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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-31 · Heft 13 (31.3.1916) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 13 (31.3.1916)
Date
1916-03-31
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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146 Wir Deutsche denken in dieser Hinsicht nicht gern an die Friedensjahre zurück. Wieviel gegenseitiges Unrecht, wieviel Verbitterung zwischen den politischen Parteien, wieviel kleinlicher Hader zwischen den einzelnen Konfessionen unseres Volkes! Das ist verschwunden, seitdem der Krieg begann. Der Hauch der Gerechtigkeit, der aus dem bekannten Kaiserwort uns entgegenwehte, hat viel Segen gestiftet. Viel mehr aber der Krieg selbst. Katholiken, Protestanten und Juden haben in dem gleichen Schützengraben gewacht, nach dem gleichen Feinde spähend, von der gleichen Heimat träumend und oftmals von der gleichen Granate zerschmettert. War der Protestant anders als der Katholik, der Jude anders als der Protestant in seinem Hoffen, seiner Freude, seinem Leid? Und in der Heimat haben Christen und Juden zusammengewirkt auf dem gleichen Posten, mit der gleichen Freudigkeit, der gleichen Geduld, unter den gleichen Opfern. War die Treue des Christen anders als die des Juden? Glänzten die Tränen der Freude nur in des Christen Auge, als die Glocken den Sieg verkündeten, oder nicht gerade so hell in des Juden Blick? Lastete der dumpfe Druck nur aus des Christen Hause, da die Kunde von dem neuen Verrat irgendeines falschen Freundes unseres Vaterlandes sich verbreitete? Und als die Verlustnachrichten kamen, waren es nur die christlichen Mütter, die meinten, ihr Herz müsse zerspringen bei der furchtbaren Kunde? Und die Tranen der Freude und die Tränen des Leides sind zusammengeflossen und haben sich vereint mit dem großen heiligen Strom, der von den Schlachtfeldern aus Ost und West zur Heimat strömt, sind eingedrungen in die deutsche Erde und haben sie getränkt und befruchtet. Eine wunderbare Saat ist daraus emporgewachsen: Saat der Gerechtigkeit. Mit Andacht schauen wir auf diese Saat. Wir ahnen etwas von dem Wege der Vorsehung bei ihrem Anblick! Deshalb hat Gott das Schwere über uns Deutsche verhängt, deshalb hat Gott das Unrecht in Tat und Wort und Schrift von unfern Gegnern uns erleiden lassen, damit wir gerechter würden, damit wir Deutsche, durch eigenes Erleben fühlend, wie bitter weh Unrecht tut, in dem neuen Deutschland mit mehr Recht und mehr Liebe einander begegnen möchten." Ich glaube nicht, daß diese Worte der drei Geistlicheir verschiedener Konfessionen einen langen Kommentar verlangen. Gegenseitige Duldung, Liebe und Gerechtigkeit, das ist das Motto, das allen drei Reden gemeinsam ist, das ist der Gedanke, der alle drei Ansprachen durchzieht. Möge cs -unserem deutschen Volke beschieden sein, diese Tugenden, deren es nicht immer vollständig inne geworden ist, in Zukunft dauernd zu üben. Und was für die verschiedenen G'laubensrichtungen gilt, das sollte auch für unsere Gemeinschaft gelten. Daß jede Partei an der Vertiefung und inneren Belebung des Judentums arbeite, daß sie nicht bloß ihre Sonderinteressen berücksichtige, sondern das Wohl der Gesamtheit, daß sie nicht, auf die Fehler der anderen Richtungen ausschließlich aufmerksam mache, sondern das Gute in ihnen hervorsuche, daß sie die schweren Prüfungen, die der Gesamtheit auferlegt sind, benutze zur inneren Einkehr. Wenn dies die segensreiche Folge der ungeheuren Ereignisse ist, unter deren Wucht wir stehen, unter deren Folge wir lange leben und leiden werden, dann wird Freude in unser Gemüt, Eintracht in unsere Gemeinschaft und in die Welt einziehen. Auch für uns gelte das von Altmeister Goethe erneuerte alte Wort: Ein jeder übe seine Lektion, Dann wird es gut im Hause stöhn. Sir Woche. Berlin, den 28. März 1916. ie schönsten Siege sind die unblutigsten, und darum freuen wir uns von ganzem Herzen des wunderbaren Sieges, den Das deutsche Volk in den ersten Märzwochen bis zum 22. durch den glänzenden Erfolg der vierten Kriegst anleih e errungen hat. Beinahe 11 Milliarden (genau 10 Milliarden, 600 Millionen) sind bisher gezählt worden; der I noch fehlende Rest wird wahrscheinlich durch die Zeichnungen der Kriegsteilnehmer und des neutralen Auslandes vervollständigt werden. Nach einem Kriege, der bereits 20 Monate dauert und so viele Erwerbsquellen vernichtet, wenn auchfrei-! lich anders eröffnet hat, ist dies ein Erfolg, wie ihn selbst die größten Optimisten nicht vorauszusagen wagten. Denn die höchsten Schätzungen, die in den sogenannten wissenden Kreisen verbreitet waren, überschritten die Summe von 8 Milliarden nicht. Die erreichte Ziffer ist so gewaltig, daß man noch vor einigen Jahren dergleichen zu erreichen für unmöglich gehalten haben würde. Dies zeugt von der ungebrochenen Kapitalskraft, die in Deutschland steckt; aber sie bezeugt — und gerade darum feiern wir das Ergebnis als einen glorreichen Sieg — zugleich, daß das deutsche Volk, daß alle Daheimgebliebenen den festen, ungebrochenen Willen besitzen, dem Vaterlande zu geben, was nur irgend möglich ist, um die ungeheuren Kosten dieses fürchterlichen Krieges zu decken und den Unseren auch ihrerseits zur glücklichen Ueberwindung der Feinde und zu einem glorreichen Frieden zu verhelfen. Darum sei das ganze deutsche Volk zu dieser neuen, wunderbaren Tat beglückwünscht. Die freudig erregte Stimmung, die durch ein solches Ergebnis in allen Deutschen erzeugt worden ist, wird verstürkr durch die von den Kriegsschauplätzen eingelaufenen Nachrichten. Mag auch der italienische Oberbefehlshaber Cadorna seinen Zug zu den Verbündeten angetreten haben, mag er sich in Paris und London feiern und von Paris aus an die Front von Verdun führen lassen, wir sehen darin kein Ereignis, das uns Furcht zu erregen imstande ist. Die zwar langsamen, aber höchst glücklichen Fortschritte im Westen dauern an, in.der Nähe von Saloniki haben glückliche Vorstöße begonnen oder mindestens ist eine Abwehr der Angriffe der vereinigten Franzosen und Engländer zu konstatieren; die Russen sind, wo sic auch angegriffen haben, blutig zurückgewiesen worden; die Italiener fürchten das Wetter, die Lawinen und die ihnen entgegenstehenden österreichischen Truppen, bleiben im ganzen still und begnügen sich mit der ungefährlichen Beschießung von Görz und Roveredo. Der Unterseebootkrieg geht weiter, trotz der Entlassung des Großadmirals v. Tirpitz, die man von mancher Seite als eine Milderung der Unterseebootskämpfe deutete, ein deutsches derartiges Schiff hat sich in der Nähe von Liverpool gezeigt. Die Luftschiffkämpse und die damit verbundenen außerordentlichen Erfolge dauern fort. Die glücklichsten Zerstörer feindlicher Flugzeuge, die Offiziere Bölke und Jmmelmann, haben zusammen nun bald 30 derartige Flugzeuge vernichtet. In England, wo übrigens die Friedensstimmen sich -erheblich mehren und wo eingestandenermaßen die Rekrutievung schmählich gescheitert ist, spricht man voll Furcht von einer Landung oder einem Angriff der Deutschen, eine Furcht, die recht wenig Vertrauen zu der eigenen Flotte beweist. Wie sehr diese Vertrauenslosigkeit berechtigt ist, zeigt eine Seeschlacht, die vor einigen Tagen in der Nordsee stattsand. Sie hatte den Erfolg, daß ein großes englisches Kriegsschiff vernichtet und daß der gegen uns ausgesandte Teil der Flotte zur Flucht gezwungen worden ist; freilich ist dabei auch von unserer Seite der Untergang des kleinen Schisses „Greis" aufs L. 6

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