Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1916)
- Date
- 1916-03-31
- Page
- Seite 155 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Herr Schmulikof!" rief sie MW enirüstet. „Wie können Ae so etwas überhaupt erst aussprechen? Das ist doch die reinste Gotteslästerung! Die Juden im Kreml!" Sie konnte ich gar nicht beruhigen und Gabriel begann zu fürchten, die Aufmerksamkeit der anderen erregt und eine unliebsame Ausinandersetzung herbeigeführt zu haben. Doch daß Mädchen fuhr jetzt etwas ruhiger fort: „Wissen sie. Sie verdienen gar nicht, ein rechtgläubiger Christ genannt \u werden." Er wurde wieder kühner, und belustigt über ihren heiligen Zorn, fragte er: „Was wollten Sie sonst mit den Juden nachen?" Gabriel hielt die Belustigung für die einzig richtige Empindung in diesem Falle. Was sollte er sonst tun? Aust erausen? Rasend werden? Etwa diese Fliege mit einein Mühlstein zermalmen wollen? Hier war es nicht nötig, als Kämpfer für seine Nation auszutreten. Die Ehre seines Volkes müßte ein gar armseliges Ding sein, wenn sie durch solche Mückenstiche gefährdet werden könnte. Er wollte auch seine Uraste nicht zersplittern; vielleicht, daß er sie in der Zukunft Vesser verwerten könnte. Jetzt aber schwebte ihm die Frage auf den Lippen: ob sie jemals „Donna Clara" von einem gewissen Heinrich Heine gelesen, und ob sie sich noch der ergötzlichen Rolle erinnere, die der unbekannte Ritter von Saragossa gespielt, um den gordischen Knotenzu lösen. Aber er kam nicht dazu, denn in demselben Augenblick rief die Gräfin ihnen zu: „Alma, mache dich fertig; wir werden gleich aufbrechen." Mit einem Lächeln aus den Lippen, aber einem leisen 280 dauern in den Augen sprach Alma: „Schade, daß wir unsere nteressante Unterhaltung gerade jetzt abbrechen müssen. Duvet fällt mir ein, daß Sie mir kein einziges Wort von sich selbst erzählt haben." „Ich spreche nicht gern von mir selbst," sagte er abweisend. „Haben Sie denn so viel zu verbergen?" Es sollte lustig klingen, aber in ihren Blicken mar wieder das Aufleuchten Silin Vorschein gekommen. Gabriel hatte es bemerkt, und es drängte sich ihm die Gewißheit aus, daß das Mädchen, bei richtiger Behandlung, wohl doch aus dem Narren sich herauswachsen könnte. „Es ist wohl kaum anzunehmen, daß Sie in der nächsten Zeit wieder nach Ditomsk kommen werden, Herr Schmulikof?" Ae gab sich jetzt gar keine Mühe, ihr Bedauern zu verbergen. „Man kann sich nie vor einem Unglück schützen." Sie schien mit einem Entschluß zu kämpfen; ehe sie aber damit fertig geworden, wurde sie abermals durch den Anruf ihrer Mutter gestört. „Adieu, Herr Schmulikof," sprach sie, ihm unbefangen die vand reichend. Gabriel nahm sie zögernd, während er ganz leise „Adieu" flüsterte. Zur rechten Zeit aber besann er sich aus das Unschickliche und für sie unbegreifliche Benehmen und fügte lebhaft hinzu: „Gnädiges Fräulein, vergessen Sie nicht . . Sie sah ihn voller Erwartung an. „Was soll ich nicht vergessen?" „Sich nach Ihrem Better Karol zu erkundigen." Sie rümvfte die Nase, und eine unverkennbare Enttäuschung malte sich in ihren Zügen. „Karol? Ach, ja, der arme Kerl!" Schon an der Tür, winkte sie ihm noch einmal zu, und - war es die eigentümliche Beleuchtung oder war es seine Aufregung -- genug, er glaubte wieder das Blitzlicht zu bemerken. Der Präsekt chatte die Damen zum Wagen geleitet und war nach seinem Arbeitszimmer gegangen. Die Baronin blieb mit Gabriel allein zurück. „Endlich haben wir zehn Minuten für uns allein", sprach sie freundlich Gabriel aus einen Stuhl neben sich nötigend. Sie fragte ihn nach seinen Studien, nach seiner Lebensweise, nach seinen Bekanntschaften, ohne aber seine Vergangenheit mit einem Worte zu berühren; indessen geschah es so schonend und zartfühlend, um nicht gerade dadurch den Gedanken bei ihm aufkommen zu lassen, als enthalte seine Vergangenheit etwas, das nicht berührt werden durfte. Alle ihre Fragen waren so unauffällig, daß sie keine Spur von Neugierde verrieten, sondern es war wie ein Gedankenaustausch zwischen zwei Gleichgestellten. Und Gabriels Herz weitete sich, und seine Seele war so froh, so leicht, daß er nicht ruhig auf seinem Platze bleiben konnte. Die gegenwärtige Stunde machte ihn wonnetrunken, daß er mehr und mehr aus sich selbst herausging, und unbewußt gestaltete sich seine Unterhaltung interessant und geistsprühend, wie noch nie zuvor. Die Baronin hörte ihm lächelnd und begeistert zu und veranlaßte ihn, immer weiter zu sprechen. Bei all seinem Rausche aber wollte er den Anstand nicht verletzen und war schon einige Male ausgestanden, um sich zu verabschieden; allein die Baronin nötigte ihn immer wieder zum Bleiben, obwohl aus den zehn Minuten bereits eine Stunde geworden war. Lhne es eigentlich beabsichtigt zu haben, hatte Gabriel einen sehr guten Eindruck gemacht, »nd er wußte es auch; wie gut dieser aber war, das erfuhr er erst beim Abschiede. „Herr Schmulikof, soll ich Ihnen sagen, warum Sie mein Wohlwollen erlangt und warum ich Sie zu mir gebeten habe?" Er schwieg bescheiden und sah sie erwartungsvoll an. „Weil — — weilich einen - Sohn hatte, den ich verloren," sprach sie wehmütig, „der Ihnen nicht unähnlich war und dessen Bild mir durch Ihren Anblick wieder in Erinnerung kam." Gabriel fühlte sich von diesen schlichten Worten tief erschüttert und küßte gerührt die dargebotene Hand. „Aber Sie kennen mich doch noch so wenig", stotterte er verlegen. „Ein Fehler, den ich in nächster Zeit gutzuniachen gedenke," war ihre herzliche Erwiderung. Nach einem solchen Abschied war Gabriel gar nicht erstaunt, als er drei Tage später einen eigenhändigen Brief vom Baron erhielt, der ihn bat, sich in einer geschäftlichen Angelegenheit zu ihm zu bemühen. „Mein lieber Schmulikof", wurde Gabriel vom Präsekten empfangen, „Sie scheinen meiner Frau einen Liebestrank eingeflößt zu haben. Glücklicher- oder unglücklicherweise ist sie alt genug, um Ihre Großmutter sein zu können, so daß die Schlange der Eifersucht nicht einmal die Spitze ihres Schwanzes wird erheben dürfen. Doch, Scherz beiseite. Die Sache ist nämlich die: Mein Privatsekretär ist nach Petersburg berufen worden, und da hat meine Frau mich gebeten, diesen Posten Ihnen zu übertragen." Gabriel sprang taumelnd aus. „Exzellenz treiben wohl Ihren Spaß mit mir!" „Ich scherze nie in geschäftlichen Angelegenheiten. Ich frage Sie im Ernst, wollen Sie diesen Posten annehmen?" Dem Jüngling stieg das Herz bis in die Kehle hinauf. Er öffnete die Angen weit, doch sprechen konnte er nicht. Der Baron sah seine Aufregung; er faßte Gabriels Hand und sprach mit ungewöhnlicher Milde: „Na, beruhigen Sie sich nur; ich sehe ja. Sie wollen die Stelle annehmen, und ich weiß auch, was Sie mir sagen wollen. Ja, ja; ich bin überzeugt, daß Sie ein guter, pflichttreuer Beamter sein werden. Doch, warten Sie noch einen Augenblick; es ist da vorher eine Bedingung Ihrerseits zu erfüllen." (Fortsetzung folgt.)