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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-31 · Heft 13 (31.3.1916) · p. Seite 153

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 13 (31.3.1916)
Date
1916-03-31
Page
Seite 153 (sequence 9)
Language
German
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zu gerade, um wider bessere Einsicht Zugeständnisse zu machen. Also teilte er mit anderen genialen Persönlichkeiten das Los, da und dort anzustoßen, und geriet in mancherlei Zwiespalt, den er gern gemieden hätte. Aber für das einmal als richtig Erkannte setzte er sich mit der ganzen Selbstlosigkeit großer Naturen ein. Daß er immer nur die Sache, nie seine Person im Auge hatte, daß ihn wie in der Wissenschaft so auch im Amte unbestechliche Wahrheit, höchste Objektivität leitete, das erfuhr der Freund, mußte selbst der Feind ihm zugestehen. Die Schule in der Heidereutergasse zählte damals nur sechs Stufen. Nur geringe Mittel standen ihr zu Gebote, war doch ihr Fortbestehen zeitweise sogar in Frage gestellt. Aber ihre Führung lag in fester Hand. In den bescheidenen Räumen wirkte eine Persönlichkeit. Der Geist des Leiters schuf dort eine Bildungsstätte voll hingebender, wohldurchdachter Arbeit. Nach außen drang wenig davon. Manche bedauerten, wohlmeinend, daß die Schule nicht auch wie andere durch Vorführungen aller Art die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sich lenkte. Es beirrte ihn nicht. Er blieb auf dem Wege, den er so vorgezeichnet: „WelchenNamen dieSchule oder wir selber tragen, ob unser Gebäude ausgesucht und bewundert wird, ob wir mehr oder wenigerKlassen zählen, das sei nicht der Maßstab für unser Wirken und unsere Befriedigung. Lassen Sie uns in der Stille wirken und auf die Mädchenschule anwenden, was vom Staate und von der Frau gesagt worden: Die beste ist diejenige, von der man nicht spricht." Im 74. Jahre legte Steinschneider, besonders wegen eines quälenden Ohrenleidens, sein Amt nieder. Die Gemeindebehörde bot chm in Bewunderung und Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen ein Ehrengehalt an. Er lehnte dankend ab: Seine Pension werde neben anderweitiger Tätigkeit und einigen Ersparnissen ausreichen, um den gewohnten mäßigen Anforderungen an das Leben zu genügen. In seiner Begründung der Ablehnung sagte er unter anderem: „Ich glaube, meinem bisher stets befolgten Grundsätze getreu, nur für direkte Leistungen ein Entgelt anzunehmen und meine wissenschaftliche Tätigkeit und Ueberzeugung von jeder äußeren Rücksicht freizuhalten, das mir zugedachte Ehrengehalt nicht annehmen zu sollen. Die beabsichtigte Anerkennung meiner wissenschaftlichen Tätigkeit wird um so höher stehen, je weniger sie materieller Natur ist. Vielleicht wird auch meine weitere Tätigkeit in nichtjüdischen Kreisen unparteiischer beurteilt, wenn man ihre Unabhängigkeit nicht bezweifeln darf." Als bei seiner Abschiedsfeier die Vertreter der Schulbehörden seine Persönlichkeit würdigten und in beredten Worten seine Verdienste um die Anstalt hervorhoben, trat einer unserer verdientesten Schulmänner an ihn heran und sagte nur: „Ueber allem aber der Charakter!" III. Nachwort. Den vorstehenden Ausführungen, der Darstellung der wissenschaftlichen Leistungen Steinschneiders aus berufenster Feder und der Schilderung seiner pädagogischen Tätigkeit seitens einer Lehrerin der jüdischen Mädchenschule, die lange unter Steinschneider tätig war, ihn bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten eifrig unterstützte und ihm persönlich nahe stand, sei ein kurzes Nachwort zugefügt, das aber durchaus nicht die Aufgabe haben soll, eine vollständige Biographie Steinschneiders zu geben, an der es freilich noch vollständig fehlt. (Die „Allgemeine Deutsche Biographie" enthält Steinschneiders Namen nicht.) Was ich aus persönlicher Erinnerung über Steinschneider zu sagen weiß, habe ich in einem Artikel des „Berliner Tageblatts" ausgeführt, der am 27. März abends erschienen ist. Ich kann hier nur bemerken, daß die Abende, die ich in Steinschneiders Hause zubrachte, zu meinen angenehmen Erinnerungen gehören. Er führte, solange seine treffliche, wirtschaftliche, dabei geistig angeregte und musikalisch begabte Frau lebte, mit der er jahrzehntelang aufs innigste verbunden war. trotz seiner beschränkten Mittel ein gastliches Haus, in dem die edelste Geselligkeit gepflegt, eine geistvolle Unterhaltung, geführt und gute Musik, an der er sich auch tätig beteiligte, gemacht wurde. Lebhafter indessen als diese geselligen Zusammenkünfte leben in meiner Erinnerung die vielen Stunden: angeregten Gespräches, die ich mit ihm in seiner bescheidenen: Wohnung in der Wallnertheaterstraße führte, wo er viele Jahre lang als Witwer allein, aber von seinen verheirateten und in selbständiger Stellung befindlichen Kindern viel ausgesucht und gehegt, hauste, in kleinen Räumen, die mit Büchern voll gepackt und mit Urväterhausrat ausgestattet waren. Es waren Gespräche, in denen nicht bloß der große Gelehrte, sondern der geistig bewegliche, über politische und religiöse Angelegenheiten entschieden und kräftig urteilende Mann sich besonders gefiel. Denn der Gelehrte, der nur für wenige schrieb und auch diesen wenigen durch die allzu knappe mit Anmerkungen überladene Ausdrucksweise viel Mühe machte,, war ein höchst munterer Plauderer. Zugleich war er ein Mann, der mit der größten Bereitwilligkeit ernste Forscher zu: unterstützen und in jeder Weise zu fördern wußte. In dieser. Beziehung ist besonders seine Wirksamkeit am Veitel-Heine- Ephraimschen Institut zu erwähnen. Die Vorlesungen, die er in diesem Institute hielt, im eigenen Hause vor einem kleinen Kreise von Zuhörern — manchmal war es nur ein einziger, der seinen Worten lauschte —, sind für die Schüler richtunggebend geworden; aus der unerschöpflichen Fülle seines Wissens, mit liebevollstem Eingehen aus die Wünsche nnd Bedürfnisse der einzelnen spendete hier der Meister sein Bestes, entfaltete er alle großen Vorzüge einer hervorragenden Lehrernatur. Endlich soll hier erwähnt werden, obgleich wiederholt werden muß, daß dieses kurze Nachwort nicht den Anspruch erhebt, sich zu einer Biographie Steinschneiders auszuweiten, daß er jahrzehntelang an der Königl. Bibliothek zu Berlin als Ordner, der hebräischen Bücherschätze und als Katälogist der Handschriftensammlung tätig war: eine Arbeit, die er, da sie seiner eigensten Natur entsprach, bis in sein höchstes Lebensalter beibehielt. Ich schließe dieses kurze Erinnerungsblatt mit ein paar Aussprüchen von Leopold Zunz, dem Meister, dem Steinschneider in treuer Freundschaft und Verehrung ergeben war und den er nicht selten aufsuchte, obgleich Besuche nicht gerade zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörten. In den handschriftlichen Briefen von Leopold Zunz an Ph. Ehrenberg findet sich folgendes ehrenvolle Zeugnis über Steinschneiders pädagogische Tüchtigkeit. (Es handelt sich wahrscheinlich um eine in Hannover neu zu besetzende Oberlehrerstelle.) Zunz schreibt am 25. Juli 1848: „Von den drei Kandidaten, die Ihr Brief von der Oberlehrerstelle in H. nennt, sind zwei mir nur den Namen nach bekannt, so daß ich keine Auskunft über dieselben zu geben vermag. Desto genauer kenne ich den dritten: Herrn M. Steinschneider, der in bezug auf Schulkenntnisse, pädagogische Erfahrung, Lebenswandel und Charakter meiner Meinung nach allen Anforderungen entspricht, die an einen Schulmann gestellt werden dürfen. St. ist ein durchaus rechtlicher Mann, von dem man sicher sein kann, daß er Uebernommenes gewissenhaft erfüllt. Wenn die Verhältnisse es erlaubt hätten, würde ich ihn schon früher gern am hiesigen Seminar gesehen haben. Daß er überdies über sein bisheriges Wirken mit den vollgültigsten Zeugnissen versehen ist, ist mir bekannt. Ich füge hinzu, daß ich Gegen-

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