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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-31 · Heft 13 (31.3.1916) · p. Seite 152

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 13 (31.3.1916)
Date
1916-03-31
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
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152 näher anzusehen/ — Haben auch nicht alle Frauen die Aufgabe des direkten Erwerbes, so doch jede die des Erhaltens durch richtige Haushaltung. Von jeder geht unheil- oder segenvoller Einfluß aus. Durchdrungen von der Wichtigkeit eines gründlichen Unterrichts, einer guten Erziehung der weiblichen Jugend, mahnte er: „Wir wollen das Ideal einer Frau, wie es bei uns Juden im alten Liede gefeiert wurde, bei unserem Wirken vor Augen haben; lehren wir unsere Schülerinnen Sittsamkeit und Bescheidenheit, Familiensinn und Freude an ihrer Arbeit, ihrem Berufe, und unsere Brüder werden uns als ihre Wohltäter preisen." Einfachheit der Lebensführung, vernünftiges Einfügen in die Verhältnisse, nicht darüber hinausgehen um des Genusses und Scheines willen — lehrte er als Bedingungen für ein glückliches Dasein. „Man lehrt aber am besten durch eigene Tat, und wir haben in und an der Schule Gelegenheit zu zeigen, daß wir den Schein verachten." Und sein Wort war seine Tat. Abhold jeder Phrase, jedem Scheine verfolgte er die pädagogischen Ziele mit derselben Tiefe und Beharrlichkeit wie seine wissenschaftlichen. Daß die Mädchen als körperlich und geistig gesunde, an Ordnung gewöhnte, brauchbare und pflichttreue Menschen aus der Schule ins Leben treten, mit dem Sinn für alles Schöne, mit dem Triebe zur Weiterbildung — das war sein Streben. Mit praktischem Blick zog er immer die Forderungen des wirklichen Lebens in die Berechnung. Darum galt seine Sorge ebenso dem körperlichen Gedeihen (weshalb er regstes Interesse an der Einführung des Turnunterrichtes nahm), der Erwerbung technischer Fähigkeiten wie dem wissenschaftlichen Unterricht. Was heute alle modernen Pädagogen bemängeln und zu beseitigen suchen, hat er schon damals als schädlich erkannt. Er wies auf die Nachteile einseitiger intellektueller Ausbildung und Ueberlastung des Gehirns hin und auf die Wichtigkeit und Notwendigkeit der Ausbildung von Auge und Hand. Seine Ansicht war, jedes Kind müsse lernen, Handwerkszeug zu gebrauchen; die Mädchen müßten auch mit Hammer und Zange umzugehen wissen, die Knaben einige Nähfertigkeiten erwerben. Er selbst hatte einen Handwerkskasten neben seinem Schreibtisch, und Fingerhut und Stadel lagen bereit, für alle Fälle. Wie er als Knabe von seinem klugen Vater in die Werkstätten der Handwerker geführt worden war, so belehrte er die Mädchen über die Bedeutung des Handwerks und Gewerbes und anderer Berufsarten, führte sie zum Beispiel in eine Buchdruckerei und regte natürlich zu Aehnlichenr auch seine Lehrer an. Ebenso nahm er die Umwelt des Kindes: die Häuslichkeit mit ihren verschiedenen Beschäftigungen, Wohnung, Beleuchtung, Ernährung, Kleidung und dergleichen in ihrer Entwicklung zum Gegenstand eingehender Besprechungen. Er suchte in jeder Weise zum Denken anzuregen, das Verständnis zu fördern, des Kindes Blick zu schärfen. Nicht der Erwerb einzelner Kenntnisse, nicht der Umfang des Erlernten galt ihm als Maßstab für den Erfolg des Unterrichts, sondern die erworbene Selbständigkeit, Befähigung und Sinn des Schülers für eigene Fortbildung. Seine Frage war: Wie stellt sich das Kind zu einer neuen, ihm unbekannten Aufgabe? Das Hauptgewicht legte er auf die deutsche Sprache; sie stellte er in den Mittelpunkt alles Unterrichts. „Alles Lob, das man den alten Sprachen als Bildungsmittel erteilt, fällt doppelt der Muttersprache anheim, welche noch richtiger die Sprachmutter hieße, und jede neue Sprache wird nur durch Verhältnis und Ausgleichung mit der ersten verständlich."- „Seine eigene Sprache verstehen, ist freilich ein leichtes, aber die Muttersprache richtig gebrauchen, ist viel schwerer, als es scheinen dürfte." Sein Unterricht im Deutschen bot einen erlesenen Genuß, dessen sich die Schülerinnen nach vielen Jahren noch als gereifte Frauen freudig erinnerten, wie überhaupt all der geistvollen Anregungen. Was stand ihm aber auch nicht alles zu Gebote! Welche Fülle von Kenntnissen, welche Fülle geist- und humorvoller Einfälle! Wie wußte er durch mannigfache Beziehungen und Verknüpfungen das Gebotene der jungen Schar klar und anziehend zu machen! Seine Tendenz der Jugenderziehung war eine im besten Sinne reale. Nicht oberflächliche Vielseitigkeit, sondern Gründlichkeit in wenigem. Entschieden wandte er sich gegen die ästhetisch-literarische Richtung, die damals auf den höheren Mädchenschulen vorherrschte, die Köpfe verwirrte und ungesunde Schwärmerei erzeugte. Keineswegs jedoch unterließ er es, den Kindern die Schönheit unserer Dichtungen zu erschließen, nur blieben sie für „Weihestunden des deutschen Unterrichts". „Rhythmus und Musik sind Feierkleider der Sprache, die durch Werktagsgebrauch profaniert werden." Klare, einfache Sprache im mündlichen und schriftlichen Gebrauch: darauf legte er höchsten Wert. Obgleich ein großer Teil der Schülerinnen dem Auslande entstammte, urteilte der damalige Schulinspektor, zugleich Direktor einer hiesigen höheren Lehranstalt, Professor Paul: „Das beste Deutsch wird in der jüdischen Mädchenschule gesprochen." Professor Steinthal erinnerte daran in einer Abhandlung. So lehrte Steinschneider in beneidenswertem Reichtum in den oberen Klassen, aber auch die Kleinen unterrichtete er gern. Es war ihm äußerst reizvoll, das Erwachen des kindlichen Geistes zu beobachten, und als Leiter interessierte es ihn besonders, die Entwicklung der Kinder zu verfolgen'). Als solcher fühlte er sich selbstverständlich für jedes Kind und für alles, was in der Schule geschah, verantwortlich. Peinlich gewissenhaft wirtschaftete er mit den Schulmitteln. Er wünschte, daß auch in den Kindern bei jeder Gelegenheit das Verantwortlichkeitsgefühl geweckt und geschärft werde. Trvtz seines überragenden Wissens und seines Ansehens wollte er, anspvuchslos, seinen Lehrern nur ein Mitarbeiter an gleichen Zielen sein. Wo 'er als Vorgesetzter anordnete und vorschrieb, da stellte er zuerst sich selbst unter das Gesetz. Um die Arbeit an-der Schule gedeihlicher zu machen, suchte er die Klassen vor Ueberfüllung, die Lehrer vor Ueberbürdung zu schützen. Er erstrebte eine geringere Stundenzahl — „kein Lehrer dürfte mehr als vier Stunden hintereinander unterrichten" —, vermied alles nicht unerläßliche Beiwerk, um die Kräfte für die Hauptsache zu sparen. Kräfte sammeln, nicht zersplittern: war seine Methode. — Andererseits mahnte er auch die Lehrer, sich nicht selbst zu belasten durch zuviel Privatarheit (weshalb er sich auch um ihre Besserstellung bemühte) und an die eigene Fortbildung zu denken: „Der Lehrer dürfe nie aushören, Schüler zu sein." # Originalität und Selbständigkeit des Denkens gehören zu den Dingen, die jeder schätzt und liebt, d. h. solange bis er sie sich selbst gegettübersieht. Wenn jemand mit herrschenden Ansichten seiner Zeit im Widerspruch steht, so muß er dafür büßen wie für ein Laster. Und so erblühten Steinschneider in diesem Garten keineswegs nur Rosen; die Dornen gediehen auch kräftig. Seine Auffassung wich vielfach von der landläufigen ab. Er war, worauf schon mehrfach hingewiesen, in vielen Ansichten und Forderungen seiner Zeit vorangeeilt, war ') Interesse und Liebe für die Kleinen bewahrte er sich bis an sein Ende. Er gehörte mit seiner Frau zu den Begründern des ersten Fröbelschen Kindergartens (1850) und blieb Mitglied des Fröbelvereins bis 1906. Erst kurz vor seinem Hinscheiden trat er aus, weil verschiedene Artikel in der Berbandszeitfchrift „Kindergarten" einen einseitigen christlichen Standpunkt für diese Anstalten betonten.

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