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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-04-07 · Heft 14 (7.4.1916) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 14 (7.4.1916)
Date
1916-04-07
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
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158 sogar ihr Studium. Doch, ein Lichtblick folgt: im vierten Jahre gibt es bereits' eine Sättigung,-„die keine Sättigung ist", das heißt wohl, es gibt was zu essen, aber nicht in geilügender Menge. In moralischer Beziehung kann die Sache auch so gedeutet werden, daß eine Sättigung mit Brot der nach Frieden lechzenden Menschheit noch keine Sättigung bedeutet. Im fünften Jahre schon ist die Sättigung groß, und freudige Zuversicht kehrt in die Herzen der Morschen toi oder ein. Im sechsten Jahre „gehen Gerüchte um", ein Wort, das den Kommentatoren fast unverständlich ist, das nur aber. Politisch gereist, auf Friedensgerüchte deuten tonnen. Gerüchte, die das Nahen der glücklichen Zukunft, hier der mesfianifchen Zeit, erwarten lassen. Im siebenten Jahre nämlich sind zwar noch Kämpfe, wohl die abschließenden und entscheidenden Kämpfe, und da erst, am Ende des Jahres, kommt der Messias. Recht drastisch klingt die Einwendung im Talmud selbst: Wenn es mtr das wäre, müßte ja der Messias schon längst gekommen sein, denn so was hat es ja schon gegeben! Doch nein, jene „Stimmen" oder Gerüchte hat es früher nicht gegeben, bzw. die hier gegebene Reihenfolge der Dinge hat es nicht gegeben. Gewiß, in ihrer Totalität haben sich diese Zeichen der Endzeit noch bei keinem Weltbrande eingestellt, aber im einzelnen sind die Begleiterscheinungen fast jeden Krieges gleich. Was ferner den Rabbinern besonders nahe zu gehen schien, sind jene rätselhaften „Stimmen", die nach ihrer Behauptung sich noch niemals in der gewünschten Weise eingestellt hätten. Nicht mit Unrecht denken hierbei die Ausleger an die mächtige Stimme der Befreiungsposaune, die von -einem Ende der Erde bis zum anderen ertönen soll. Vielleicht sollen wir.darunter den in der ganzen Wett vernehmbaren Ruf der gesamten Menschheit verstehen: „Friede in den Höhen, Friedein den Tiefen!" Erst wenn sich die gesamte Menschheit in diesem Rufe einigt, kann die Zeit der Erlösung, die Zeit des Messias kommen. Tie Endzeit, die wir Juden erwarten, soll keinen Menschen erschrecken. Wir faseln weder von einem Weltbrande im Sinne der germanischen Mythologie, der mit dem allgemeinen Untergänge aller Wettgeschöpfe gleichbedeutend wäre, noch von einer esehatologischen Zeit der christlichen Vorstellung, die das Ende alles Irdischen und die Herrschaft des Himmlischen bringen würde, sondern von einer Zeit der endlichen Vervollkommnung des menschlichen Geschlechtes, das, fortan befreit von Sünde und niedriger Begierde, nur seinen hehren, idealen Aufgaben leben würde. Das ist freilich wüt entfernt von der Ankunft eines Persönlichen Messias, wie sie sich die Masse unseres Volkes in alter Zeit vorgemalt hat und zum Teil noch immer vormalt, hingegen entspricht es den Hoffnungen einer für die großartigsten Zukunftsideale arbeitenden und kämpfenden Retigionsaenosfenschaft, zu der sich unser Volk z'nm Teil bereits durchgerungen hat, zum Teil noch durchringen will und soll. Schon im Talmud eristiert eine Ansicht, wonach zwischen dieser und jener Zeit kein anderer Unterschied bestehen soll als „das Anfhören des Druckes der Weltreiche". Das ist alles. Hört einmal die Knechtung von gewissen Menschenkategorien ans, übt ein Volk auf das andere keinen widerrechtlichen Druck ans — dann ist die messianische Zeit gekommen. Den Druck der Weltreiche wird sich nun jedes Volk anders vorstellen. In uns Inden erweckt schon das bloße Wort „Truck" die wehmütigsten Gefühle, und ist es einmal vorbei damit, dann sind mir auch erlöst. Aber auch die Völkerschaften, die Politisch unter einem fremden Joche schmachten oder diejenigen, die mtr einen Teil, einen Splitter ihres Volksganzen, fremder Willkür Preisgegeben Nüssen, werden sich noch immer unertöst fühlen ltnt> eine Zukunft hcrbeiwünscheu, in der ihre nationalen Ideale verwirklicht erscheinen. Und doch ist d i e s es Anfhören des Druckes der weltlichen Mächte noch nicht die erwartete messianische Zeit; auf der Höhe'der Menschheit stehend, erwartet von ihr das Judentum bas Aushören jeder Gewalttat, jeglichen Unrechts und auch jeglichen Unheils, denn nur die von diesen Uebeln befreite Menschheit kann sich ganz den Werken der Tugend und -der Vollendung widmen. Daß es dazu kommen wird, kommen müsse, einst, in späten Tagen, am Ende der Zeilen, das ist der feste Glaube des Judentums, das ist sein unverwüstlicher Optimismus. Dir Woche. Berlin, den 4. April 1916. ine Aufsehen erregende Nachricht läuft durch die Zeitungen: H o l l a it d rüstet. Zunächst scheint alles nur Gerücht zu sein, aber unter diesen Gerüchten ist das Beängstigende, daß die Ententemächte an Holland das Verlangen gestellt hätten, keinerlei Waren an Deutschland dnrchzulassen, ja daß England begehrt hätte, seinen Truppen Durchzug durch Holland zu gewähren. Wir registrieren einstweilen dies Gerücht, ohne weiteren Vermutungen Platz zu geben, und erwarten die Entwicklung dieser Angelegenheit, der wir ohne Beängstigung, aber freilich nicht ohne Aufregung entgegengehen. Im Laufe der letzten Wochen haben sich 'die Stimmen gemehrt, welche eine gewisse Vereinsamung Englands mtb eine Abwendung der anderen Mächte von diesem Jnselstaate bekunden, der von vornherein unser grimmigster Feind war und sich immer mehr 31t unserem Hauptgegner entwickelt. Tie in der letzten Zeit eingetroffenen Nachrichten beweisen ferner, daß England in seiner Verblendung über alles Maß hinausgeht. Zunächst ist zu erwähnen, daß sich in englischen Arbeiterkreisen die Ueberzeugrmg immer mehr Bahn bricht, daß es so nicht weiter gehen könne. Manche Betriebe ruhen vollständig, wichtige Erzeugnisse können nicht mehr hergestellt werden. Trotz aller Großsprecherei ist die Zahl der gewünschten Soldaten entweder überhaupt nicht erreicht worden oder die zu Soldaten Gepreßten sind weder ausgebildet noch besitzen sie die Frendigkeit, die zu ihrem Berufe nötig ist. Die leitenden Kreise verschließen sich allerdings dieser Ueberzougung, stellen vielmehr Forderungen ans, die man als grotesken Scherz auffassen müßte, wenn man nicht Grund hätte zu glauben, daß verblendete Politiker wirklich die Meinung hegen, Deutschland müßte 164 Milliarden Kriegsentschädigung zahlen. Zwar hat dies kein Minister gesagt, aber ein Mann, der nicht ins Blaue hineinredet, und von dem man sich denken kann, daß er von Hintermännern zum Sprachrohr benutzt wird. Die Zeitungen melden nänllich: Ter Sekretär »der Warmbörse von Liverpool, E a r a m m 0 n d , hat in der Handelskammer Londons eine Rede gehalten, in der er ausführte: „Die finanziellen Aussichten Deutschlands sind verzweifelt. Infolge zuverlässiger Mitteilungen aus schwedischer Quelle wird die deutsche Regierung nach dem Kriege versuchen, enorme Anleihen tut Anstande aufzn nehmen, mit die inländischen Kriegsanleihen zu decken. Wenn Deutschland besiegt lvird, mutz es folgende Kriegse it t s ch ädignngen bezahlen: An B e l g i e n 506 Millionen Lstr. lctlva 10 Milliarden Mark), an Frankreich 2500 Millionen <50 Milliarden), an England 2000 Millionen (52 Milliarden), all Italien 500 Millionen 00 Milliarden), an R n ß l a n d 2100 Millionen (48 Milliarden), an S e r b i e n und M 0 n t e n e g r 0 100 Millionen (2 Milliarden). Tie deutsche Handelsflotte soll verwendet werden, um die Verluste zu büßen, welche die kriegführenden und ne-ntralen Länder durch Torpedierung und Minen erlitten haben. Die Kriegsentschädigungen an Belgien, Serbien und Montenegro sollen in Maschinen, Rohmaterialien, Eisenbahnwaggons und Industrie loaren gezahlt lverden, deren Deutschland sie während des Krieges beraubt hat. Besondere Zolltarife sollen einige Jahre auf den deutschen Handelswaren lästert, als Unterpfaitd für das künftige Verhalten Deutschlands. Sie sotten erst dann wegfallen, wenn man die Gewißheit

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