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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-31 · Heft 13 (31.3.1916) · p. Seite 154

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 13 (31.3.1916)
Date
1916-03-31
Page
Seite 154 (sequence 10)
Language
German
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154 wärtiges ohne sein Borwissen, und ohne daß ich mit ihm über I diese Stelle gesprochen, schreibe. Uebrigens habe ich nichts dagegen, wenn Sie diese Aeußerungen über St. wörtlich als die meinigen den Herren in H. mitteilen." Ans denselben Briefen von Zunz an Ehrenberg geht hervor, daß Steinschneider im März 1849 Berichterstatter über Kammerverhandlungen an Berliner Zeitungen war. Ich gebe diese Notiz an dieser Stelle, wohl wissend, daß sie streng genommen nicht hierher gehört, weil durch sie ein, wie ich glaube, unbekanntes Ereignis ans Steinschneiders Leben weiteren Kreisen mitgeteilt wird. Außerdem sei noch eine dritte Stelle von Zunz hervorgehoben, aus einem Briefe an Dr. Jsler in Hamburg, 28. Juli 1847. Sie Lautet: „Bei dieser Gelegenheit empfehle ich Ihrer Güte Herrn M. Steinschneider für den Fall, daß er im September Hamburg und die Bibliothek besucht. Jede Gefälligkeit, die Sie ihm erweisen, schreiben Sie auf mein Konto; das ist einer der wenigen, der es ernst m e i n t." Steinschneiders 100. Geburtstag wird der Zeitumstände wegen durch kein lautes Fest gefeiert. Ob die Mädchenschule, deren Leiter und Lehrer innerlich mit Stolz ihres ehemaligen Kollegen gedenken dürfen, den Erinnerungstag irgendwie begeht, vermag ich nicht 311 sagen; eine gelehrte Körperschaft, obgleich er gar mancher als hochangesehenes Mitglied angehörte, wird sich schwerlich seiner erinnern. Eine Sammlung seiner kleinen Arbeiten, deren manche einen Wiederabdruck verdienen, oder eine groß angelegte Denkschrift zu seinen Ehren ist, soweit ich weiß, nicht geplant. Und doch habe ich es für meine Pflicht gehalten, den Tag nicht ohne eine stille Feier vorübergehen 31t lassen, und bin sicher, daß viele Verehrer des trefflichen Mannes mein Vorgehen billigen werden. Gewiß hatte Steinschneider Feinde — denn er führte eine scharfe Feder und konnte schonungslos in seinen Angriffen sein — aber er besaß mehr Freunde und Bewunderer als Feinde. Und er verdiente diese Freunde nicht bloß wegen seiner stupenden Gelehrsamkeit, derengleichen selten da war und schwerlich so bald wiederkehren wird, wegen der Großzügigkeit seiner Anschauungen, wenn diese auch dem flüchtigen Betrachter unter dem mitunter kleinlichen Beiwerk unterzugehen schienen, wegen seiner edlen Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft, wegen der Unantastbarkeit seines Charakters, der sich in unerschrockenem Mute, in Verzichtleistung auf äußere Ehren, in Wahrung edlen Freisinns bewährte, und wegen seiner Treue zu der Religion, der er angehörte.! Mag auch dasjenige nicht allzu zahlreich sein, was der großen Menge von seinen Arbeiten geblieben ist, mag er auch nicht zu den wenigen Ersten gerechnet werden, die bahnbrechend ans einem großen Gebiete gewirkt haben - er bleibt uns, die wir das Glück hatten, ihn zu kennen, einer der edelsten Vertreter echter Wissenschaftlichkeit, ein Vorbild wunderbarer Anspruchslosigkeit, nimmer rastenden Fleißes, unerschütterlichen Pflichtbewußtseins, unentwegter Treue. I.. 0. Nuge um fluge. Russischer SoZialroman von M. P u l v e r m a n n. (Fortsetzung.) ^^^arum sagen Sie dieses wieder in einem solchen» Tone? Kennen Sie denn Ditomsk?" fragte sie voller Neugier. „Ja - Ich bin als Kind dort gewesen." „Wirklich? Das ist aber interessant! Dann wissen Sie vielleicht auch, daß mein Vater dort Gouverneur ist? Aber er' ist immer nur noch General und noch nicht weiter befördert! Ist das nicht schrecklich?" Gabriel zwang sich, eine teilnehmende Miene aufzus-etzen. „Mir gefällt es dort ganz und gar nicht," fuhr sie zornig fort. „Der Gedanke, in dem alten, morschen und düsteren Regierungsgebäude zu wohnen, ist einfach schrecklich und macht mich jetzt schon krank. Und erst der breite, häßliche Dnjepr! Im Winter geht es j-a noch an, da kann man wenigstens Schlittschuh laufen. Aber im Sommer, wenn die alten Judenweiber ihre Wäsche waschen und die Judenbälger dort hermnplantschcn --- — — das ist ja entsetzlich! — — — Aber, nein! Daß Sie Ditomsk kennen! Das ist eigentlich ganz komisch. Alle, die ich bisher gefragt, wußten nichts davon. Es ist ja auch nur ein kleines, elendes Nest unb hat sich sicherlich nur in die Landkarte hineingestohlen, als keiner dabei war. So hat es mir wenigstens Vetter Karol gesagt." „Sicherlich wollte er Sie damit nur necken." Meinen Sie? Na, Herr Schmulikof, lassen Sie es sich gesagt sein, ich möchte keinem raten, sich über mich lustig zu machen!" Während sie dieses sagte, leuchtete es gar gefährlich in ihren Augen. Und dieses Blitzlicht in ihren Augen war eigentlich das einzige, was Gabriel interessierte. Dieses Blitzlicht erleuchtete ja Ereignisse seines eigenen Lebens, die sonst auch ferner nnbeachtet geschlummert hätten. Besonders jene eine Begebenheit, wo ein kleines, flachshaariges Mädchen, das auf dem kleinen, feurigen Pony wie ein Wirbelwind herumzujagen pflegte und die ganze Umgegend von Ditomsk dadurch unsicher machte. Ihn, Gabriel selbst, hätte sie eines Tages fast totgeritten und noch obendrein mit der Reitgerte ins Gesicht geschlagen, weil der „zerlumpte Judenbengel" ihr nicht schnell genug ausgewichen war. - - Seit damals hatte er sich wohl gehütet, der kleinen Hexe noch einmal zu begegnen. Dennoch hatte es ein eigenartiger Zufall verstanden, ihre Wege sich wieder kreuzen zu lassen,-nur daß sie heute nicht mehr die Reitgerte schwang. Bei diesem Gedanken wollte er sogar laut aufachen, und eine Minute später tat er es wirklich, als sie unbefangen fortführ: „In jedem Falle werden Sie meinen Kummer begreifen, nach Ditomsk zurückkehren zu müssen. Ich glaube auch, daß sich alle Juden aus Palästina bei uns niedergelassen haben, denn wo man nur hinsieht, da stehen sie einem im Wege. Einmal hätte ich sogar einen solchen Judenbengel beinahe uwgeritten Aber er hat auch dafür seine gehörigen Prügel bekommen! Warum aber mußte er auch gerade da stehen, wohin ich reiten wollte! Sie haben doch ihre Synagoge, wo sie bleiben können! — - Als ich das letztemal dort war, waren sie sogar noch viel häßlicher geworden. Solche langen Röcke und solche struppigen Bärte! Bemitleiden Sie mich denn gar nicht, Herr Schmulikof, in einer solchen Umgebung wohnen zu müssen?" „Ich soll Sie bemitleiden, weil Ihr ästhetischer Sinn so fein entwickelt ist?" Sie sah ihn verblüfft an und schüttelte zweifelnd ihr Haupt. Sie wußte anscheinend nicht, was sie aus dieser Bemerkung machen sollte. „Ich weiß zwar nicht, was Sie damit meinen," gestand sie ehrlich; „aber ich sage Ihnen, die Inden sind einfach gräßlich. Keiner kann sie leiden; am wenigsten aber mein Papa. Wenn ich der Kaiser wäre, wüßte ich schon, was ich mit ihnen machen möchte." Gabriel blickte sie gespannt an und sprach dann mit erzwungenem Lächeln: „Gewiß würden Sie alle Juden nach dem Kreml in Moskau führen und sie dort mit Kuchen und Marzipan füttern."

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