezeichneter Briefschreiber; seine Korrespondenz gibt nicht nur ein anschauliches Bild der zeitgenössischen Literatur, sondern liefert auch den Beweis, mit welcher Eleganz geschäftliche Angelegenheiten durch eine geniale Feder erledigt werden können. Als Patriarch einer großen Familie hat Emilio Treves die Augen für immer geschlossen. Seinem Sarge folgte das ganze intellektuelle Mailand, Minister, Senatoren, Dichter taten ihm die letzte Ehre an; das Personal der Casa Treves, die endlose Schar der Arbeiter, für die er treu gesorgt, standen am Grabe des Monumentale, jenes grandiosen Friedhofs mit der schönen Alpenaussicht, in dem Anhänger jeder Konfession die ewige Ruhe finden. Lum hundertjährigen Geburtstag der ilrseittilchen kuitusgemeinde in München. Von Siegmund Fraenkel in München?) itten in das Tosen des Kriegslärms fällt die Jahrhundertfeier der jüdischen Gemeinde München. Entgegen den vor Kriegsbeginn m Aussicht genommenen Verfügungen nimmt die Verwaltung der Münchmer jüdischen Gemeinde im Hinblick auf den Ernst der Zeiten von jedweder festlichen Begehung dieses Gedenktages während der Kriegsdauer Umgang. Nur eine im Sommer 1916 er- *) Ans den „Münchner Neuesten Nachrichten" abgedruckt. Der Verfasser ist Kommerzienrat und Handelskammerpräsident in München. scheinende F e st s ch r i f t soll all jenen, die sich für den geschichtlichen Werdegang der größten jüdischen Gemeinde Bayerns interessieren, das urkundliche Material für die äußere und innere Entwicklung jener Körperschaft vorführen, in welcher sich nach religiösem und weltlichem Recht die Lösung der innerkirchlichen Aufgaben der Münchner Judenheit vollzieht. Diese Festschrift wird naturgemäß auch auf die traurigen und rechtlosen Zeitläufte des Mittelalters zurückzugreifen haben, in welchen Leiden und Verfolgungen aller Art jedwede vorübergehende Ansiedlung von Juden in Münchens Mauern immer wieder gewaltsam zerstörten oder ihnen zum. mindesten die freie Ausübung ihrer Religion, besonders den gemeinschaftlichen Gottesdienst, untersagten. Auf diese Leidenszeiten, deren Höhepunkte und Marksteine wohl die Verbrennung von 180 Juden in ihrer Synagoge im Jahre 1285 und späterhin die völlige Austreibung der Juden aus München im Jahre 1442 unter Herzog Albrechtlll. bildeten, braucht in diesem Zusammenhang um so weniger eingegangen zu werden, als hier nur die geschichtliche Entwicklung der vor 100 Jahren neu erstandenen jüdischen Gemeinde beleuchtet werden soll. Den rechtlichen Rahmen, innerhalb dessen sich diese Neugründung vollzog, bildeten die Bestimmungen des bayerischen Judenedikts von 1813, dessen Bedeutung für die bayerische Judenheit zu dessen Hundertjahrfeier in Nr. 286 der „Münchner Neuesten Nachrichten" vom Jahre 1913 eingehend gewürdigt wurde. Wohl hatten schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts 30 bis 40 jüdische Familien das Recht der Ansässigmachung in München erwirkt; aber erst das genannte Edi.kt gewährte dieser Ansiedlung die gesetzlichen Unterlagen, aus Grund deren die Rechte einer jüdischen Gemeinde von der Regierung verliehen und eine systematische Regelung und Neuordnung des Kirchen- und Unterrichtswesens sowie des sonstigen Gemeindelebens von der Münchner Judenheit in Angriff genommen werden konnten. Noch vor Begründung der Gemeinde hatten die Juden jene charitative Vereinigung begründet, die unter dem Namen „ E h e w r a Kaddischa" wohl die älteste Einrichtung jedweden jüdischen Gemeinwesens bildet und die sich die rituelle Bestattung der Verstorbenen, die Krankenpflege und die religiöse Belehrung zur Ausgabe setzt. Nachdem im Jahre 1815 ein Grundstück an der Thalkirchner Straße zur Anlage einer jüdischen Begräbnisstätte angekauft worden war, wurde dort die Leichenhalle 1816 fertiggestellt und mit der Bestattung der Toten begonnen; bis dahin mußten die Leichen der in München verstorbenen Israeliten nach Kriegshaber bei Augsburg verbracht werden. Im Jahre 1819 wurde auf Grund eines Abkommens zwischen dem Stadtmagistrat München und der Kultusgemeinde eine israelitische Abteilung im städtischen Krankenhaus links der Jser mit ritueller Beköstigung errichtet, die späterhin nach Fertigstellung des neuen Schwabinger Krankenhauses dorthin verlegt wurde. Als erster Rabbiner hatte von 1802 bis 1824 ein hervorragender Talmudist, Rabbi Hessel, gewirkt. Sein Nachfolger war Rabbiner Hirsch Aub, nach dessen Amtsantritt der im Jahre 1824 begonnene Bau der Synagoge an der Westenrieder Straße zum Abschluß gebracht wurde. Am Vorabend des israelitischen Osterfestes am 21. April 1826 wurde die Synagoge in Anwesenheit König Ludwigs I., der prächtige Säulen für das Gotteshaus gestiftet hatte, in feierlicher Weise eingeweiht. Mit dem zunehmenden Wachstum der Zahl der Gemeindemitglieder entstanden zahlreiche Wohltätigkeitsvereine, von welchen der Studien- und Arbeitsbeförderungsverein, der Holzverein, der Jüdische Frauen- und Aussteuerverein besonders zu nennen sind. Im Jahre 1871 suchte der hochbetagte Rabbiner Aub um seine Pensionierung nach; als sein Nachfolger wurde Rabbiner Dr. Joseph Perles (1871 bis 1894) gewählt, der als hervorragender Orientalist auch in nichtjüdischen Gelehrtenkreisen großes Ansehen genoß. Da die Synagoge an der Westenrieder Straße sich im Hinblick aus die starke Zunahme der Gemeinde schön längst als unzulänglich erwiesen hatte, mußte schon Anfangs der 80er Jahre die Errichtung eines neuen großen Gotteshauses ins Auge gefaßt werden. Zu den Herbstfeiertagen 1886 wurde die neue große Synagoge an der Herzog- Max-Straße eingeweiht, deren künstlerisch vollendeter Bau eine Zierde der Stadt München bildet. Im Jahre 1891 wurde der Bau der orthodoxen Synagoge an der Herzog- Rudols-Straße vollendet. Nach dem Hinscheiden von Rabbiner Dr. Perles 1894 wurde als sein Nachfolger der noch heute zum Segen und zum Stolze der gesamten Münchner Judenheit wirkende Rabbiner Dr. C. Werner, früher in Danzig, bestellt. Bon dm Laienführern

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