Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1916)
- Date
- 1916-03-31
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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fumitm vorübergehend Stellung erhalten. Ter Aufgabe, den Bestrebungen der Kriegssürsorge das nötige Interesse zuzumenden, wurde durch erfolgreiche Bemühungen entsprochen, 148 Kriegerfr a u e u u n d 2 2 K r i e g e r w i t we n Stellung zu verschaffen. Tie Schreibstube ist leider seitens der Freunde und Gönner der Einrichtung nicht in dem Maße in Anspruch genommen worden, unc dies angesichts der Notlage vieler Arbeitsuchender, für welche eine andere Art der Beschäftigung nicht geeignet schien, wünschenswert gewesen wäre. Die finanzielle Lage des Vereins hat zufolge des Berichtes des Schatzmeisters, Herrn E m i l E o h n , naturgemäß unter der Ungunst der Zeit leiden müssen. Er ist mehr denn je auf die Hilfe und den Beistand aller Förderer sozialer Bestrebungen angewiesen. Nur vermittels reichlicher Zuwendungen von Jahresbeiträgen und Spenden wird der Arbeitsnachweis in der Lage sein, seine umfangreichen Aufgaben erfüllen p können. Dem Verein für Arbeitsnachweis wird in nicht zu ferner Zukunft Vorbehalten sein, in erhöhtem Maße als ein sozialer Faktor von hoher Bedeutung im Wirtschaftsleben zu gelten: er wird in erster Reihe berufen sein, gerüstet dazustehen, wenn bei, hoffentlich in baldigster Zeit, eintretendem ehrenvollen Frieden die in die Heimat zurückkehrenden Kriegsteilnehmer nach Arbeit und Erwerb rufen werden. ^2 Berlin, 28. März. Am 13. d. M. fiel vor Verdun der 20jährige Kanonier Walter I a c o b i , Sohn des Herrn Ludwig Jacobi zu Berlin. Zu den hohen Feiertagen 1915 hatte ihn sein Hauptmann aus seiner Ausbildungsgarnison Küstrin beurlaubt, damit er seinem Herzenswünsche gemäß beim Jugendgottesdienst der Berliner Resormgemeinde vorbeten könne. Er war ein Enkel des Elbinaer Stadtverordnetenvorstehers Tr. Isidor Jacobi, der nach langen Kämpfen als erster Jude in Preußen Mitglied einer städtischen Schnldeputation wurde. -- Königsberg, 24. März. Ter F r a u c it v c r e i n z u r llnfe r st ü tz n n g i s r a e l i t i s ch e r W i t w e n u u d Mai f e n hielt vor kurzem feine diesjährige Generalversalnmlung im kleinen Sitzungssaale der Synagoge ab. Tie Vorsitzende des Vereins, Frau B o g u s ch, führte in einer kurzen Ansprache aus, daß der Krieg natürlich besonders starke Anforderung on arc die Kasse gestellt habe, zu denen die Einnahmen in keinem rechten Einklang standen, da manche Mitglieder verzogen seien und es unmöglich wäre, jetzt neue zu werben. Alan habe trotzdem der Kriegshilfe und dem Vaterländischen Frauenverein Spenden zugeführt, und da die Zinsen nicht ausreichten, um allen Wünschen gerecht zu werden, sich entschlossen, das Kapital in den Dienst der guten Sache zu stellen und, wenn nötig, noch weitere Opfer zu bringen. Sie unterbreite ferner der Versammlung den Vorschlag, den $ 2 der Satzungen zu ändern, der folgenden Wortlaut hat: ,,Wer dem Verein unentgeltlich mindestens 300 Mark zuwendet, wird für alle Zeiten hn Mitgliederverzeichnis geführt." Ter Vorschlag, die Summe auf 150 Mark herabzusetzen, wurde ohne Widerspruch angenommen. Hierauf gab Frau Frieda Neumann einen Ueberblick über die Einnahmen und Ausgaben des Vereins während der letzten zwei Jahre. Sodann schritt man zur Neuwahl des Vorstandes, der sich aus denselben Mitgliedern zusammensetzt wie bisher: Frau Hanna B o g u s ch , Frau Zerline M a g uns, Frau Margarete E o h n , Frau Betty S t r i e in e r , Frau Frieda N e u - in a n ii und Frau Man c a H e r r m a n n. Zu Revisoren wurden wiedergewählt die Herren Winter und L a ch m a n s k i. W. Posen, 24. Mürz. Im herein liberaler I u d e n hielt vor kurzem Rabbiner Tr. Wiener (Stettin) einen Vortrag über „Religion und Krieg". Er führte etwa folgendes aus: Zwischen den religiösen Idealen und den im Kriege sich auswirkenden Machtkämpfen der Völker scheint eine unüberbrückbare Kluft sich zu dehnen. Und ni der Tat, der Zustand der Menschheit, der die religiöse Sehnsucht krönt, ist aus das schärfste geschieden von dem Siege der Feindschaft und des Hasses, wie er sich in der Wirklichkeit des Krieges offenbart, am Erlebnis jener beiden freilich finden wir tiefgegründete Eigenheiten aufs intimste verwandt. Daß das ungeheure Schicksal, mit dem dieser Krieg zumal uns alle bedroht, so manchen die Stätten der Gottcsverehruug aufsnchen ließ, die ihm längst cutfremdet, daß die drohende Todesgefahr nach Trost im Ewigen Zahlreiche verlangen ließ, ist nur eine äußere, eine äußerliche Erscheinung. Wichtiger schon ist die innere Erhebung und Reinigung, die seelische Erschütterung und Läuterung, die Kraft zur Begeisterung, zu gewaltigem Erlebnis, die viele Menschen plötzlich in sich fühlten, ohne vorher von solch verborgenen Quellen in ihrer Seele etwas zu ahnen. Man fühlt sich dem Tode näher, aber eben darum näher auch dem wahren Leben, das alle Hüllen von Eitelkeü und Schein, alles Seichte, .Flache von sich abgestoßen. Und dieser Zug zur Tiefe und Echtheit entfaltet sich zum heiligen Krieg, wem dieser als gerechte Sache erlebt wird. In der Hingabe aber, die dar Individuum rücksichtslos einer größeren Sache aufopfert, es sterbei läßt, damit die Idee leben und sich auswirken kann, kommt der tiefste Gedanke der Religion zur Offenbarung, der Gedanke Gottes der immer zugleich auch ein Auslöschen des einzelnen, sein Aufgehei im allumfassenden Grund des Seins als eines feiner Ziele sich setzt So haben Vaterlandsliebe und Gottesliebe in der Tiefe ihren Be rührungspunkt. Freilich sehen wir gerade hier am klarsten auch ihr Trennungslinie. Die Einzigkeit des einen Gottes kann immer nui die Einheit auch des Menschengeschlechtes bedeuten, in deren gemein samen Zielen zugekehrter Arbeit er sich offenbart. Das ist ja abei die tiefe Tragik, des Krieges, daß diese Einheit des Menschen geschlechtes, dieser allumspannende Gemeinsinn scheinbar gesprengt ist Solche Tragik heißt nur dann nicht das Ende Gottes und der Tot der einen Menschheit, wenn wir glauben dürfen, daß der Kampf der Idee auch gegen den größten Teil der Glieder der Menschheit aus gekämpft werden kann, daß in dem Siege einer Gruppe der Siec Gottes erstritten, wird. Dann dürfen wir hoffen, daß auf dem Um wege über den Krieg der Nationen, über die Nationalität doch da': Ziel der Humanität schließlich erreicht werden kann, und es würdi der Krieg durchaus nicht der Geltung und Verwirklichung der Gottes idee in der Menschenwelt widersprechen. In diesen: Lichte sehen wn ihn in den Büchern der Heiligen Schrift. Klar erkennt das du Geschichtsauffassung der israelitischen Propheten, die nur aus kriege rischen Zeitläuften heraus und in Abhebung von kriegerischen Hintergründe zu verstehen ist. Bei allem menschlich herzlichen Mitleidei mit dem Jammer, der im Gefolge von Völkerkämpfen unvermeidlich ist, begegnet uns hier die- Ueberzeugung, daß der Krieg dem Ziel! dient, durch die Ahndung von Unrecht und Bosheit in der Geschichts cutwickelung dem gottgewollten Recht schließlich zu in Siege zu verhelfen. In den Machtkämpfen der Völker wird der göttliche Welt plan verwirklicht. Dieser erste „Weltkrieg" ist zunächst nur Ausdruc! der Tatsache, daß es seit zwei Menschenaltern nur noch eine all! Völker umspannende Weltgeschichte auf unserem zu einem einheit lichen Schauplatz gewordenen Planeten gibt. Unser Geschlecht ha den Anfang eines neuen Zeitalters der Erdgeschichte erlebt, in den' erst die „eine" Menschheit geboren wurde. Daß diese Einheit zuerß in Völkerfeindschast sich entladet, hindert eine kommende Weltorganisation grundsätzlich viel weniger, als ihr der Großbetrieb der Weltgeschichte, die Zerlegung des Planetaren Geschichtsschauplatzes ii einige wenige Politische Großmachtssphären, Vorschub leistet. Das ist aber die Tendenz der von uns erlebten Weltgeschichte, die sicher licl auf eine Vereinfachung der politischen Mannigfaltigkeit gerichtet ist Darum gibt gerade der Weltkrieg kein Recht zum Pessimismus. - Reicher Beifall lohnte die geistvollen Ausführungen des Redners. 1. H. Görlitz, 24. März. Eine Veranstaltung besonderer Ar fand am Purim in der hiesigen Synagoge in Gestalt eines Psalmen abends statt, zir dem der Wohltätigkeits- und Frauenverein einge laden hatte. Der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Berger., hielt ein Ansprache, worin er auf den wohltätigen Zweck des Abends hin wies und aussührte, wie das Purimstst, das den Sieg der Mähr heit in der Geschichte feiert, .auch uns mit dem Vertrauen an dev Sieg der Wahrheit und des Rechtes erfüllt.' Dieser Glaube an de: Triumph des Guten hallte nun machtvoll aus den Psalmen wider die in feinsinniger Auslese der Rezitator Paul Struve vom Cho des verdunkelten Gotteshauses sprach. Der Vortrag jedes Psalm wurde umrahmt von Orgel spiel und Quartettgesang, welche di biblische Dichtung in der Komposition klassischer Meister, darunte auch hebräischer Vertonungen, musikalisch erläutern. Als Solistei wirkten Konzertsänger Fritz Fiedler und Kantor Gerl ine Der seelische Eindruck der -ebenso geholtwie stimmungsvollen Dar bietung war außerordentlich stark und zeigte, wie unsere alte: Psalmen wieder den modernen Zuhörern nahegebracht werdei können. Vor den in der Kriegszeit in unseren Synagogen Eich ge wordenen geistlichen Konzerten besitzt der. Psalmenabend den Vorzu« der reicheren Abwechselung bei größerer innerer Geschlossenheit, um darum könnte das Beispiel zur Kräftigung d.es Gläubensgefühl in unseren Gemeinden Nachfolge finden.