Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1916)
- Date
- 1916-04-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46*49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Aügem. Zeitung des Judentums-, Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. tfllfttflft* Kriegsjammer und Messianismus. (Von Pros. Dr. S. Kra uß. IJllljUll* — DieWoche.— SalomchSachs. Von Ludwig Geiger. — Die Heiligung des göttlichen Namens. Von Rabbiner Tr. I. Stier. — Emilio Treves. Von Margarete Marasse. — Zum hundertsten Geburtstag der israelitischen Kultusgemeinde in München. Von Siegmund Fraenkel in München. — Feuilleton: Auge um Auge. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der 6Lemelndebote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judenturnst. Berlin, Rakel, Mongrowitz, Schönlanke, Freienwalde. Leipzig, Zweibrücken, Frankfurt a. M., Karlsruhe, Straßburg, Wien, Stockholm. — Von Nah und Fern. Lnegsjammrr und Messianismus. Von Prof. Dr. Kra u ß. ie mit dem Kriege verbundenen Nöte und Leiden wurden im Judentum nie nach ihrer momentanen Wirkung eingeschätzt und beurteilt, sondern nach dem, auf was sie hin-;>identen scheinen. Die großen Erschütterungen eines Krieges, so geht die Meinung, führen zu etwas Neuem, zu etwas Besserem, zu etwas, was die Menschheit als ihr besseres Schicksal und ihre bessere Zukunft erhofft. In dieser Beziehung sind auch noch die ersten Schriften des Urchristentums völlig von jüdischem Geiste durchdrungen. In den Evangelien werden die Kriegsleiden unter dem Bilde der «Geburtswehen" (oäinoch betrachtet, die eine neue, bessere Zeit in die Welt setzen müssen. „Ihr werdet hören Kriege und Geschrei von Kriegen; sehet zu und erschrecket nicht. Das muß zum ersten alles geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich empören ein Bvlk über das andere und ein Königreich über das andere... Da wird sich allererst die Not anheben . . . Wer aber harret bis an das Ende, der wird selig." (Ev. Matth. 24, 6—13.) Wesen und Charakter dieser „Geburtswehen" entspricht völlig dem, was die Rabbiner „Leiden des Messias" (chable ineschiach) nennen, worunter immer nur die der Messiaszeit vorangehenden Leiden, nicht aber, wie wohl christliche Dogmatiker in ihrer Verblendung annahmen, die Leiden und Qualen des Messias selbst zu verstehen sind. Man vergesse nicht, daß im Hebräischen die Schmerzen der gebärenden Frau mit demselben Worte (chabalim) ausgedrückt werden, Schmerzen, unter denen etwas Neues, das kostbare Leben eines neuen Menschenkindes, in die Erscheinung tritt. Folgender Art sind die Leiden, die nach den Rabbinern <s. Baraitha Sota 49b, auch Sanhedrin 27a) den messianischen Zeiten vorangehen: die Unverschämtheit (chuzpa) nimmt zu (man denke nur an die schamlosen Lügen und Verdrehungen unserer Feinde), die Teuerung erreicht die höchste Spitze, der Weinstock gibt zwar seine Frucht, aber der Wein stellt sich danach teuer (nach Raschi: weil die böse Zeit immerfort säuft und trinkt; wir, nach unserer Erfahrung, könnten sagen: weil sich die arglistige Spekulation darauf wirft, und so ist es auch mit allen Bodenprodukten), es gibt keine öffentliche Moral, die Bewohner der Grenzgebiete wandern von Stadt zu Stadt und finden kein Erbarmen, die Weisheit der Schriftsteller kommt in üblen Geruch, die die Sünde Scheuenden werden ausgelacht, die Wahrheit muß sich verbergen . . . das Gesicht des ganzen Geschlechtes ist (schamlos), wie das des Hundes — und wir, was könnten wir tun? Wir können uns nur stützen auf unseren Vater im Himmel (man denke nur an die heute zutage getretene tiefe Frömmigkeit der leitenden Kreise). Ganz ähnliche Zeichen verkünden, so lesen wir, die Ankunft des Saospant, des Messias der Perser (Bahman Aast 2, 30 bis 47). Erhebt sich schon dadurch das Gemälde von den „Leiden" über den engen Rahmen des Rabbinismus, so sind einige Züge davon, wie wir angedeutet haben, an und für sich geeignet, auch für unsere Zeit in Geltung zu treten. Die Rabbiner rechnen noch zu den „messianischen" Leiden: die Abnahme der Getreuen (für uns — Verminderung der Menschheit), eine solche Knappheit der Lebensmittel, daß man für einen Kranken selbst einen Fisch nicht austreiben kann, die Menschen verzweifeln schon an der Möglichkeit einer Besserung der Zustände, man beklagt die schreckliche Zunahme von allerhand Angeberei, die Regierung erläßt eine Verordnung nach der anderen (nach der Quelle: gegen die Juden, bei uns sind aber alle Untertanen gleich), und es fehlt in dieser Reihe auch die Angabe nicht, daß schon der letzte Heller aus dem Beutel schwindet, denn man braucht ihn ja zu Brot (von einer inneren Anleihe hatten die Alten noch keine Spur)! —— Bei der Geltung, welche bei den semitischen Völkern und insbesondere bei den Juden der Zahl Sieben zukommt, darf es nicht wundernehmen, wenn auch „die Leiden des Messias" auf eine Jahreswoche ausgeteilt werden (Sanhedrin 77a). Im ersten Jahr, so heißt es, werde die eine Stadt Regen, die andere keinen Regen bekommen. Das will wohl heißen, daß in einem Lande Segen, in dem anderen Mißwachs herrschen werde. Wenn das nur auf Freund und Feind verteilt sein könnte! Und fast scheint es, daß wir in unseren Tagen so was erlebt haben. Im zweiten Jahre werden die Pfeile des Hungers ausgesendet — ein treffender und zugleich kriegerischer Ausdruck, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Vergleiche übrigens Ezechiel 5. 16: „So ich unter sie die schrecklichen Pfeile des Hungers sende, die zum Verderben führen, indem ich sie senden werde, um euch zu verderben: da werde ich den Hunger häufen über euch und euch den Stab des Brotes zerbrechen. Augenscheinlich denkt sich der Prophet den Hunger im Rahmen eines Krieges, denn im nächsten Verse spricht er von Pest und Mord und dem zum Blutvergießen ausgesandten Schwerte. Was aber im zweiten Jahre erst der Pfeil — der nagende Schmerz — des Hungers heißt, heißt im vierten Jahre „Hunger" schlechthin, bzw. „großer Hunger", und in ihm sterben Männer, Frauen und Kinder, speziell auch die Frommen und „die Männer der Tat", und vor quälender Not vergehen die Studierten