Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1916)
- Date
- 1916-03-31
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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30. Jahrgang Nr. 13 Der Gemeindebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung des Judentums". korrrlpondrn?kn und Aachrichtm. Deutschland. A. R. Berlin, 28. März. Irr der Februarsttznng der Wissencha f tl i chen V er einigu n g jüdischer Lehrer und j e h reri n n e n z u B e r l i n. hielt Rabbiner Dr. L e w k o w i tz?inen Vortrag über das Thema: „W a s m ü ssen u n s e r e I ri n - ge n zur Bar m i z w oh w i s>> e nV', ein Theina, dessen Behandlung ^nrch die Unsicherheit, die ans diesem Gebiete besonders herrscht, sehr dankbar empfunden wurde. Der Redner entwickelte, von der Bedeutung der BarmiZwohseier ausgehend, die Aufgabe des Konfir- -rrandenunterrichts. „Die religiöse Einsegnungsfeier ist durch zwei Momente charakterisiert: durch Bekenntnis und Verpflichtung. Soll aas Bekenntnis zum Judentum nicht nur äußerlich sein, so muß der Barmizwoh die Grundgedanken der jüdischen Weltanschauung kennen. Es müssen ihm daher die wesentlichen Begriffe der jüdischen Glaubenslehre in einer dem kindlichen Fassungsvermögen langepaßten Form verständlich gemacht werden. Er muß ferner die Eigenart der jüdischen Denkweise zu empfinden lernen; demnach sind die Unterschiede zwischen jüdischer und christlicher Religionsanschauung zu beleuchten. Mit dem Segen über die Thora übernimmt der Barunzwoh die Verpflichtung, die sittlichen Ideale des Judentums zu verwirklichen und am religiösen Leben der Gemeinde teilzunehmen. Daraus ergibt sich, daß im Konsirmandennnterricht die jüdische Pflichtenlehre zu behandeln ist.' Auch hier handelt es sich nur um .'tue elementare Darstellung, die aber alles Wesentliche bieten muß. Der besondere Charakter der jüdischen Sitteulehre muß stark betont werden. Die Teilnahme am religiösen Leben der Gemeinde hat zur Voraussetzung die Kenntnis der religiösen Formen und Bräuche und der hebräischen Sprache. Eine Abgrenzung des hebräischen Lehrstoffes ist nicht möglich; es handelt sich darum, unter Berücksichtigung der praktischen Schwierigkeiten das erreichbar größte Maß von Kenntnissen zu vermitteln." In der sehr lebhaften Aussprache herrschte völlige Uebereinstimmung darüber, daß die jetzige Art der Vorbereitung zur Barmizwoh ungenügend sei. Ter Stofs, den Herr Dr. Lewkowitz angegeben hat, wird zu umfassendgefunden; es wäre kaum möglich, so jungen Kindern die religiösen Begriffe zum Verständnis zu bringen; nach solcher Vorbereitung müsse die Barmizwoh den Abschluß des gesamten Religionsunterrichts bilden und in ein reiferes Alter, bis zum 17. Jahre, hinaufgeschoben werden. Mehrfach wird darauf hingewiesen, daß die Rabbiner traft ihrer Autorität ungenügend vorbereitete Knaben zurückweisen sollten. Herr Dr. Lewkowitz kann nur sagen, daß die Machtbefugnisse der Rabbiner dazu erst erweitert werden müßten; bis jetzt fehle jeglicher Rechtsgrund, die Kinder zurückzuweisen. Im übrigen verlange er nur, daß das Allerelementarste der Religionslehre behandelt würde. Ferner wird gewünscht, daß die Rabbiner selbst ein Jahr lang wöchentlich zwei Stunden zur Barmizwoh vorbereiten sollen. Herr Hanfs schlägt vor, eine Petition an den Gemeindevorstand zu. richten, in der dieser ersucht wird, Leitgedanken für die Vorbereitung zur Barmizwoh, wenigstens in den Orgelsynagogen, niederlegen zu wollen. Zur Weiterberatung dieser Frage wird ein engerer Ausschuß gewählt. — Sodann wurden die Thesen zu dem Vortrage des Herrn F lauter über die Behandlung von Gegenwartsfragen im Neigionsunterrichte beraten und in folgender Form angenommen: i. Die aus der Spannung Zwischen Religion und Wissenschaft, aus dein Zusammenstoß des Judentums mit seiner Umgebung auf religiösem, politischem, sozialem und wirtschaftlichem Gebiete und aus den Strömungen innerhalb der Judenheit sich ergebenden Fragen sind im Religionsunterricht der höheren Schulen auf der Oberstufe im Anschluß an den vorgeschriebenen Lehrstoff zu behandeln. 2. Die Behandlung dieser Fragen soll dazu beitragen, die Schüler zu überfeugungstreuen, gesinnungsfesten, opferbereiten Bekennern ihrer Religion zu erziehen und zur verständnisvollen Teilnahme am jüdischen Gemeinschaftsleben zu befähigen. 3. Bei der Behandlung der Gegenwartsfragen darf von Tageserscheinungen, wie politischen Ercigmssen, Büchern, Abhandlungen, Vorträgen, künstlerischen Erzeugnissen, Tagesgesprächen u\w., ausgegangen werden. Die Erörterung dieser Fragen, die sich am besten in freier Aussprache vollzieht, soll der Lehrer ohne Parteileidenschaft und Voreingenommenheit leiten. V. Z. Berlin, 28. März. „Der deutsche Idealismus und das Staatsproblem" lautet das Thema, das Pros. Dr. Ernst Cassirer von der Berliner Universität am 13. d. M. vor einem großen Zuhörerkreise in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums behandelte. Ausgehend von dem englischen und französischen Staatsbegriff, der, insbesondere bei Richelieu, den: Staat als zeitlichem Gebilde nur in der Gegenwart Realität zugesteht, zeigte der Vortragende, wie deutsche Dichter lind Denker ihn als ideale Gemeinschaft -- etwa wie die Religion — aufgefaßt haben-. Je mehr gegenüber der Einheit, die in den beiden genannten Staatsweserr tatsächlich herrschte, sich bei uns seit deut Zeitalter der Reformation Zerrissenheit geltend machte, so daß sogar der Große Kurfürst zeitweise daran dachte, Ludwig XIV. oder einem anderen französischeu Fürsten die deutsche Kaiserkrone an zu bieten, desto mehr flüchtete man sich in die idealistische Konstruktion des Staatswesens. Wenngleich letztere bei Leibniz und Wolfs naturrechtlich aus dem Kontraktsgedanken auf-gebaut wird-, so ist dies doch in v-iel allgemeinerem Sinne als später bei Rousseau der Fall. Der Staat hat die Gleichheit in der geistigen Entwickelung aller seiner Individuen zu garantieren. Dieser neuen Fassung des Jdealitätsbegriffs, die sich im Staatsbe griff bekundete, entspricht die neue Form des Staates, wie ihn F r i e d r i ch d e r G r o ß e schuf. Trotz des Rüstzeuges der Philosophen des Sensualismus und der Aufklärungsphilosophie, die auf ihn eingewirkt hatte, ist er doch ganz indie deutsche Ideenwelt hineingewachsen. Zum Beweise für diese im ersten Augenblick etwas befremdend wirkende Behauptung verliest Redner Stellen aus Friedrichs Schrift „Lettin sur Tamoxir de la p-atrie“ und aus seinem ersten politischen Testament. Das Allgemeine der Pflicht beherrschte bei ihm den Staatsged-anken. Hier fällt sofort der Berührungspunkt mit Kant aus, nur ist die Revolution in der Idee bei dem Herrscher in. die Tat umgesetzt, „der Wille zum Allgemeinen und für das Allgemeine", der nach dem Königsberger Philosophen seine Verwirklichung nur, in dem sein innerstes Wesen richtig erfassenden, im Zwang die Freiheit und Moralität begründenden Staat findeu kann. Diese „heroische Staatsausfassung" wird zuerst von Herder bekämpft, dem sein Menschheitsbegriff das Höchste ist. Die Synthese beider Begriffe finden wir bei Wilhelm v. Humboldt („Denkschrift über den preußischen Staat 1813"), ihre Fortsetzung bei dem Sozialphilosophen Fichte und dem Begrisfsphilosophen Hegel, in der glücklichsten Vereinigung jedoch bei H e r m a n n Cohen in seinem für den deutschen Idealismus so charakteristischen, befruchtenden und anregenden Werk: „Ethik des reinen Wollens." Nachdem der Redner noch Schillers Gedicht „Die deutsche Größe" (verfaßt nach dem demütigenden Frieden von Luneville) gestreift hatte, schloß er an-- lehnend an den Dichter des deutschen Idealismus mit der tröstlichen Zuversicht auf die Unvergänglichkett des deutschen Idealismus, dessen Größe in der beherrschenden Geisteswelt wurzelt. Der Staat als geistige Größe aber und zugleich als Träger der Knlturwelt sucht diese von der Wissenschaft erarbeiteten Errungenschaften irrt Staatsideal zu verkörpern. ### Berlin, 28. März. Der Verein f ü r A r b e i t s n a ch - \v e i s, begründet von den Berliner Logen It. O. V. B. hielt am 26. v. M. in seinen Geschäftsräumen, Monbijouplatz 10, die 21. Jahresversammlung ab. Ans dem vom Vorsitzenden, Herrn Dr. Max G i n s b erg, erstatteten Jahresbericht ging hervor, daß unter Anpassung an die durch die in der Kriegszeit eiugetretene völlige Veränderung auf dem Arbeitsmarkte der Verein eine überaus regsame Tätigkeit entfaltet hat. Während des Berichtsjahres konnten 1835 Bewerber männlichen und weiblichen Geschlechts der allerverschiedensten Berufskreise in dauernde Stellungen gebracht werden. Seit Kriegsbeginn ist die Zahl der untergebrachten Männer im Abuehmert, diejenige der Frauen und Mädchen im Steigen begriffen. Auch konnte eine größere Anzahl älterer Personen in Stellung gebracht werden. 117 Angestellte erhielten die Möglichkeit, bei Heilighaltung des Sabbats beschäftigt zu werden, und 327 Arbeitsuchende