Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1916)
- Date
- 1916-03-24
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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}■ 0. Jahrgang Nr. 12 Berlin, 24. März 1916 Der Gemeindevote. Brtlsxr zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums". SorrrlponVrnNn und jflschrichten. Lkutschlülld. 22 Berlin, 21. März. Aur 5. d. M. fand hier im Verwaltnugsc.bände der jüdischen Gemeinde die 3. o r de n t l i che M i t g l i e d e ri> c t s a m m l u n g der W i t w e n - und Waise x\ kass e der a b b i n e r Deutsch l a n d s statt, in' lveicher bie Berichte r .'§ Kuratoriums und Aufsichtsrats über die letzten Jah re borge legt i nd den verantwortlichen Stelleil Entlastung erteilt lvurde. Bei der ' Mjl des Kuratoriums wurden die bisherigen Atitglieder wieder und .<'err Bankdirektor Maier aus Frankfurt a. Nt. neu hinzu gewählt. . ie Mitgliederversannnlilng beschloß die Satzungen dahin zu ergänzen, i ch Rabbiner, welche der Reichsversicherung fiir Privatangestellte angei öreu, in die Witlven- und Waisenkasse mit einer beliebigen Bruchteili er sicher ung als Zuschusz zur Reichsversichernng eintreten können, daß ' rner bei der Verteilung der jährlichen Zuschüsse von seiten der; -.affe an die Mitglieder nicht bloß deren Einkommen, sondern auch ihre ersönlichen Verhältnisse Berücksichtigung finden sollen. Eine ein- . ehende Aussprache erfolgte über den Ausbau der Kasse zur Pensions- ' stso. Es wurde beschlossen, den in der Versammlung anwesenden 'ersicherungsmathematiker mit der Ausarbeitung eines technischen i 'Utachtens über diese Frage zu betrauen, ^tn der vierten Kriegsaleihe beteiligte sich die Witwenlind Waisenkasse mit einer Zeichnung i ml 100 000 Mark. 22 Berlin, 21. März. Seitens der hiesigen jüdischen Gemeinde werden Kurse unterhalten, durch welche Lehrerinnen und eminaristinnen Gelegenheit geboten ist, sich in sämtlichen Fächern? es jüdischen Religionsunterrichts und in der Methodik dieser Disziplin euszubilden. Die Kurse dauern drei Jahre. Am'Ende der Aus- 1 ldungszeit findet eine Abschlußprüfung statt, über deren Ergebnis . ll Zeugnis ausgestellt wird. Die Teilnahme ist unentgeltlich. Für ie Teilnehmerinnen an den Kursen stehen aus dem Julius Bleichöderschell Legat einige Stipendien zur Verfügung. Das Sommerunester beginnt am D o n n e r s t a g, 2 7. April d. I. Meldungen inrmt der Leiter der Kurse, Herr Rektor Dr. Spanier, in der 'cädchenschule, Kaiserstraße 29/30, entgegen, der auch zu jeder weiteren uskunft bereit ist. <£/•> Berlin, 21. März. Ter Ausschuß des Vereins irdische Arbeiterkolouie in Weißensee versendet ' »eben folgenden beherzigenswerten Aufruf: Die jüdische 'l rbei terkolo n i e in Weitzensee ist notleidend, in soziales Hilsswerk im großen Stil, das im Laufe tjährigen Bestehens seine Segnungen 76 2 8 unglücklichen 2 anderarmen hat zuteil werden lassen lind der jüdischen Wiohlätigkeit unberechenbare Summen für zwecklose Eisenbahnfahrten erwart hat, ist von finanziellem Untergang bedroht. Hieran ist. der rieg nicht schuld, sondern das fehlen de werktätige I n ter - s s e unserer Glaubensgenossen, das uns n ich t mit d e n v e r h ä l tismäß i g g e r i n ge n Mitteln a u s ge st a t t e t, die eine i rbeiterkolonie, sei sie auch noch so gut geführt, gemäß der Natur ihrer ulsassm, ungeschulter Arbeiter, erfordert. So schließell wir Mar allahrlich mit einem großen w o r a l i s che ll U e b e r s ch u ß ab, denl ^oußtsein, mehr als 500 unglücklichen Glallbensgenosseu Obdach, Nahmlg, Kleidung, vor allem Arbeit und Ueberverdienst gewährt und sie nt der Möglichkeit eines selibständigen Broterwerbes ausgerüstet zu oben, aber zugleich mit einem sin a n z i e l l e n D e f izit v o n u rch sch n i t t l i ch 5 0 0 0 Mä r k. Längst lväre unser kleiner Beiebsfonds ausgezehrt und die Schließung der Kolonie eingetreten, >Uln es rms nicht gelungen lväre, ab und zu einen sozial empfiudeudeu wnner zu finden, der uns durch eine größere Gabe für einige Zeit uütergeholfen hätte. Gelingt es uns jetzt nickst, das gemeinnützige nter nehmen aus eine feste wirtschaftliche Grundlage zu stellen, so 'erden wir zu einem nahe absehbaren Zeitpunkte außerstande sein,, user Werk forkzufl'chren. Die deutsche Judenheit würde damit einer edeuts.amen sozialen Einrichtung, auf die sie mit berechtigtem Stolz licken konnte, beraubt sein und würde neben der Minderung ihres ohen Ansehens größten materiellen Schaden erleiden. Denn mehr ls der zehnfache Betrag, als die kleine Summe, die wi-r benötigen, auslrächt, würde an die Bettler, die wieder ansingen, die Häuser zu überschlvelnnlen, v e r ge u d e t lv erde n. Das lväre angesichts der großen. Ansprüche, die ml die jüdische Wohltätigkeit in jetziger Zeit gestellt lverden und die uns zwingen, jedell aufgeivandten Groschen aufs nutzbringendste zu verwenden, fein kleiner Schaden. Größer noch lväre der in o r a l i s ch e N a ch t e i l. Denn lvir öffneten der Hintergehung unserer meuscheufreuudlichen Gefühle Tür und Tor, und selbst den würdigen unter den Bittstellern erweiseil wir durch unser Almosen, das fie von dem Zwange, von Stadt zu Stadt zu reisen, nicht befreit, keinen rechten Dienst. Unsere Religion weist in ihrer ältesten Urkunde schon dem ersten Menschen die Aufgabe zu, im Schweiße seines Angesichts sein Brot zil essen, und unser ganzes Schrifttum ist voll von Aussprüchen, die den Segen der Hände Arbeit tu so überzeugender Weise Preisen, das; alle anderen Literaturen sie übernommen haben. Da lväre es unserer n n lv ü r d i g , rill Werk verfallen zu lassen, das mit g r ö ß t e m n. ach w e i s b a r en E r f o l ge s ch v n T a n se n - d e u v o ll U ll g l ü ck l i ch e u z u c i ll e r b e scheide il e ll E x i st e n z v e r h o l f e n h a t, b l o ß d a r il m, w e i l n il s e i ll e Z a h r e s e i n ll a h m c Don g a n z e n 5 0 Ü 0 M a r f f c h l t! Zn dem Bewußtsein, daß lvir im eigenen Interesse unserer Glaubellsgellossen damit handeln, wagen lvir es selbst in jetziger Zeit lntd in voller Kenntnis, daß gleichzeitig von vielen anderen Seiten, glaubensgenöfsischen ilnd Patriotischen, all unser lvohltätiges Herz appelliert wird, an Sie heranzutreten mit der Bitte, b e n u tz e ll Sie die b e i - f ol g ende Karte z u r B e w i l l i g u n g ei u e s I a h r e s - b e i t r a g e s , u n d sei e s a lt ch n it r mit de nt M indestbei - t r a g v o ll 3 M a r k, u nd w e n ll S i e ei n en g r ö ß.er e n B et r a g. f ü x ein sozi a (e s Werk be st i m m t h a ten ober i u I h r e m B e k a n n t e n k r e i s e v o n ein e r d e r a r t i g e n A b - sicht Kenntnis erh alten, g e den ke n Sie b e r I üdi - s ch e n A x b e i t e r k o l o ll i e inWeißellse e. Dann könnell ferner zahlreiche Generationen unserer Glaubeilsgenossen zu ihrenr Heile die Wohltat des biblischen Spruches erproben: „Der du lebst von der Arbeit deiner Hände, Heil dir und w o h l dir!" E. 8. Berlin, 21. März. In der M o n t a g s v o r l e s u n g vom 6. d. M. „zum Besten des Stipendiensonds der Lehranstalt für die Wissenschast des Judentums und der vom Kriege Betroffenen" behandelte Herr Rabbiner Professor Dr. S. S a l f e l d aus Mainz den Gegenstand „Welt und Haus der deiltschen Juden im Mittelalter". Bei den deutschen Juden dauerte das Mittelalter länger als bei den übrigen Deutschen. Als bei diesen eine neue Geisteskultur, eine neue Gesittung ansing, hatten jene unter Dersolgungen und der Rechtlosigkeit erst recht zu leiden. Im raschen Fluge -- durch ein Jahrtausend - führte der Redner anmutige Momentbilder vor. Kaum unterschieden sich die Inden im frühen Mittelalter in der Sprache, Beschästigilng, Lebensführung von der Umlvelt. Keinen Anlaß gabelt die Religionsunterschiede ztl feindlichem Zwiespalt. Unter dem Haus, das der Jude später als seine Welt erblickte, ist nicht nur das Familienheint, sondern auch das Lehrhans, die Pflegstätte der jüdischen Gottesgelehrsamkeit, zu verstehen. Diese hatte schon früh im Deutschen Reich berühmte Vertreter, von denen einige auch heute noch großen Ruf haben. Bor den Kreuzzügen zeigte der jüdische Handel die Aterkmale des Welthandels, sich selbst ltach China und Persien erstreckend. Seit den Kreuzzügen wechselt die Lage; Schmälerungen des Reckstszilstandes, sonstige kleinere Bedrückungen und blutige Berfolgungen lösten sich ab. Hierdurch ging auch der tvirtschaftliche Aufschwung in den Rheinstädten, Frankfurt a. M., Nürnberg und anderen wichtigen Orten zurück. Packend anschaillich, stellenweise mit köstlichem Humor verstand der Vortragende das jüdische Familienleben, Festlichkeiten, den Schulbetrieb einschließlich der lviderlichen Zollplackereien ztl schildern. Die geheiinnisvolle Kraft, lvelche die deutsche Judenheit in der langen Lleidenszeit zusaulmenkittete und mit nie versiegendein Trost und freudiger Hoffillmg auf bessere Tage erfüllte, war das treue Festhalten an der alten Gotteslehre, die standhafte Beobachtung des Gesetzes. Ntit dem 18. Jahrhundert beginnt eine Aellderung der Politik in den deutscheil Staaten, an Stelle der konfessionellen Ausschlieszlichkeit tritt eine Neuorientierung des geistigen Lebens. Das Leben von Moses Mendelssohn — der Knabe mußte den Leibzoll entrichten, und der reife Mann war eine