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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-31 · Heft 13 (31.3.1916) · p. Seite 151

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 13 (31.3.1916)
Date
1916-03-31
Page
Seite 151 (sequence 7)
Language
German
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151 st gewissermaßen ein Abschied vom Leben selbst, und jedes rnde mahnt uns daran, wie winzig der einzelne der Gesamtheit gegenüber ist; aber gerade dieser Gedanke treibt uns zur 5rforschung des Zusammenhangs zwischen dem Einen und dem lll, welcher uns lehrt, daß das Endliche im Unendlichen ruf-, nicht untergeht." Diese Betrachtungen des Siebenundsiebzigjährigen können erfreulicherweise als nicht zutreffend bezeichnet werden. Zurächst war ihm noch eine lange, überaus fruchtbare und anegende Lebens- und Arbeitszeit gegönnt. Sodann aber wird nan gerade an dem Lebenswerke Ines Steinschneider gewahr, wie Gewaltiges und Unvergängiches der einzelne für die Gell mth eit zu leisten vermag. Soange es eine Wissenschaft geben vird, solange Menschen den lulturziisammenhängen nachvrschen werden, so lange wird der Name Moritz Steinschneider in Verehrung und Dankbarkeit zum Segen genannt werden. . II. Steinschneider als Schulmann. Von A. G o l d b e r g. Wer vor etwa vier bis fünf .Jahrzehnten die Mädchenschule der hiesigen jüdischen Gemeinde mssuchte, fand sie in der Heideeutergasse in überaus schlichten Räumen und in ihrem Leiter einen ebenso schlichten Mann in vorgerücktem Alter, klein lind behende, von äußerst einfachem Wesen, der jedem, wer es auch var, mit gleicher Freundlichkeit!ede stand. So mancher war erstaunt, jinterher zu erfahren, daß er es nit einem sehr berühmten Ranne zu tun gehabt hatte: es var Moritz Steinschneider. 21 Jahre hindurch, von 1869 ns 1890, stand er an der -pitze der Schule, an welcher r schon früher unter seinem Vorgänger unterrichtet hatte, somit sehen wir den Mann, der ein langes Leben mit licht zu übertresfender Wileils- und Schaffenskraft er Wissenschaft gewidmet, icht nur im Dienst der Allgemeinheit, vor allem des Judentums, sondern auch im besonderen Dienste seiner Gewinde, unmittelbar auf Heranwachsende Generationen segenseich einwirkend. Als er mit 53 Jahren sein Amt antrat, war er seit langein in Gelehrter von Weltruf. Es sprachen viele mit einem gewissen Bedauern davon, daß der bedeutende Mann auf diese Stellung angewiesen war. Er dachte anders darüber; ihm war sie nicht zu gering. Freilich mußte hauptsächlich die Lehratigkeit ihm die Existenzmittel schassen, aber als Erwerbsinelle allein, als „melkende Kuh", hat er sie nicht betrachtet, lat er doch auf andere einträgliche Stellungen verzichtet, um ach Selbständigkeit und Unabhängigkeit für freie Forschung zu wahren. -Er, der seit seiner Studienzeit als Lehrer und Erzieher in Familien und an Schulen tätig gewesen*), hatte von dem Lehrberufe den hohen Begriff, der ihm zukommt. Die Anforderungen, welche die Gesellschaft an die Persönlichkeit des Lehrers und Erziehers zu stellen berechtigt ist, er stellte sie an sich in hohem Maße. Aber er versäumte auch nicht, erforderlichenfalls die Gesellschaft zu erinnern, welche Achtung sie dem Lehrer schuldet, wie er überhaupt für die Würde und Hebung seines Standes jederzeit eintrab). Bei einem Manne feiner geistigen Beschaffenheit versteht es sich von selbst, daß er an die neue Ausgabe alle Kräfte seiner energischen Persönlichkeit wandte, ebenso, daß dieser Aufgabe seine außerordentlichen Gäben und Eigenschaften;u hohem Nutzen gereichten. Es gehört in die Geschichte der Schule, wie er diese, die schon sein Vorgänger aus dem Charakter einer Industrieschule zu heben getrachtet, immer mehr erweiterte und höheren Zielen zuführte. — Aber das „Wie" seines Wirkens zeigt auch hier seine ganze Eigenart: kritisch abwägend, selbständig schaffend, aufrecht und aufrichtig handelnd, seine Person unter die Sache stellend. Die Mühe eigenen Wegbahnens scheute er nicht nur nicht, sie schien ihm selbstverständlich „Es ist nicht alles gut, was ü berall getrieben wird, und wir wollen etwas nicht schon darum tun, weil es an anderen Schulen zu finden; wir wollen zunächst prüfen, ob es für uns paßt"* i * 3). Pläne und Anordnungen, die sich nicht verwirklichen ließen, waren ihm ein Greuel. Er unterschied: Was sieht auf dem Papier, und was läßt sich erreichen? Klug und klar, zog er bei allen Einrichtungen für Unterricht und Erziehung die besonderen Verhältnisse der Schule und ihrer Schülerinnen in Betracht. „Wir erziehen einen wichtigen Bestandteil unserer Gemeinde; wir erziehen für das Leben und j haben die Pflicht, lins das Leben in seinem inneren Getriebe *) Schon im 16. Lebensjahre erwarb er durch Privatstunden seinen ' Unterhalt, njn seine Eltern nicht in Anspruch zu nehmen. Während i der Studienzeit in Wien gab er Unterricht in italienischer Sprache j und in anderen Fächern. Zn seinen Schülern zählten, was nicht unj interessant ist, die bekannten Grasen Lichnowsky, Fürst und Fürstin : Khevenhüller; er stand schon damals im Rufe eines ausgezeichneten > Lehrers. *) Er lehnte einmal, obgleich er darauf angelviesen war, gut be-! zahlte Privatstunden in einem reichen Hause ab, weil er. sie dort; erteilen sollte, während der Knabe hätte zu ihm kommen können;! er sagte: „Es ist ungemein wichtig, daß ein Kind lerne, es habe zu I seinem Lehrer zu kommen." 3) Die angeführten Stellen sind Steinschneiders eigene Aussprüche.

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