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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-07 · Heft 14 (7.4.1916) · p. Seite 161

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 14 (7.4.1916)
Date
1916-04-07
Page
Seite 161 (sequence 5)
Language
German
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161 bald nach Beginn beä Krieges, winde -ihm der Auftrag erteilt, in finanziellen Angelegenheiten eine Reise nach Amerika zuunternehmen, und er habe dann sofort darauf hingewiesen, die Vorbedingung des Gelingens einer größeren Finanzaktion i-n Amerika sei eine innerpolitische gründliche Reform der Rechtslage der Juden. Die Regierung erwarte nun von den rechtsstehenden Deputierten-, daß sie dem Gesetzprojekt nicht störend im Äege stehen, denn die alnerikanische Anleihe sei jetzt di.e einzig ntögliche Ret tu ng des Landes. Ungefähr zu derselben Zeit empfing der neue Minister des Innern, Schtscherbatow, eine j ü d i sch e Dep li - tation. Der Minister ließ sich äußerst geduldig über die qualvolle L>age der jüdischen Flüchtlinge informieren, war sehr zuvorkommend und erklärte zum Schluß, das einzige Mittel, die jüdischen unglücklichen Flüchtlingsmassen zu retten, sei die Abschaffung der „Tscherta" — eine Maßnahme, die bereits endgültig beschlossene Sache sei. Andere Fragen wurden nicht gestreift. Aus gew'issen Begleiterscheinungen der Audienz unterliegt es aber keinem Zweifel, daß die Unterredungfür den Minister den Zweck hatte, der amerikanischen Oesfentlichkeit Kunde von einer Geschloffenen „Befreiung der Juden" aus jüdischen — a l so gewiß einwandfrei e n — Kreisen Petersburgs zugehen zu lassen. Auf ungünstige Stimmungen in Amerika im Zusammenhänge mit der geplanten Anleihe wurde die Negierung von Männern aufmerksam gemacht, die ihr nahestehen und durchaus „judenrein" sind. Es waren dies zwei Vertreter der russisch-amerikanischen Handelskammer: Pros. Oserow und Protopopow, die in dieser Angelegenheit eine längere Unterredung mit den Ministern Bark, Jgnatjew und Schachowsky hatten. Prof. Oserow ist ein alter Söldling des Finanzministeriums, ein Negierungsgelehriter, -ebenso zweifelhaft als Fachmann wie -als Politiker, der sein Können für gutes Honorar nicht nur dem jeweiligen Finanzminister, sondern auch dem berüchtigten Departement der Staatspolizei zur Verfügung stellte und sich 1901 bis 1904 traurig berühmt gemacht hatte als wissenschaftlicher Leiter Polizei gefügiger Arbeiterverbände — der sogenannten Subatowschen „unabhängigen" Arbeitervereine. (Subatow war seinerzeit Chef der Moskauer Geheimpolizei für politische Angelegenheiten). Pr-ot-op o po w ist Vizepräsident der Reichsdirma, Oktobrist, Großindustrieller. Diese beiden Herren wiesen nun ganz energisch aus Praktischer Kenntnis der Lage daraus hin, daß ein gutes Einvernehmen mit den Vereinigten Staaten nur dann herbei geführt werden könnte, wenn mindestens die Beschränkungen der jüdischen Niederlassung, die Begrenzungen für jüdische Kinder bei Aufnahme in Lehranstalten und für jüdische Kaufleute bei Beteiligung an Aktiengesellschaften abgeschafft würden. Nach eingehender Erörterung der Frage sahen die Minister ein, daß ein Ausweg nicht zu finden sei, und meinten, man müsse Amerika Nachbeben. Oserow, Protopopow, der bekannte Eisenbahnunternehmer und Dumadeputierte Bublikow und der Vorsitzende der Munitions- und Flottenkommission der Duma, Schingarjow, der als Mitglied der „Kadetten"-Part-ei prinzipieller Anhänger der rechtlichen Gleichstellung -der Juden ist (zusammen mit seiner Partei aber stets — und auch in ganz letzter Zeit — die Erörterung der Judenfrage als „unzeitgemäß" erachtete) — -diese vier Herren hatten in derselben Frage eine Aussprache mit einer größeren Gruppe einflußreicher Mitglieder beider Häuser des Parlaments. Es wurden dabei aber nicht nur die Maßnahmen zur Heranlockung der amerikanischen Dollars erwogen, es wurde außerdem der Plan einer Mobilisation der gesamten Industrie Amerikas entworfen — zur Deckung des russischen Bedarfs an Munition und den anderen Sachen, die in Rußland zum „Siege" erforderlich sind. Hier kam man erst recht zur. Einsicht, man müsse Amerika durchaus nachgeben. Man steht, die Beweggründe zu dieser Maßnahme sind in den Geldfchränken der Vereinigten Staaten zu suchen. Amerikanisch sind aber nicht nur die Beweggründe, auch -die Abschaffung selbst verspürt man in Rußland als echt amerikanischen — Bluff. Denn di-e russischen Polizeibehörden wissen absolut nichts' von einem neuen Recht der Juden, „außerhalb des Anstedelungsgebiets zu -leben". Genau wie vor Jahr und Tag werden die Juden aus den „verbotenen" inneren Gouvernements brutal ausgewiesen — Kriegskrüppel mit eingeschloffen . . . Nach ihren ständigen Wohnsitzen werden aus den: Reichsinnern -die Tscherta-Juden zwangsweise bloß -aus dem sehr einfachen Grunde nicht -befördert, weil diese Wohnsitze, vielmehr deren verkohlte Ruinen und Schutthaufen, jetzt von den deutschen Truppen besetzt sind. Aber wie in alten „guten" Zeiten werden heute überall, wo man unangemeldete Judenvermutet, nächtliche Maffen-durchsuchungen ganzer Straßen und Stadtteile vorgenommen. Hunderte von Juden mit ihren Säuglingen, Greisen und Siechen, die sich -erdreiften, in Kiew und Kursk, in Woronesch und Tula „gesetzwidrig" sich auszuhalten, d. h. die auf Grund des -amtlich bekanntgegebenen Regierungserlaffes nach diesen Städten sich in wahnsinniger Angst aus der Cholera- und Flecktyphushölle der Flüchtlingsnester hergerettet haben, werden verhaftet, ausgeplündert, ihrer regulären Legitimationspapiere beraubt und zurück nach den verpesteten Orten abgeschoben; in grausamer Willkür werden dabei Familien auseinandergerissen, und kleine Kinder -gehen verloren und verschwinden — eine ausfallend häufige und wohl die tragischste Erscheinung des Flüchtlingsmärtyrertums. Alles blieb beim alten, manches ist noch schlimmer geworden. Und dieser Jammer wurde außerdem zu einer reichlichen Einnahmequelle der russischen Behörden (ganz abgesehen von der althergebrachten „Handsalbe"). Ein Jude, der sich außerhalb der Juden- Tscherta begeben will, muß vorher drei oder vi-er Bittgesuche eiureichen: an die Ortspolizei, an die Verwaltung des Gouvernements, in dessen Gebiet er sich zu begeben beabsichtigt, andie Militärverwaltung und in 'gewissen Fällen auch an -eine vierte Stelle. Die S-tempelgebühr für jedes Gesuch beträgt 2 Rubel. Von den Postämtern werden diese Eingaben ohne Beifügung der 6 bis 8 Rubel Stempelgebühren überhaupt nicht zur Bestellung angenommen. Und das Ergebnis der Eingaben ist Schweigen. Auch Telegramme mit bezahlter Drahtantwort bleiben unberücksichtigt. Unterdessen dauern auch die Verschleppungen aus dem Operationsgebiet fort, und ebenso wie im Mai und Juni gleiten schanervoll durch das Land die Flüchtlingszüge, vollgepfropft mit Juden, die physischen mib seelischen Qualen ausgesetzt werden, von denen man auch in diesem Wahnsinnsjahre, das uns an so manches -gewöhnt hat, sich kaum einen Begriff machen kann. Salomo Sachs. Von Ludwig Geiger. ie Meno Burg der einzige war, der einen höheren Militärrang in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in Preußen einnahm, so war Salomo Sachs, übrigens ein Vetter des eben Genannten, der einzige, der als Zivilbeamter in Preußen eine höhere Stellung erlangte. Der Unterschied zwischen beiden besteht nur darin, daß Sachs nach anfänglichem Avancement nicht weiter kam und schon im 58. Jahre seines Lebens pensioniert wurdet. S. Sachs wurde, ebenso wie sein Vetter Burg, in Berlin geboren, und zwar am 22. Dezember 1772. Er hatte keine regelmäßige Schulbildung erlangt und vermochte bis in sein 18. Jahr nur notdürftig Deutsch zu schreiben und zu lesen. Trotzdem meldete er sich bei der Hofbauamtsdirektion und fiel natürlich durch. Nun lernte er gründlich zeichnen und trat am 19. Dezember 1792 als Oberhofbauamteleve beim Bauamt ein und stieg ziemlich rasch auf. 1794 wurde er Kondukteur, 1799 Bauinspektor. Er machte die Fassaden bei der Stadtvogtei, bekam dafür die silberne Medaille und erhielt einen ferneren Preis für Zeichnungen, die er für die neue Schloßbrücke angefertigt hatte. Im Jahre 1799 begann er zu schriststellern; er veröffentlichte einzelne mathematische Werke, später Auflösungen zu Meyer Hirschs Aufgaben, die sich einer *) Die in diesem Aussatz gegebenen Daten sind entnommen der Schrift: „Mein 50jähriges Dienstleben und literarisches Wirken." Ei» Beitrag zur tatsächlichen Beleuchtung der Frage: Sind Juden zum Staatsdienst geeignet? Von S. Sachs, Königl. Bauinspektor in Berlin. Mit dem Porträt des Verfassers. Zum Besten der Berliner Armen. Berlin, 1842, im Selbstverläge des Verfassers, Alexanderstraste 5». Am Schlüsse des sehr seltenen Büchleins werden einige Urkunden mitgeteilt, die sich auf den Verfaffer beziehen. Einzelne andere Aktenstücke habe ich in meiner „Geschichte der Juden in Berlin", Band 2, Seite 195 ff. veröffentlicht.

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