Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-31 · Heft 13 (31.3.1916) · p. Seite 147

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 13 (31.3.1916)
Date
1916-03-31
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229246--72107-3284530
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

147 schmerzlichste zu beklagen. Bei der Gefangennahme von 128 Deutschen scheinen die Engländer, wie schon oft, ihr völkerwidriges, unmenschliches Betragen zu bewähren und eine eigentümliche Illustration ihres Anspruches zu bieten, die wahren Kulturträger zu sein. So großen Schmerz nun auch der Untergang eines deutschen Schiffes nebst seiner heldenhaften Bemannung erregen muß, so bieten auch die sonstigen Ereignisse eher Anlaß zu einer frohen Stimmung. Dazu gehört, daß Amerika, dessen parlamentarische Körperschaften die von dem Präsidenten verlangte Vermehrung des Heeres abgelehnt haben, durch die plötzlich ausgebrochene Verwirrung mit Mexiko vollkommen beschäftigt ist. Die amerikanische Republik ist dadurch gezwungen worden, Kriegsschiffe gegen Mexiko auszusenden, und es sieht so aus, als wenn sie mit der Bekämpfung des kriegs- und revolutiongewohnten Staates für lange Zeit vollauf zu tun haben würde. Auch die Tatsache kann uns mit Freude erfüllen, daß Amerika einen energischen Protest an England gesandt hat wegen der Beschlagnahme amerikanischer -Wertpapiere auf holländischen Schissen; es ist zu hoffen, daß Amerika endlich erkenne, auf welcher Seite sein schlimmster Feind zu suchen ist. Diese Erkenntnis, daß England, nicht Deutschland der ärgste Gegner aller Nationen ist, bricht sich auch in Japan Bahn. Es muß jedem einsichtigen Beobachter klar werden, daß Japans Verbindung mit den sogenannten Ententemächten eine ganz unnatürliche ist. Und wirklich sind in der letzten Zeit in Japan Stimmen der angesehensten Gelehrten und Politiker laut geworden, die die Vereinigung mit England als etwas Ungeheuerliches brandmarken und die Befreiung von diesem Lande verlangen. So sieht es in der allgemeinen Weltlage für uns sehr gut aus, wenn auch freilich eine unmittelbare Friedensaussicht nicht besteht. Wenn auch viÄe Verluste von deutscher Seite beklagt werden, wenn auch gelegentlich da und dort ein Mißerfolg eintritt, der von unserer obersten Heeresleitung im Gegensatz zu den Berichten der übrigen kriegführenden Mächte stets wahrheitsgemäß eingestanden wird — wir wollen uns in unserem felsenfesten Vertrauen nicht beirren und in unserer Hoffnung, einen Frieden zu erringen, wie er unserer ungeheuren Anstrengungen wert ist, nicht einen Augenblick erschüttern lassen. * Leider regt sich in Deutschland wieder der A n t is e m i t i s - m u s. Als ein Zeugnis dafür sei nachstehendes mitgeteilt: Der wiedererstandene Herr Heinrich Pudor. Seit kurzem versendet Herr Pudor an Gesinnungsgenossen und an solche, die es werden sollen, eine Korrespondenz, die er aber für recht hohen Preis vertreibt, die den Titel führt: „Der eiserne Ring. Wikinger Heerfahrt. Vertrauliche Mitteilungen an Gesinnungsfreunde." Mir sind einige Blätter dieser Korrespondenz durch einen Freund überwiesen worden, freilich ohne die dem Hauptblatt beigegebenen Beigaben „Antisemitisches Rüstzeug" und „Arisches Blut". In dieser Korrespondenz teilt Herr Pudor allerlei politische Nachrichten mit und drückt in sehr lebhafter Weise seine alldeutsche Gesinnung aus, die namentlich sich in recht energischen Forderungen für einen zu erhoffenden Frieden ausspricht. Darauf einzugehen ist unsere Ausgabe nicht. Wir lenken die Aufnierksamkeit unserer Leser nur auf das, was Herr Pudor über die Juden zu sagen hat. Er ist ein sehr eifriger Leser unserer Zeitung und schöpft aus ihr alle mögliche Kunde, häufig in der Weise, daß er es nicht der Mühe wert hält, die Quellen nachzuschlagen, aus denen ich geschöpft habe. So druckt er z. B. aus unserer Zeitung eine Stelle ab, die ich aus Friedrich Naumanns Buch „Mitteleuropa" entnommen habe, ohne sich die Mühe zu geben, das Buch selbst nachzuschlagen, das doch auch für ihn Interesse gehabt haben würde. Er berichtet gleichfalls aus unserer Zeitung ausführlich über die Deutsch- ' Jsraelitisch-Osmanische Union, begleitet die Auszüge natürlich mit einigen hämischen Bemerkungen. Ferner geht er auf die Artikel über die Ostjudenfrage ein, die ich ziemlich sorgsam gebucht habe, merkwürdigerweise ohne daß er dabei die Katzenkrallen zeigt. Dagegen zeigt er oft genug seine starke antisemitische Tendenz. Das geschieht z. B. dadurch, daß er zumeist wiederum nach unserer Zeitung oder aus anderen Quellen Mitteilungen zusammenstellt über die ■ Juden, die zu höheren Stellen befördert worden sind, oder wenn er bei literarischen Bemerkungen judenfeindliche Zusätze macht. So erwähnt er z. B. aus der „Deutschen Tageszeitung" einen Artikel gegen das Buch Meyer-Graefes über A. v. Menzel und fügt hinzu: „Wir erinnern daran, daß Herr Meyer-Graefe mit seinen angeblich sehr schönen Augen Jude ist" (eine Nachricht, die ich nicht kontrollieren kann). Oder er sagt: „Vermutlich ist der Goldmann der „Neuen Freien Presse", der unseren Hindenburg ausgefragt hat, und Nachum Goldmann, der in den „Preußischen Jahrbüchern" über die Judenfrage im Osten geschrieben hat, eine und dieselbe Person." (Diese Vermutung ist ganz gewiß falsch.) Oder er macht im Anschluß an die Ostjudenfrage der Regierung Vorwürfe, daß sie zwar für die Juden in Polen sorge, aber die deutschen Balten ganz vergißt. Ganz besonders widrig ist es, wenn er über die „Blätter zur Abwehr des Antisemitismus" spricht und sich dabei in seiner alten Art den Satz leistet: „als ob nicht jedes Kind weiß, daß die Presse aller Länder und Völker vornehmlich in den Fingern der Juden ist." Wenn Herr Pudor «unsere Zeitung zitiert, so tut er das natürlich nicht aus Vorliebe, sondern von der Lust getrieben, ihr etwas anr Zeuge zu flicken. Es ist recht kindlich, wenn er eine Notiz (wahrscheinlich l aus dem „Gemeindeboten") hervorhebt, worin von der Ehrung gefallener italienisch-jüdischer Soldaten gesprochen wird. Durch eine solche Hervorhebung will er uns offenbar des mangelnden Patriotismus beschuldigen und ahnt gar nicht, daß wir beständig den Grundsatz verfochten haben und verfechten, daß die Juden nicht ein Volk bilden, sondern nur eine Glaubensgemeinschaft, und daß sie das Recht, ja die Pflicht haben, sich als Kinder des Landes zu betrachten, in dem sie geboren sind und dessen Kultur sie empfangen haben. Natürlich gehört der Herausgeber des antisemitischen Blättchens auch zu denen, welche den nahen Zusammenhang zwischen Judentum und Sozialdemokratie zu erweisen wünschen. So weist er darauf hin, daß unter den 20 sozialdemokratischen Kreditverweigerern sich eine ausfällig große Zahl von Juden befinde. Das Schlimmste von Unkenntnis und Böswilligkeit leistet sich Herr Pudor in folgender Notiz: „Versteigerung eines „Eisernen". In der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" Nr. 51 vom 17. Dezember 1915 finden wir den Bericht über eine Chanukaseier in der Synagoge in Ulm, in dem es heißt: „Den Mittelpunkt der Abendfeier bildete auch hier, in Anwendung der zurzeit beliebten patriotischen Nagelung, eine Magen-David- Nagelung. Herr Unteroffizier Marks legte feierlich das aus Holz hergestellte Wahrzeichen, worauf in farbigen Buchstaben der Näme „Chanuka" prangte, auf den Tisch. Herr Dr. Treitel weihte dasselbe mit den sinnigen Worten ein, indem er auf die Bedeutung des Magen-David hinwies, und alsdann begann die Nagelung, wobei sehr hohe Geldspenden fielen: ein Zeichen der nimmermüden Gebefreudigkeit unserer Glaubensgenossen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.