Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-07 · Heft 14 (7.4.1916) · p. Seite 162

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 14 (7.4.1916)
Date
1916-04-07
Page
Seite 162 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229247--72127-3284551
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

162 großen Beliebtheit erfreuten und außerordentlich verbreitet lvurden. Durch seinen „Wohnungsanzeiger für die Stadt Berlin" 1812 wurde er den Behörden bekannt und erlangte durch Eingliartierungstabellen und ähnliche nützliche Unternehmungen einen wohlverdienten Ruhm. Zu gleicher Zeit begann er einige Spiele herallszugeben, die er später in mannigfacher Art fortsetzte. Der große Krieg veranlaßte ihn zu einer Broschüre „Deutschlands gewasfnete Jugend oder erste Grundzüge zur Errichtung einer Reichswehr", und er sprach hier Gedanken aus, die später wirklich in Preußen realisiert wurden. Ob diese Schrift damals irgendwie von der Behörde berücksichtigt wurde, ist nicht bekannt. Auf ihren Inhalt vermag ich nicht einzugehen, da es mir nicht möglich war, nur die Broschüre zu verschaffen. Eine wirklich feste Anstellung erlangte Sachs nicht. Er schiebt die Schuld seiner Konfession zu; aus den von ihnl mitgeteilten und sonst bekanntgewordenen Aktenstücken scheint allerdings hervorzugehen, daß er, der freilich in seinem Amte fleißig und tätig war, doch durch mancherlei unnütze Beschwerden und ein von Anmaßung nicht freies Betragen sich das Mißfallen seiner Genossen und seiner Vorgesetzten zuzog. Er vermochte weder in der Oberrechnungskammer noch bei sonstigen Behörden eine Anstellung zu finden: erst 1816 wurde er wieder in seine alte Stellung als Königlicher Regierungsbauinspektor ausnahmsweise eingesetzt. Allerdings wurde er nicht, wie er e^ wünschte, in Berlin beschäftigt, sondern entgegen seiner Bitte nach der Provinz geschickt. Tort hatte er — man muß das eine seltsame Ironie nennen hauptsächlich Kirchenbauten zu unternehmen, geriet in manche Differenzen mit der ihm Vorgesetzten Behörde, nrachte sich aber durch die Errichtung einer Baugewerkschute verdient, so daß er 1810 als Stadtbaubeamter nach Potsdam versetzt wurde. Er geriet aber in dieser Stellung und in anderen, die ihm zuteil wurden, in so viele Differenzen mit seiner übergeordneten Behörde, daß er 1880 mit einer verhältnismäßig kleinen Pension (400 Taler) in den Ruhestand versetzt wurde. Er benutzte die lange Zeit seines Lebens (denn er ist erst 1855 gestorben, der genaue Todestag läßt sich nicht ermitteln; vgl. A. D. B., Band 30, Seite 133 ff.) zu eifriger schriftstellerischer Tätigkeit. Diese letzten Jahre wurden ihm durch viele Schmerzen verbittert, denn er verlor seine Frau und einen hoffnungsvollen Sohn. Die schriftstellerischen Arbeiten beziehen sich auf die verschiedensten Gebiete. Er schrieb u.a. astronomischeSchriften, die von geringerer Bedeutung sind, doch erwarb er sich das Verdienst, als einer der ersten die Notwendigkeit zu erkennen, den astronomischen Unterricht anschauungsmäßig zu gestalten. Seine literarische Tätigkeit erstreckte sich über sämtliche Teile seines eigentlichen Fachs: Hochbau, Erdbauten, Baurecht, Bautarife, Fensterkonstruktion; für eines seiner Werke erhielt er sowohl von dem König von Preußen wie von dem Kaiser von Oesterreich eine goldene Medaille. Aus der oben angegebenen kurzen Biographie („Allgemeine Deutsche Biographie") ist noch hinzuzusügen, daß er die Gefahr eines Durchbruchs der Weichseldämme bei Danzig und die Folgen dieser Kalamität in einer zu Berlin 1829 herausgegebenen Schrift ernstlich ins Auge faßte. Nach der Lektüre seiner Selbstbiographie wird man nur sagen können, daß er ein vielseitig tätiger Mann war, nach seiner Darstellung auch ein pflichttreuer Beamter, der weniger wegen seiner nicht * zufriedenstellenden Tätigkeit als wegen seiner Konfession Schwierigkeiten zu erdulden hatte, denen er schließlich unterlag. Aber im Gegensatz zu Burg hat man ihm gegenüber die Empfindung, daß er bei allem Eifer und bei aller Geschicklichkeit, die er zeigte, doch durch seine Widerborstigkeit, Rechthaberei und Selbstüberhebung einigermaßen Schuld trug an den Unannehmlichkeiten, die ihm bereitet wurden. So scheidet man von ihm nicht mit jenem Gefühl echter Anteilnahme, die man Burg gegenüber empfindet. Er rühmt sich zwar selbst ungemein, und nachdem er das Urteil seiner Behörde: „ich sei ein Beamter, der keine Nachsicht und Schonung verdiene," mitgeteilt, gefällt er sich in folgender Selbstverherrlichung: „O, wie so beruhigend ist es für mich, wenn ich jetzt, im vorgerückten Alter, aus die vergangenen Zeiten zurückblicke und dabei auf nichts treffe, was das Gefühl der Neue in mir erweckte; wenn ich mich erinnere, wie ich mich auf meinen Dienstreisen in Preußen öfters mit einer trockenen Semmel begnügte, während ich meinen! Kutscher ein warmes Mittagbrot geben ließ, weil die Oekonomie es so erforderte; wenn ich daran denke, wie ich einstmals einen hochgestellten Domänenbeamten in der Kurmark, der als Entrepeneur einen königlichen Bau mit seinen schlecht fabrizierten Ziegeln ausführte, bei der Behörde deshalb anklagen mußte, und wie ich seit dieser Zeit, sooft der Dienst meine Anwesenheit auf dem Amte erforderte, es verschmähte, meine Wohnung im Amtsgebäude zu nehmen, sondern im Gasthause logierte und daselbst für mein Geld mit einer kärglichen Beköstigung vorliebnahm, während meine Vorgesetzten auf dem Amte wohnten und sich daselbst frei und reichlich bewirten ließen. Ich habe zwar mit alledem nicht mehr getan, als was die strenge Dienstpflicht mir vorgeschrieben, aber das Bewußtsein der Pflichterfüllung ist es ja eben, welches die süßeste Seelenruhe stets zur Folge hat, eine Ruhe, die keine Macht auf Erden zu trüben vermögend ist." Gewiß soll diese Darstellung nicht in Zweifel gezogen werden, aber man kann gerade aus solchen Schilderungen! erkennen, ein wie unbequemer Beamter und Kollege Sachs war. Möglicherweise hat auch bei der beschränkten und judenfeindlichen Gesinnung der damaligen Behörden sein Glaubensbekenntnis zu der Ungunst beigetragen, mit der ihm begegnet wurde. Aber man kann nur sagen: wäre er ein ebenso reiner, ehrlicher Eharakter wie Burg gewesen, hätte er in so gewissenhafter, angenehmer Weise wie jener seine Pflicht erfüllt, so hätte auch er wie Burg sich durchzusetzen vermocht und wäre nicht auf dem in seiner Jugendzeit erlangten Posten beständig geblieben und in verhältnismäßig jungen Jahren gezwungen worden, seine Stellung zu verlassen. Man hat nicht das Gefühl, daß er ein bloßes Opfer der Verhältnisse und des Vorurteils geworden, sondern daß er mehr durch seine Unverträglichkeit und seine Selbstüberhebung in seiner Laufbahn gescheitert ist. Aber immerhin lohnt es sich wohl, von diesem Salomo Sachs Königlich pensionierter Uegiernngsboninspektor zu Berlin. 8NU

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.