Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1916)
- Date
- 1916-03-31
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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. 149 einer Verhandlung vor den ordentlichen Gerichtett Üoiell diese AnschuLdigungen Spielraum für Verdächtigungen aller Art. Die vorgebrachten „Beweise" haben hinterher stets die Grundlosigkeit der Anschuldigung ergeben. Bezahlte Polizeispitzel spielen wieder ihr Doppelspiel der falschen Anzeige und der grundlosen E r p r e s s u n g: ein Spitzel namens Dereshaka ist in Lomscha Dom Korpsgericht zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er der Mutter eines armen Juden 400 Rubel in Wertpapieren und Juwelen mit der Drohung abgepreßt hatte, ihren Sohn verhaften und aburteilen zu lassen. Wie viele Spitzel aber sind ungenannt geblieben, wie viele Juden sind ohne Urteil erschossen worden! Die Haltung der Militärbehörde muß im Heere eine Judenfeindschast züchten, die die jüdischen Soldaten dem Blutdurst ihrer Kameraden Preisgibt. Der „geheime, dringende" Befehl des Korpskommandanten General I... (Armeebefehl 3805 vom 30. März 1915) erwägt, daß es eine der wichtigsten Ausgaben der Militärbehörden ist, zur Verwertung nach dem Kriege unverzüglich alle Tatsachen zusammenzutragen, die die Unerwü n s ch t h e i t des AL ilitürdienstes der Juden nahelegen oder geradezu beweisen; die Beweise sollen an den Großen Generalstab gesandt werden. Gin Befehl des Kommandierenden der 4. Armee vom 1. Mai 1915 gebietet, die jüdischen Soldaten oon der österreichisch-ungarischen Front zurück- MZiehen; in Ausführung des Befehls.sind am 15. Juli 37 jüdische Solda.ten aus dem 68. Bataillon West-Marchewjki ausgestoßen worden. Kin anderer Befehl verordnet, „die jüdischen Soldaten streng im Auge .zu behalten." Die Behandlung der jüdischen bürgerlichen Bevölkerung durch die Militärbehörden ist nicht besser. Der Stabschef der 3. Armee droht än einem Befehl vom 10. September 1915 (Nr. 470), jeder Ort, wo auch nur ein einziger Jude dem Feinde Beihilfe geleistet habe, werde rücksichtslos „geräumt" werden. Am 6. Oktober 1915 gibt der Gouverneur von Pskow den Befehl, in sechs Tagen die sämtlichen Juden zu vertreiben, die in Pskow Schutz gesucht harten. In anderen Orten muß die Räumung in zwei bis drei Stunden vollzogen sein, wie es die Gingabe beweist, die der Petersburger Hilssausjchuß dem Gouverneur von Minsk überreicht hat. In Kiew hat General Troitzki die Vertreibung aller Juden besohlen unter -dem Vorwände, sie verbreiteten ansteckende Krankheiten; der Beseht wurde schon in den nächsten Tagen mit der größten Strenge durchgeführt, bis die Juden durch Ginzahlung von 300 000 Rubel in die Polizeitasse sich das Recht erkausten, vorläufig in Kiew zu bleiben (vgl. den Brief im „Lyoner Progres" vom 3. Februar 1916). Das Glend der Tausende von gehetzten und geplagten Menschen ist unbeschreiblich. Von allem entblößt lagern sie unter Zelten die Wasserläufe entlang und warten Aumpssinnig aus den Pogrom, zu dem es in Luminetz, Lebedieva Dokschitza und in vielen volkreichen Orten der Provinz schon gekommen ist. Tatsachen dieser Art erklären die Haltung der Bereinigten Staaten, die vor einigen Jahren den russischen Handelsvertrag abgelehnt haben, weil er im Paßwejen einen Unterschied zwischen jüdischen und anderen amerikanischen Bürgern vorsah. Sie erklären auch das Vorgehen der amerikanischen F i n a n zk r e i se, die die Anleihe der Verbündeten nicht zeichnen, wenn Rußland in die Anleihe eingeschlossen bleibt, und die Handlungsweise der anderen Geldkreise, die Rußland an dem Tage ein Darlehen von über einer Milliarde zusichern, wo die der Reichsduma gemachten Versprechen Gesetz würden. Wir dürfen die Neutralen nicht gegen unsere Sache Stellung nehmen lassen. Die Neutralen begreifen nicht, daß die Verbündeten, die angeblich für das Recht in den Krieg gezogen sind, e i n ganzes Volk außer Recht und Gesetz stellen, daß sie es in einem solchen Glend zugrunde gehen lassen, daß das Ausland sich veranlaßt sieht, ihm zu Hilfe zu kommen. Marius Moutet hofft, die russische Negierung werde ein Einsehen haben. Diese Hoffnung ist eitel. Der frühere Höchstkommandierende, Großfürst Nikolai Nikolajewitsch hat offen erklärt, die Haltung der Londoner und Pariser jüdischen Geldgeber wäre ihm höchst gleichgültig. Nikolais Judenhaß beherrscht aber die ganze russische Armee, vor allem alle leitenden Stellen. Alle russischen Militärbefehlshaber frönen den Judenverfolgungen, um sich zu vergnügen und mehr noch, um sich zu bereichern. Das Geld für die Kriegführung aber müssen, wenn die Juden es nicht geben, die teuren Bundesgenossen in Paris und London ausbringen. Lum hundertsten Geburtstag Moritz Steinlchneiders. 30. Mrs 1916. I Steinschneider als Forscher. Von I. E l l> o ß e n. oritz Steinschneider, der es bisweilen liebte, über seine eigenen Leistungen zu spötteln, äußerte wiederholt, daß er für „fortlaufende Leser" schreibe. Er wollte damit zunächst darauf an spielen, daß die Leser sich eilig von der Lektüre entfernten, sodann daraus, daß seine Bücher ziemlich umfangreich waren, seine Abhandlungen sich häufig über viele Jahrgänge von Zeitschriften hinzogen. Andererseits wies er damit aus den trockenen Ton hin, der in den meisten seiner Schriften herrscht. Recht häufig sind sie nichts anderes als eine nüchterne Zusammenstellung biographischer und bibliographischer Daten. In dieser seiner Eigenart ist Steinschneider auch am bekanntesten geworden; sein Ruhm ist weit verbreitet als der des wissenschaftlichen Begründers der hebräischen oder sagen wir besser der jüdischen Bibliographie. Er war der erste, der Bibliographie des jüdischen Schrifttums in großem Umfange auf wissenschaftlicher Grundlage betrieb. Seine Abhandlung „Jüdische Typographie und jüdischer Buchhandel" in Ersch u. Grubers Allgemeiner Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste (1847) eröfsnete für dieses Gebiet neue Perspektiven. Steinschneider begründete in der „Hebräischen Bibliographie" das erste wissenschaftliche Organ zur Erforschung und Besprechung der einschlägigen Fragen, zugleich das erste wissenschaftliche Organ, das sich in der Hauptsache zur Ausgabe stellte, fortlaufend die Ncuerscheinende jüdische Literatur zu verzeichnen und in kurzer Zeit zur Besprechung zu bringen. 21 Jahre hat er diese Zeitschrift geleitet; als nach längerer Unterbrechung seine Bestrebungen von jüngeren Kräften wieder ausgenommen wurden, hat er sich trotz feines hohen Alters als der eifrigste Mitarbeiter des neuen Unternehmens bewährt. Auch einzelne Zweige der jüdischen Literatur verdanken ihm die erste gründliche bibliographische Bearbeitung; so hat er das „bibliographische Handbuch für hebräische Sprachkunde" geschaffen, sein unvollendet gebliebenes Werk über „die Geschichtsliteratur der Inden" beschränkt sich im wesentlichen aus bibliographische Angaben. Vor allem aber ist er berühmt als der Verfasser viel benutzter Kataloge. Er hat die hebräischen Handschriften der größten Bibliotheken des Festlandes ausführlich beschrieben; seine Verzeichnisse der Sammlungen von Berlin, Hamburg, Leiden, München haben die ausgiebige Benutzung dieser wertvollen Schätze erst ermöglicht. In höchstem Ansehen aber steht unter seinen bibliographischen Werken sein „Katalog der hebräischen Bücher der Bodleiana in Oxford", dessen Erscheinen ihn in die vorderste Reihe aller Forscher auf dem Gebiete der jüdischen Literatur stellte. Das Werk, das ihn ein halbes Menschenalter beschäftigte und mit Einschluß der Register rund 3500 Spalten umfaßt, ist eine ganze Enzyklopädie nicht nur der Bibliographie, sondern der jüdischen Literatur überhaupt. Denn Steinschneider beschränkt sich nicht darauf, die in jener unvergleichlichen Sammlung vorhandenen Druckwerke aufzuzählen und zu beschreiben, er stellt vielmehr gleichzeitig bedeutsame Forschungen über viele Autoren an. Gerade über die wichtigsten Schriftsteller war in jener Zeit zumeist noch sehr wenig bekannt. In Steinschneiders Angaben sind die Ergebnisse tief eindringender Untersuchungen an der Hand unzähliger Handschriften niedergelegt; dabei sind seine Angaben so kurz zusammengedrängt, daß aus den Hinweisen