Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1916)
- Date
- 1916-04-07
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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159 erhält, dnh das deutsche Volk nicht wieder die Absicht habe, den Weltfrieden zu zerstören. Me schon im eigenen Lande durch die Arbeiter und durch vernünftige Politiker gegen alle solcher Vernunft hohnsprechende Forderungen Widerspruch erhoben wird, so zeigt sich anderseits, daß England in seinem unentwegten Hasse und in seiner trotz aller furchtbaren Verluste durch den E-Bo-ot-Krieg hervovgerusenen Schädigungen ziemlich allein steht. Selbst Amerika rückt einigermaßen von England ab. Darüber enthält die „Vossische Zeitung" unter dem Titel' „Ein amerikanischer Ankläger Englands" folgenden bemerkenswerten Artikel: Die im Verlaufe, dieses Krieges oft beobachtete Tatsache, daß jeder Amerikaner, der Deutschland aus eigener Anschauung gründlich kennt, ein warmherziger Parteigänger der deutschen Sache ist, bestätigt sich eben wieder an einem besonders erfreulichen Fäll. Wie Professor Thomas Hall, wie die Konsuln Thompson und Gasfney, wie der frühere Botschafter Hill und der Pastor Dickie zeigt sich auch der Professor der Volkswirtschaft an der Universität New Aork, Edwin Jones Clap p, als ein Freund Deutschlands, allerdings als ein objektiver, keineswegs blind bewundernder Freund, der bei der Beurteilung deutscher Verhältnisse und Bestrebungen durchaus nicht mit schärfster Kritik zurückhült, wo er Tadelnswertes zu finden glaubt. Professor Clapp hat! kürzlich ein Buch „Economic aspects of the war" (Wirtschaftliche j Ausblicke des Krieges) veröffentlicht, das selbst im gegnerischen Lager | große Beachtung gefunden hat. Er behandelt darin auf Grund ein- | gehendster Studien die Rechte der Neutralen, die Forderungen der I Kriegführenden und bte voraussichtlichen Folgen des Krieges auf die j amerikanische Volkswirtschaft. Daß Clapp in seinen Ausführungen dem deutschen Standpunkt im wesentlichen gerecht wird, hat seine Ursache in den: Umstand, daß Clapp — zum Unterschied von so vielen anderen amerikanischen Beurteilern — Deutschland, deutsche Auffassungen und den deutschen Bolksgeist kennt. Er hat in Berlin vier Fahre lang studiert, hat hier seinen Dr. Phil, gemacht, hat ein Blich über deil Hamburger Hafen mtb eines über die Rheinverbesserungen geschrieben imb hat wohl ans Grund seiner gründlichen Kenntnis deutscher wirtschaftlicher und munizipaler Probleme vor einigen Jahren die Anstellung als Chef der Hafeninspektion vcn Boston erhalten. Clapp erhebt in seinem Buch wuchtige Anklagen gegen England, dem er brutalsten Eigennlltz, völkerrechtliche Unmoral und eine alte Rechtsbegriffe mit Füßen tretcnbe Willkür nicht nur vorwirft, sondern akteumäßig nach weist. Der Nachweis ist lückenlos, das von Clapp herbeigebrachte Material erdrückend. Es wird der Beweis erbracht, daß England von den Grundsätzen, die es früher befolgt, ja zum Teil sogar selbst ins Leben gerufen hat, in diesem Kriege iuuner mehr abgewichen ist, daß es au die Stelle des Rechts die Macht gesetzt hat, daß es die Interessen der tleinen neutralen Staaten, vor denen es keine Frucht zn haben braucht, kaltblütig vergewaltigt. (Freilich, so könnte lnan hinznfügen, auch die Rechte der großen neutralen Staaten, sofern England keine Furcht zn haben braucht - siehe Amerika.) Clapp zeigt ans Grund unanfechtbarer Statistiken, wie durch das Vorgehen Einstands trotz der Milliardenausfuhr von Munition die wirtschaftlichen Interessen Amerikas empfindlich geschädigt tu erben; er zeigt aber noch mehr: daß England darauf ausgeht, der nordamerikanischen Union einen Bruch der Neutralität gegen den Willen der amerikanischen Nation, ja gegen deren wirtschaftliches Lebensiuteresse aufznnötigeu. „Wenn die Engländer", führt Clapp mit griunniger Ironie fort, „uns weismachen 'wollen, die deutschen Noten in der II-Boot-Frage bedeuteten Eingriffe in unsere Rechte, so soll Sir Edward die Wahrnehmung unfcrcr Interessen gefälligst u n s s e t b st überlassen." Die Haltung Deutschlands im Il-Boot-Kriege, die uns durch die englische Ausblmgernngspolitik nnsgezwungeu wurde, findet Clapp begreiflich, bettn sie entspringe dem Gebot der Selbsterhattuug. Wenn England, so schließt das Buch, zu der auch von Vertretern Englands Unterzeichneten Londoner Deklaration znrückkehrt und die dort von England selbst vorgeschlagene Definition der Konterbande wiederherstellt, also Lebensmittel und Bamwvolle freigibt, dann kommen beide Kriegführenden wieder in die Grenzen von Recht und Gesetz zurückkehren. England hat durch den Aushungerungskrieg das Naturrecht wie das Völkerrecht empfindlich verletzt. Amerika wird England nur dann nueber als Rechtsstaat respektieren, wenn es sich auf sich selbst besinnt und zu feinen anständigen Ueberliefernngen zurückgefnnden hat. Auch Belgien will sich die fortdauernde Tyrannei Englands nicht gefallen lassen und drückt sein Mißbehagen in deutlicher Weise aus. Auch in Japan macht die Feindschaft gegen England bedeutsame Fortschritte. In Deutschland hat sich mancherlei ereignet, auf das wenigstens kurz hingewiesen werden soll. In der sozialdemokratischen Partei hat sich eine Spaltung vollzogen, infolge deren sich die Intransigenten von dem Gros der Partei getrennt haben. Ausrufe der mannigfachsten Art werden veröffentlicht, wir glauben aber, auf dieses Parteigetriebe, so wichtig es auch ist und namentlich für die Zukunft loerden kann, an dieser Stelle nicht weiter eingehen zu sollen. Die vielfachen Anfragen, die von den verschiedensten Parteien in der Unterseebootfrage gestellt werden sollten, sind in den geheimen Sitzungen eines Ausschusses beraten worden, aus denen folgender, fast einstimmig angenommener Antrag hervorgegangen ist: Die Kommission wolle beschließen, dem Reichstage folgende Erklarilng an den Herrn Reichskanzler vorznschlagen: Nachdem sich das Unterseeboot als eine wirksame Waffe gegen die englische auf die Aushungerung Deutschlands berechnete Kriegführung erwiesen hat, gibt der Reichstag seiner Ueberzengung Ausdruck, daß es geboten ist, wie von allen imfcrcn militärischen Machtmitteln, so auch von den Unterseebooten denjenigen Gebrauch zn machen, der die Erringung eines die Zukunft Deutschlands sichernden Friederis verbürgt, und bei Verhandlungen mit auswärtigen Staaten die für die Seegeltnng Dentschlands erforderliche Freiheit im Gebrauch dieser Waffe unter Beachtung der berechtigten Interessen der neutralen Staaten zn wahren. * Von den eigentlichen ft r i e g s e r e i g n i s s e n sind zunächst die großartigen Erfolge unserer Unterseeboote zu melden. Die Verluste, die den feindlichen Flotten in der letzten Zeit z>>gefugt worden sind, müssen geradezu als ungeheuer bezeichnet werden. Unter diesen Verlusten hatte in erster Linie England zu leiden, aber auch ein großes französisches Transportschiff ist torpediert worden, »nd von den 4000 Mann seiner Besatzung ist etwa nur der vierte Teil gerettet worden. Aus dem r u s s i s ch e n itnb dem Italien! s ch e n Kriegsschauplatz ist augenblicklich eine kleine Pause cingetreten. Es ist mit Freude zu konstatieren, daß die ganz ungewöhnlich starken Angriffe der Russen und Italiener auch nicht den geringsten Erfolg gehabt haben und daß die Verluste, welche beide Mächte erlitten haben, für sie ganz ungewöhnlich hohe sind. * Unser bayerischer ^'.-Berichterstatter schreibt uns: Immer wieder handelt es sich bei den Mitteilungen ans den Vorgängen im i n n e r c n St a a t s l e b e n Bayerns, welche in der ,.A. Z. d. I." geboten werden, um die Feststellung und Betonung der viel weiter als im übrigen Deutschen Reiche, sowohl in Preußen wie in den übrigen Bundesstaaten wie bei den Reichsbehörden, durchgeführten w i r k - l i ch e n Parität und G l e i ch b e r e ch t i g n n g d e r I u den. Im Verlauf der letzten Monate war auf den Tod der im Ruhestande befindlichen letzten aktiven bayerischen Offiziere israelitischen Bekenntnisses aufmerksam gemacht worden, und über einen unlängst als Major a. D. gestorbenen erscheint demnächst hier eine Skizze; auch erhielt ein Frankfurter jüdischer Bankier (Lismann) im März als bayerischer Landwehrmajor eine Kriegsauszeichnung. Daß im Richterberufe Bayerns eine ganze Anzahl jüdischer Männer bis in höhere Stufen gelangten und so den Beweis erbrachten, nicht nur sich voll für anzuvertrauende verantlvvrtungSreiche Aemter zn eignen, sondern auch in keiner Hinsicht, wie so oft antisemitische Hetzer unterschieben, die Würde des Staats- und Richteramts bei der Bevölkerung zu beeinträchtigen, bleibt dabei auf die Dauer ein wichtiger