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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-07 · Heft 14 (7.4.1916) · p. Seite 160

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 14 (7.4.1916)
Date
1916-04-07
Page
Seite 160 (sequence 4)
Language
German
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160 Punkt. Warum soll dasselbe also nicht auch außerhalb Bayerns in deutschen Landen möglich sein? Soeben nun ist wieder ein Jude auf einen hervorragenden Posten berufen worden, der dem Judentum hohe Ehre macht: der bisherige Staatsanwalt am Obersten Landesgericht Bayerns zu München, Eduard Silbermann. Um jeglichen Schein einer Einseitigkeit zu vermeiden, entnehmen wir den „Münchener Neuesten Nachrichten" Nr. 154 vom 25. März folgende Angaben: Der neuernannte Senatspräsident am Oberlandesgericht München, Eduard S i l b e r m a n n, hat im Jahre 1877 den Staatskonkurs mit der Note I bestanden. Er wurde 1879 3. Staatsanwalt beim Landgericht Regensburg, 1881 Amtsrichter am Amtsgericht Augsburg, 1887 2. Staatsanwalt beim Landgericht Regensburg, 1891 Landgerichtsrat am Landgericht München I, 1899 Staatsanwalt beim Oberlandesgericht München, 1904 Rat an demselben Gerichtshöfe. 1908 wurde er zum Staatsanwalt beim Obersten Landesgerichte ernannt. Interessant ist, daß dem verstorbenen Kultusminister Dr. v. Wehner (der bekanntlich jüdischer Abkunft — Wiener— gewesen sein soll) und Senatspräsident Silbermann, den beiden „Erstell" nnd einzigen „Einsern" im Staatskonkurs 1877, auch seinerzeit bei Absolvierung des humanistischen Gymnasiums als den einzigen die seltene und jetzt nicht mehr verliehene Auszeichnung der goldenen Preismedaille für hervorragende Fortschritte Zuerkallnt wurde. Es bleibe schließlich nicht unerwähnt, daß der nunmehrige Senatspräsident eine ganze Reihe von Jahren als Mitglied der Vorstandschaft der Israelitischen Kultusgemeinde in München gewirkt hat. * lieber R nßland sei eine Anzahl Notizen zusammengestellt, zunächst zwei friedliche. Die „Frankfurter Zeitung" berichtet: W a r s ch a u. Nach der am 15. März beelldeten Zählung der jüdischen B e v ö l k e r u n g tu Warschau beträgt deren Zahl 350 413. Die Gesamtbevölkerung Warschaus stellt sich ans 814 000. Bor dem Kriege war die Gesamtbevölkerung wie die Zahl der Juden höher und betrug rund 880 000 bzw. 400 000. Die deutsche „Lodzer Zeitung" meldet: P i n s k. Die Synagogen. Man schreibt der „Frankfurter Zeitung": lieber zwei Drittel der Bevölkerung von Pinsk bestand unter russischer Herrschaft aus I u d e tt, deren Gotteshaus sich stolz und mächtig über das Gewirr der grüngestrichenen Blechdächer der Umgebung hinaus erhebt, vhlte allerdings die Beziehungen zur ltmgebnng zu verlieren. Die alte Sy n a g o g e , die im Bolksnumd die „kalte Schn I" heißt, weil der 5000 Menschen fassende große Saal in den bitterkalten Wintern nicht geheizt werden kann, steht im „Schulhof", und jeder Jude, den matt trifft, betont, mit sichtlichem Stolz, -daß das merkwürdige Gebäude mit den ineterdicken Wänden über 800 Jahre alt sei. Man steigt von der Straße ans eine Anzahl Stufen in die Synagoge hinunter, und durch das Tieflegen des Fußbodens ist irn Innern des Raumes eine Höhe und Weite geschaffen worden, die in manchem doch wieder an die Wucht und Größe der christlichen Kirchen erinnert. Rings um die große Synagoge herum stehen ein paar kleinere. Denn die Schneider und Schuster, die Fleischer nnd Pelzhändler, alle die einzelnen Gewerbe besitzen ihre eigenen Synagogen in Pinsk; die gebildeten Schichten, die kein Gewerbe treiben, haben in der Klause ihr gesondertes Gotteshaus, und . da man im Gottesdienst hier keine Predigt kennt, sondern die Predigt am Samstag nachtnittag nach einem guten Mittagessen und ausgiebigem „Schabbesschläfchen" in beschaulicher Ruhe genießt, gibt es zudem noch eine eigene „Predigershnagoge". Alle diese kleineren Gotteshäuser sind freilich höchst bescheidene Holzbnden, die sich im Aeußern kaum von den Wohnstätten der Bevölkerung unterscheiden. Sodann ist zu erwähnen, -daß alle jüdischen Zeitungen in Rußland verboten worden und daß in der Duma Sturmszenen vorgekommen sind, als dort die Judensrage behandelt wurde. Darüber enthält das „Berliner Tageblatt" nachfolgende Schilderung: Die Schlußsitzung der Debatte über das Budget des Ministeriums des Innern verlief sehr st ü r m i s ch. Zwei hervorragende Deputierte wurden dabei sogar ausgeschlossen, weil sie dem reaktionären Zamyslowski, der von der Dumatribüne aus eine antisemitische Pogrompropaganda verkündete, die verdiente Bezeichnung „ Huligan!" zuriefen. Anläßlich des Dringlichkeitsantrages über die Judenverfolgungen hielt Zamyslowski eine typische Pogromrede, in der er sich gegen eine Veröffentlichung der Debatte aussprach. Eine Zulassung dieser Debatte würde vom Volk als Begünstiguttg der Juden aufgefaßt werden. „Aber sie verdienen keine Gunst. Sie haben sich im Kriege schändlich benommen und Rußland verraten. Deshalb haben russische Soldaten bei jedem Rückzüge zunächst in den Dörfern die.Juden ausgerottet. Wie wollte nun die Duma so einen Antrag annehmen!" Kaum hatte Zamyslowski das gesagt, entstand ein Sturm der Entrüstung unter den Deputierten. Sie standen von ihren Sitzen auf und ballten die Fäuste. Tschenkeli schrie: „Es ist eine Schande, daß man solche Reden gestattet!" Obwohl Tschenkeli zweimal zur Ordnung gerufen wurde, konnte er sich nicht beherrschen, als Zamyslowski seine Verhimmelung der Judenpogrome fortsetzte. Er rief ihm „Huligan!" zu und wurde darauf auf Antrag des Vorsitzenden von der Sitzungsdauer ausgeschlossen. Skobolew darüber erbittert, schrie, „ M i t H u l i g a n e n will ich nicht zusammen sein!" Ihn ereilte natürlich das gleiche Schicksal; auch er wurde ausgeschlossen. Darauf verließen a l l e S o z i a l d e m o k r a t e n und Vertreter der Arbeitergruppe den Saal der Duma. Die Dumamajorität enthielt sich der Abstimmung hinsichtlich der Ausschließung SkobolewS und Tschenkelis. Nur der fortschrittlick)e Abgeordnete Mtaklakow stimmte dafür, weshalb er auch von der „Njets-ch" eine Zurechtweisung erhielt. Tschenkeli erklärte vor Verlassen des Saales, er betrachte seine Ausschließung als eine Ehre, weil die Duma in solch einer ernsten Stunde die Verunglimpfung der Juden von der Tribüne aus zuließe. Mit den Legenden über Ritualntorde wäre das Volk bisher gegen die Juden anfgewiegelk worden. Als schließlich Zamyslowskis Rede beinahe zu Ende war, fand es sogar der Vorsitzende für geboten, die Rede abzu breche n. Darauf ergriff der Kadett S ch i n g a r e w das Wort: „Ob die Inden Verräter sind, ist mir unbekannt. Verräter gab es unter allen Nationalitäten Rußlands. Ist vielleicht der ehemalige K r i e g s m i n i ste r S u cho m l i n ow keiner, der, obwohl er das besondere Vertrauen des Zaren genoß, doch gleichzeitig mit Verrätern in Beziehungen stand, sich bestechen ließ und so die russische Armee verriet? Durch seinen Verrat hat er H un d e r t t a u sen de von Russen ums Leben gebracht." Die Juden hingegen seien genau so gute Staatsbürger wie alle anderen. Daß sie aber trotzdem mehr leiden müßten, das sei allein eilte Schande für Rttßlattd. Den Worten des Redners folgte stürrnis che r B e i f a l l. ■* Endlich sei einer sehr wohlunterrichteten Korrespondenz der „Frankfurter Zeitung" Raum gegönnt, die so lautet: Die angebliche Aufhebung des j ü d i s ch e n A n s i e d l u n g s g e b i e t s. Von gut informierter Seite werden uns über die in die Welt als Gnadenakt ausposaunte angebliche Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsgebiets in Rußland folgende Einzelheiten mitgeteilt: Bor Antritt seiner Reise in das Ausland hatte Finanzminister Bark (nebenbei bemerkt ist dieser echtrusfische Diener des Zaren der Sohn eines getauften Inden) eine Unterredung mit den Führern der rechtsstehenden Fraktionen der Duma über die schwere Fi n a n zlage des Landes. Er führte folgendes ans: Rußland sei im allgemeinen in eine äußerst kritische Lage geraten und brauche vor allem Geld. Die Hoffnung auf Realisierung einer größeren Anleihe in England sei äußerst gering (von Frankreich könne in diesem Zusamtnonhang heute überhaupt nicht mehr die Rede sein); bei gewissen Bedingungen wäre es möglich, eine halbe Milliarde Dollar (beim heutigen Kurs 1% Milliarde Rubel) in Amerika zu bekommen. Tie Negierung sei aber zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Anleihe dort nur dann perfekt werden könnte, wenn von der Duma das Gesetzprojekt über Abschaffung des jüdischen Ansiedlungsgebiets angenommen würde. Der Minister erzählte, daß, gleich nachdem man in Unterhandlungen mit Amerika getreten war, sich ein unüberwindliches Hindernis bemerkbar machte. Es wurde den russischen Mittelspersonen unzweideutig, zu verstehen gegeben, daß ohne eine Besserung der Lage der Juden das Geld nicht hergegeben werden würde. Witte habe dies vorausgesehen. Bereits vor einem Jahre,

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