Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1916)
- Date
- 1916-03-24
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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8 x. Lissa i. Pr., 17. März. Im „Verein für Mische Geschichte und Literatur" hielt Rabbiner Dr. N e u h a u s aus Ostrowo einen Vortrag über „Die Juden in Polen", auf Grund eigener Anschauungen. Er führte darin aus, daß die polnischen Juden gegenwärtig mehr als je die allgemeine Aufmerksamkeit aus sich gelenkt haben und daß in Wort und Schrift ihre Lage und ihre Zukunfts- Möglichkeiten in leidenschaftlichem Für und Wider behandelt unb erörtert werden. Aber darin stimmen alle überein, daß ihre jetzige Lage, wie sie durch' den Krieg geschaffen, beklagenswert, ja furchtbar sei. Der Haß der Polen gegen sie habe sich durch den Krieg womöglich noch gesteigert. Bei der Hilfstätigkeit würden sie wenig, oft gar nicht bedacht. Von deutscher Seite würde ihre Dentschfreundlichkeit angezweifelt. Diese stehe jedoch zweifellos fest, und wenn sie sich nicht frei und offen bekunde, so sei dies leicht erklärlich Die Ungewißheit der Zukunft und die Furcht vor einer Rückkehr der Russen beherrsche die Gemüter. Was diese für die Juden bedeuten würde, das habe sich in. den Schrecken von Radom gezeigt, als dieses nach dem Rückzuge der Oesterreicher von den Russen wieder besetzt wurde. Außerdem können sich die Juden in Polen an die deutsche Ordnung, Gewissenhaftigkeit und Unbestechlichkeit nur langsam gewöhnen. Sie hatten eben mit der andersgläubigen Bevölkerung Polens die russische Mißwirtschaft mitmachen und unter Wölfen heulen müssen, wobei das Zwangsverfahren der russischen Beamten mit ihrer Bestechlichkeit oft ans Unglaubliche gegrenzt, aber in nicht seltenen Fällen allerdings auch' schneller zum gewünschten Ziel geführt hätte. Anderseits Hütte die große Not unter den Juden Polens es gar nicht zu einer Gefühlspolitik bei ihnen kommen lassen. Was ihnen nottue, sei neben einer durchgreifenden Hilfe vor allem Arbeit, und dazu verhelfen jetzt die in den großen Städten Polens eingerichteten Arbeitsagenturen. Durch diese werden jüdische Arbeiter in die Fabriken und Werkstätten Deutschlands gebracht, wo sie dringend nötig seien, und man sei bemüht, ihnen auch in bezug aus die Sabbatheiligung und das rituelle Essen entgegenzukommen, so daß z. B. auf der Kaiserlich deutschen Werft in Kiel und bei dein Vulkan in Stettin jüdische Arbeiter mit Sabbatheiligung und koscherem Essen beschäftigt werden, wofür sie freilich oft Nachtschichten machen oder an den Sonntagen arbeiten müssen. Alls diese Weife wäre zu hoffen, daß die Juden in Polen, die zweifellos zu dem intelligentesten Teile der dortigen Bevölkerung gehören, vor keiner Arbeit znrückschenen und nicht mit den „Schnorrern" verwechselt werden dürfen, wie man sie so oft bei uns habe zu sehen bekommen, die aber in Polen selbst verachtet werden, allmählich wieder, wenn der Krieg nicht gar zu lange dauere, zu einem menschenlvürdigen Dasein kommen werden. Reicher Beifall lohnte den Redner für seine trefflichen, ebenso interessanten wie zeitgemäßen Ausführungen. — Seine Mitteilungen über die Zulassung polnisch-jüdischer Arbeiter in Deutschland stehen übrigens im Gegensatz zu der Behauptung von Professor A. Brückner in seinem Artikel „Das Ostjudentmn am Scheidewege" in Nr. 5 dieses Blattes: „In Deutschland ist Mangel an Arbeitskräften, trotzdem werden keine jüdisch-polnischen Arbeiter nach Deutschland hereingelassen." Es ist also offenbar in dieser Beziebung ein Wandel eingetreten, freilich wohl mit dem Vorbehalt, daß die iüdisch'^polni.schen Arbeiter, wenn die jetzt an der Front stehenden deutschen Arbeiter nach dem Kriege znrückkehren, wieder nach Polen zurückgesckiafft werden. Aber man kann sich der Hoffnung hingeben, daß mit ihrer Arbeitstätigkeit in deutschen Werkstätten manches Vorurteil gegen die „polnischen Juden" beseitigt werden wird und auch sonst andere Anschauunaen über sie Matz greifen werden. 2XD Köln, 17. März. Die Dovpelfeier des 25 jährigen A m t s j u b i l ä u m s und des 7 0. Ge b u r t s t a g e s des ersten Gemeindesekretärs der Kölner Synagogengemeinde, Herrn Simon Stern, gestaltete sich zu einer überaus eindrucksvollen Kundgebung für den verdienten Jubilar, die erkennen ließ, in welch hohem Maße er sick die Liebe und Wertschätzung der Gemeinde-- angehörigen erworben hat. Nachdem am Samstag schon die zahlreichen Freunde des Gefeierten in seiner blumenaeschumckten Wohnung zur Beglückwünschung sich eingefunden hatten, folgte am Sonntag, den 12. d. M., vormittags, die offizielle Feier. Zn dieser waren die Mitglieder des Vorstandes und der Reprüsentantenversannnlung der Gemeinde vollzählig erschienen unter Führung von Herrn Bankier Siegfried Simon, in Vertretung des erkrankten Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn Stadtverordneten Louis Eliel, und Herrn Hofjuwelier B. Gold schm i dt als Vorsitzender der Repräsentanz. Unter herzlichen, die hohen Verdienste des Jubilars um die Gemeindeverwaltung würdigenden Ansprachen überreichten die Herren zwei prachtvolle fünfarmige Sabbatleuchter als Ehrengeschenk der Gemeinde. Herr Rabbiner Tr. F r a n k feierte den Jubilar in der ihm eigenen geist- und humorvollen Art unb dankte ihm für die wertvollen dem Israelitischen Waisenhause in Köln in 25jähriger Tätigkeit als Schriftführer geleisteten Dienste unter Ueberreichung einer kostbaren Kristallvase. Ebenso erschienen glückwünschend die Herren Rabbiner Tr. Rosenthal, Tr. Car o, Dr. H a n o v e r und Tr. S ch e f t e l o w i tz sowie die sämtlichen Gemeindebeamten. Namens des Israelitischen Unterstützung'svereins Köln sprach der Vorsitzende, Herr B. F e i l ch e u - f e l d, für den Israelitischen Wohltätigkeitsverein Gemillus Ehassodim der stellvertretende Vorsitzende, Herr Dagobert Bier. Für den Israelitischen Frauenverein überreichte die Vorsitzende, Frau B. Auerbach, eine schöne Palme. Tie Vorsitzende des Kraukenverems, Frau B r e i t enb ach, widmete ein Gedicht. Eine Abordnung des Israelitischen Waisenhauses in Dinslaken, bestehend aus den »Herren Direktor Dr. Rothschild (Dinslaken) und Rabbiner Tr. W o l s (Köln), überbrachte dem Mitbegründer und eifrigen Förderer der Anstalt eine kunstvoll ausgesührke Ehrenurkunde. Ter Vorstand der Gemeinde Ad aß Jeschnrun (Köln) sandte ein herzliches Glückwunschtelegramm. Der Chordirigent, Herr Komponist Benno Ster n> borg, verherrlichte die Feier mit unter seiner Leitung meisterhaft vorgetragenen Mannerchören von Mitgliedern des Synagogenchores, welchem der Solovortrag des Konzertsängers Herrn Hugo Israel zur besonderen Zierde gereichte. Reiche wundervolle Blumenspenden umrahmten die Fülle der sinnigen und kostbaren Festgeschenke, Zeichen, der Liebe und Verehrung für den Jubilar. Eine Unmenge von. Glückwunschtelegrammen und -schreiben bekundete den Anteil weiter Kreise an dem Ehrentage des Jubilars, welcher für jeden der Glückwünschenden tief empfundene Worte des Dankes hatte und den Tank an die Vertreter der Gemeinde in eine formvollendete eindrucksvolle Ansprache zu kleiden wußte. Möchte dem wackeren Manne noch auf lange Zeit hinaus ein segensreiches Wirken in bester Gesundheit beschieden sein. «J. A. Nürnberg, 17. Mürz. Ein in der hiesigen Gemeinde sehr bekanntes und beliebtes Ehepaar, Herr Privatier Mar Z e i l l e r und dessen Gattin Kathi, feierten am 11. d. M. das seltene Fest der diamantenen Hochzeit. Das Jubelpaar, welches sich in ganz hervorragender Weise körperlicher und geistiger Frische erfreut, wurde von allen Seiten lebhaft beglückwünscht. Insbesondere wurde es durch eine Abordnung der jüdischen Gemeinde unter Führung des Gemeindevorstandes Herrn Justizrat Dr. Held sowie durch eine Abordnung der Libanon Freimaurerloge in Erlangen, welche eine kostbare Blumenspende überreichte, geehrt. Es ist dies innerhalb eines Jahres der dritte Fall, daß die diamantene Hochzeit in unserer Gemeinde gefeiert werden konnte. — Strastbttvg, 17. März. Der mm schon feit 20 Jahren als jüdischer Schlächter hier wirkende Benj-amin H a a s zog sich ans nichtiger Ursache die Rache der Answartefrau K a r o l i n e B a n - bei zu. Am 8. Dezember erstattete diese bei der Kriminalpolizei Anzeige, daß Haas deutschfeindlich gesinnt fei und dieser deutschfeindlichen Gesinnung in mindestens fünf Fällen Ausdruck gegeben habe. Auch wurde vom Sohn der Bändel behauptet, daß Haas rnn 14. Juli aus Anlaß des französischen Nativnalfestes französische Lieder, auf der Geige gespielt habe, was aber schon darum nicht zutreffen konnte, weil der Beschuldigte bereits 'eit Juni militärisch eingezogen war und sich im Osten befand. Tie vom außerordentlichen Kriegsgericht alsbald erhobenen Feststellungen ergaben die völlige Unschuld des von jeher deutsch empfindenden Schächters, der zu allem Ueberfluß sich als langjähriges Kriegervereinsmitglied sogar die Würde eines Landesfechtmeisters erworben hatte. Nach Sachlage und in Rücksicht aus die Beweggründe, die Frau Bandet geleitet hatten, wurde gegen diese Anklage wegen wissentlich > falscher Be s ch u l d i g u n g erhoben, die vor dein hiesigen Schöffengericht verhandelt wurde. Die Beweisaufnahme ergab, daß selbst die von der Angeklagten Bandet vorgeladenen Entlastungszeugen kein Wort von dem 31t bekunden wußten, was ihnen die Angeklagte in den Mund legte. Nach den Ausführungen des Anklagevertreters verdient eine so gemeine und niederträchtige Denunziation keine Schonung. Deshalb beantragte er gegen sie zwei M 0 n a t e G e s ä n g n i s , welchem Antrag der Gerichtshof auch entsprach. Ter- Vorsitzende, Amtsgerichtsrat K 0 e r 11t a 1111 betonü