Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1916)
- Date
- 1916-03-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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80. Jahrgang Nr. 13 Berlin, 31. März 1916 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonn eine nt s-p r e'i s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Baronen durch unsere verirlebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. - Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: kluciolk Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf rNoffe, Berlin. Tfnftnlt* Friede.'zwischen den Konfessionen. Bon L. G. — Die Woche. IJlUJUU. __ Zum hundertsten Geburtstage Moritz Steinschneiders. I. Steinschneider als Forscher. Von I. Elbogen. II. Steinschneider als Schulmann. Von A. Go ldberg. III. 9!achwort. Von G. G. — Feuilleton: Auge um Auge. Russischer Sozialromau von M. Pulvermann. — 2ln Carmen Sylva. Von Alfred Friedmann. — An Marie Baronin von Elmer-Escheubach. Von Alfred Friedmann. — Höher hinauf. Von Jakob Loewenberg. — Büchereinlaus. — Sprechsaal. Der Geureindedote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlin, Königsberg, Posen, Görlitz, Nürnberg, Münster, Hildesheim, Worms, Wien — Von Nah und Fern. jfrirdr -mischen den Konfessionen. ie „Süddeutschen Monatshefte" haben im November 1915 ein Heft, betitelt: „Friedensziele, herausgegeben, das, abgesehen von seinem sonstigen Inhalt, einen bemerkenswerten Aussatz „Frieden zwischen den Konfessionen" enthält. Dieser setzt sich zusammen aus drei Predigten, von je einem jüdischen, protestantischen und katholischen Feldgeistlichen gehalten. Der katholische, Herr Aushauser, sprach im Felde am 31. Oktober.. Er ermahnte seine Kameraden zur echten und wahren Toleranz, forderte die Genossen aus, ihren eigenen Glauben zu stärken, um gerade durch diese Stärkung des Glaubens eine Anerkennung fremder Religionsmeinung zu gewinnen. Wie sie die Kameraden in den Lazaretten, ihre Mitleidenden gewürdigt, wie sie ihre Kirchen Andersgläubigen geöffnet hätten, so sollten sie auch in Zukunft den Bruder ruhig und ungeschädigt neben sich wandeln lassen. Der protestantische Geistliche sprach in der Heimat am Tage, nachdem die Nachricht von einem Siege eingetroffen war. Er betrachtete als das höhere Kriegsziel: Friede und Einigkeit im Volksleben. Freiheit und Frömmigkeit sollten durch die Tat gelehrt werden. Er warnte davor, künftig etwa festzustellen, wie viele Ehescheidungen unter dm einzelnen Konfessionen vorkvinmen, und rief seinen Gläubigen zu: Liebe zu säen und Gerechtigkeit zu ernten. Er schloß seine Ansprache mit den Versen Eichendorffs: Aber einmal müßt ihr ringen Noch in ernster Geistesschlacht Und den letzten Feind bezwingen. Der im Innern drohend wacht. Haß und Argwohn müßt ihr dämpfen. Geiz und Neid und böse Lust, Dann nach schweren, langen Kämpfen Kannst du ruhen, deutsche Brust. Der Feldrabbiner, Herr Italiener, betrachtete die Erkenntnis der Gerechtigkeit als das größte Erlebnis des Krieges und führte folgendes aus: „Und das ist das Neue, von dem der Prophet redet. Gewußt haben wir es schon immer, daß Gott gerecht ist, aber im tiefsten Herzen.erlebt haben wirres erst jetzt. Und dieses Erlebnis erst macht uns diese» Krieg sittlich. Es hebt ihn uns empor von einem bloßen Kampf um Hab und Gut zu einem Kanrpf um ein Ewiges, um den Sieg der Gerechtigkeit. Meine lieben Kameraden, uns deutsche Juden erfüllt dieses Erlebnis mit einem besonderen Stolz. Wir sehen unser ganzes deutsches Volk erfüllt von den Gedanken und um ihre Verwirklichung streiten, die unser Judentunl durch den Mund seiner Propheten zuerst verkündet und an denen es allen Anfechtungen und aller Erniedrigung zum Trotz unbeirrbar festgehalten hat. Denn dadurch, daß unsere Propheten, die Dichter unserer Psalmen, Gott als den Richter der Welt verkündeten, haben sie der Menschheit ein Gewissen gegeben, haben sie die Weltgeschichte zum Weltgericht erhoben. Das ist auch der Grund, weshalb unsere Bibel, das Alte Testament unserer christlichen Kameraden, jetzt zur Kriegszeit in unserem deutschen Volke eine Beachtung und Wertschätzung gefunden hat wie kein Buch sonst. Unser deutsches Volk fühlt: Der Gott des Alten Testanrents, der Herr Zebaoth, der Herr der Heerscharen, den so viele in unserem deutschen Volke längst tot und begraben wähnten, schreitet noch immer in Kraft und Hoheit durch die Welt. Und in dem Bewußtsein seiner Nähe gewinnen die alten verstaubten Blätter seines heiligen Buches ein neues Gesicht: „Alle Völker umringen mich, im Namen Gottes zerschmettre ich sie" (Psalm 118, Vers 10), das ist nicht nur das Gebet eines Mannes, der seit Jahrtausenden im Grabe schlummert, j das ist der Schlachtruf unseres deutschen Volkes, mit dem es kämpft und mit dem es siegen wird! „Siehe, ich bestelle dich heute für die Völker und für die Königreiche, auszurotten und zu zerstören, zu verderben und miederzureißen, auszubanen und zu pflanzen" (Jeremia, Kapitel 1, Vers 10), das ist eine Verheißung, die nicht nur dereinst einer Menschenseele inmitten aller Verwüstung und allem Leid, das sie schauen mußte, Ausrichtung und Stütze gewährte, das ist ein Wort, das auch uns inmitten all der Schrecken, die wir schauen, ja selbst bereiten müssen, die tröstende Gewißheit gibt, daß auch dieser Weg der Zerstörung uns Deutsche hinführt zu einem Bau und zu einer Pflanzung, die wir nach dem Plane der Vorsehung größer und herrlicher als zuvor für unser deutsches Volk, für die ganze Menschheit errichten helfen sollen. Oh unser deutsches Volk wohl in Friedenstagen etwas behalten wird von diesem Glauben an den Gott der Gerechtigkeit,, von diesem Eifer für die gerechte Sache, der es jetzt erfüllt? Millionen von Deutschen stellen diese Frage. Sie fühlen alle: Nicht nur das Glück unseres Deutschlands hängt davon ab, viel mehr der Friede unseres Gewissens. Nur dann sind wir berechtigt, Anwalt des Rechts in der Geschichte der Völker sil sein, wenn wir in unserem eigenen Volke dem Recht unbedingte Geltung schaffen.