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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-31 · Heft 13 (31.3.1916) · p. Seite 150

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 13 (31.3.1916)
Date
1916-03-31
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
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einzelner Artikel später mitunter ganze Bücher gemacht werden konnten. Tatsächlich betrachtete Steinschneider die Bibliographie nicht als Selbstzweck, vielmehr war sein Augenmerk und seine wissenschaftliche Arbeit stets auf die Literaturgeschichte gerichtet. Aber wie nun einmal die Verhältnisse lagen, war die jüdische Literatur zum großen Teil in Vergessenheit geraten, ruhte sie meist in unbekannten Manuskripten oder wenig beachteten seltenen Büchern niedergelegt; es galt daher, zunächst gründliche Vorarbeiten zu liefern, die später als Bausteine für eine erschöpfende Literaturgeschichte dienen könnten. Steinschneider macht gelegentlich eine sarkastische Bemerkung über Zunz, der in seiner „Literaturgeschichte der synagogalen Poesie" die Geschichte einer Literatur schaffen wollte, die tatsächlich nicht existierte, sondern zum weitaus größten Teil in den Handschriften der Bibliotheken verborgen war; er hatte damit nicht unrecht. Von allen Benutzern der Znnzschen Werke über die synagogale Poesie wird bis zum heutigen Tage dieser Mangel außerordentlich empfunden, daß sie nur in den seltensten Fällen in der Lage sind, das angeführte Material benutzen oder nachprüfen zu können. Einem solchen Tadel wollte Steinschneider Vorbeugen; zu diesem Zwecke machte er seine Zahlreichen Studien an Manuskripten und veröffentlichte die Hunderte von Einzelabhandlttngen und Materialien, damit spätere Benutzer sich ihrer für eine Gesamtdarstellung bedienen könnten. Insbesondere hat er den arabischen Handschriften sein Allgenmerk zugewandt und aus diesen nur wenigen zugänglichen, ihm aber völlig geläufigen Quellen die allerwertvollsteil Nachrichten ans Licht gezogen. Soviel Einzelheiten er auch veröffentlichte, so sehr er sich gelegentlich in ihnen zu verlieren schien — er hat doch niemals den Blick aufs Ganze verloren, den Plan einer Zusammenfassung außer acht gelassen. Eine seiner ersten wichtigen Veröffentlichungen war ja sein Artikel „Jüdische Literatur" in der Realenzyklopädie von Ersch u. Gruber, der später in Buchform in mehrere Sprachen übersetzt wilrde: seit Reuchlin war hier zum erstenmal der Versuch gemacht worden, eine aus wissenschaftlichen Grundsätzen beruhende Klassifizierung der jüdischen Literatur vorzunehmen, und so groß der Abstand zwischen den damaligen Kenntnissen der jüdischen Literatur und unseren heutigen — nicht zuletzt durch Steinschneiders Verdienst — ist, seine Darstellung bleibt bis auf den heutigen Tag eine der wertvollsten, grundlegenden. Neben dieser Gesamtdarstellung verdanken wir ihm die lvissenschaftliche Bearbeitung einzelner Teile der Literatur, die bis auf ihn fast völlig unbeachtet waren. So hat er früh der V o l k s l i t e r a t u r, der Literatur im jüdisch-deutschen Dialekt, der jüdisch-italienischen Literatur sein Augenmerk zugewandt und während seiner ungewöhnlich langen wissenschaftlichen Tätigkeit die ersten Aufzeichnungen immer wieder ergänzt und erweitert. Und wer anders als Steinschneider hätte die Fähigkeit, die Kenntnisse und den Fleiß besessen, die so wichtige arabische Literatur der Juden darzustellen! Gewiß ist dieses Werk nicht ganz vollkommen; gerade die zwei Jahrzehnte seit seinem Erscheinen Haben unsere Kenntnisse auf diesem Gebiete sehr wesentlich bereichert, dennoch bleibt Steinschneiders Buch mit seiner wichtigen methodischen Einleitung für lange Zeit das unentbehrliche Hilfsmittel für jeden wissenschaftlichen Bearbeiter dieses Gebietes. Wie er mit einer zusammenfassenden Arbeit zur Literaturgeschichte begonnen, hat er kurz vor seinem Lebensende die systematische „Allgemeine Einleitung in die jüdische Literatur des Mittelalters" beendet; bot die erste eine Darstellung des Stoffes, so ist die letzte von hervorragender methodologischer Bedeutung und geradezu das wissenschaftliche Vermächtnis des Gelehrten. Steinschneiders Streben ging über die Darstellung der Geschichte der jüdischen Literatur hinaus zur Erforschung des Anteils der Juden an der allgemeinen Kultur. „Kulturgeschichte", so schreibt er, „ist das eigentliche Ziel der Weltgeschichte, weil das Ziel aller Geistestätigkeit". Wie weit Juden von der wissenschaftlichen Tätigkeit ihrer Umgebung beeinflußt wurden, wie weit sie die rein „religiöse Entwicklung, den eigentlichen Endzweck der jüdischen 'Geschichte" überschritten und sich am Studium der allgemeinen Wissenschaft, an den Forschungen über Philosophie und ihre EinzeDisziPlinen, Mathematik und Astronomie, Medizin und Naturwissenschaften beteiligten, das waren die Probleme, die in letzter Reihe Steinschneiders Aufmerksamkeit und Forschertätigkeit fesselten. Kein jüdischer Gelehrter hat so viele anerkannte und wertvolle Beiträge für allgemeine Zeitschriften geliefert wie er, wenige Gelehrte unserer Zeit so viel zur Kenntnis der g e i st i g e n B e - wegungen im Mittelalter, besonders der wissenschaftlichen Regsamkeit der Araber, beigetragen wie-er. Seine Abhandlungen über arabische Philosophen, über Mathematik bei Arabern und Juden, über Medizinisches bei den Arabern und Juden des Mittelalters — ein nachgelasienes Verzeichnis jüdischer Aerzte wird jetzt eben veröffentlicht —, über Schach bei den Juden, um nur einige Haupttitel zu nennen, zeugen von einer bewundernswerten Universalität des wissenschaftlichen Interesses und einer nicht minder erstaunlichen Beweglichkeit des Geistes. Vor allem sah er die Träger und Vermittler der internationalen Kultur in den Uebersetzern; daher wendete er diesen vornehmlich sein Augenmerk zu. Die arabischen Ueber setz ungen aus dem Indischen und aus dem Griechischen haben durch ihn erschöpfende Behandlung gefunden. Ueber jedes Lob erhaben aber und ein monumentum aere perennius bleibt sein großes Werk „Die hebräischen Uebersetzungen des Mittelalters und die Juden als Dolmetscher; ein Beitrag zur Literaturgeschichte des Mittelalters, meist nach handschriftlichen Quellen". Der Titel läßt auch nicht annähernd ahnen, welch ungeheure Menge von Arbeit in dem Werke steckt, wie unentbehrlich es für jeden ist, der die kulturellen Leistungen der Juden des Mittelalters zu durchforschen hat. Ein großer Teil der jüdischen Literatur, und nicht der unwichtigste, beruht auf Uebersetzungen; eine wissenschaftliche jüdische Literaturgeschichte kann daher ohne diese Grundlage überhaupt nicht unternommen werden. Aber darüber hinaus hat Steinschneider in den 1100 dichtgedrängten Seiten seines Werkes die gesamte Tätigkeit der Juden für die Uebersetzungsliteratur und die Bereicherung der jüdischen Literatur durch die Uebersetzungen aus fremden Sprachen dargestellt. Alle Gebiete der Wissenschaft des Mittelalters kommen zur Behandlung, nach den Enzyklopädien die Werke über die verschiedenen Zweige der Philosophie, der Mathematik, der Medizin, der Volkskunde; neben Nachrichten über die Autoren finden sich Untersuchungen über die Geschichte und den Charakter der Uebersetzungen. Alles ist, wie in den Werken Steinschneiders überhaupt, auf möglichst exakter Grundlage zumeist nach eigenen Forschungen an vielen Hunderten von Handschriften dargestellt. Steinschneiders Leben war ganz dem Ideal wissenschaftlicher Forschung hingegeben; er verfolgte nur ein Ziel: die Ermittlung der Wahrheit. „Meine Absicht ist eine möglichst objektive geschichtliche Darstellung, weder apologetisch noch polemisch gefärbt, weder national noch theologisch zurecht gemacht, viel weniger für die Weisheit, die auf den Straßen die Toren anruft (Sprüche 1, 20), für die Marktschreier, denen die „Stubengelehrsamkeit" nicht ausgiebig — vielleicht auch nicht einträglich genug ist." Sein Lebenswerk, als welches man die hebräischen Uebersetzungen bezeichnen kann, schließt er 1893 wie folgt: „Der Abschied von diesem Buche, welches die größere Hälfte eines langen Lebens in Anspruch genommen.

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