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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-24 · Heft 12 (24.3.1916) · p. Seite 143

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 12 (24.3.1916)
Date
1916-03-24
Page
Seite 143 (sequence 11)
Language
German
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143 Die Komtesse sprach nicht viel, kicherte aber um so mehr, j ,nch Art der Backfische, zu denen sie ihrem Alter nach noch jtiijlte. Man merkte es ihr sofort an, daß sie erst vor wenigen I igen die Einsamkeit und Abgeschlossenheit der Klosterschule ra-lassen. Das erzählte sie Gabriel, als die drei älteren Personell sich ir ein Familiengespräch vertieft hatten. Gabriel hatte jetzt 'V ne Beklommenheit vollständig überwunden. „Mama holte mich aus der Klosterschule," sprudelte es rubefangen über die kirschroten Lippen; „und bei dieser Geirzenheit machen wir eine Rundreise zu allen Verwandten. ,rh glaube, Mama tut es nur, um die vielen Komplimente ki izuheimsen, ein solches Wundertier von einem Töchterchen;> besitzen. Halten Sie mich auch für ein Wundertier, Herr Ohmulikof?" Gabriel hörte diesem Geplauder mit innerer Belustigung . Jetzt, bei ihrer Frage, legte er die Stirn in Falten, als türke er ernstlich nach und erwiderte dann gemütlich: „Gnäl zes Fräulein, diese Frage ist keineswegs so leicht zu beant- >i orten; entlveder ich bin unfreundlich gegen die Frau Gräfin, 1 ,re Mama, oder ich mache mir Sie zur Todfeindin . . ." „Dann antworten Sie lieber gar nicht. Aber Sie können e mir wirklich glauben, alle machen so viel Wesen aus mir, -U wäre ich eine Prinzessin. Ma foi! Aber schön ist es doch, >i verhätschelt und von jedem so umschmeichelt zu werden! l nken Sie nur, meinetwegen werden auch überall Gesell- V asten mit Ball und Tanz gegeben. — Tanzen Sie auch ü VN?" „Na und ob! Aber es ist ein Tanz ganz eigener Art," iv >r seine grimmige Antwort. „Dem Tone nach, mit dem Sie es mir sagen, muß es a ch eine ganz eigene Art sein," sie warf ihin dabei einen t ick zu, der ihn erkennen ließ, daß hinter diesem oberfläch- )en Geschwätz noch eine Fülle von Scharfsinn sich verberge, t r ihn zum Nachdenken veranlatzte. Doch sie ließ es nicht t zu kommen; das Plappermäulchen war bald wieder in Be- H gUNg. „Herr Schmulikvs, habe ich Ihnen schon von meinen Bet-!' iv erzählt? Alle sind nette, reizende Jungen; aber bei Tante v ga ist es doch am schönsten, da hatte ich den größten Spaß, lacken Sie nur, ich war noch nicht einen einzigen Tag dort, t gebärdeten sich schon beide Jungen wie Räuber und Mört r meinetwegen. Sie hätten nur die Dolchblicke sehen und t s wütende Zanken hören sollen! Und kurz vor unserer l -reise, da erhielt Karol noch von seinem Vater drei Tage l ubenarrest, weil - - weil -. — er mich im ' aridor — - geküßt und sein neidischer Bruder, der , van, es dem Onkel brühwarm geklatscht hatte. War das i cht sehr schlecht von dem Iwan? Armer Karol! In der icht ist er aus dem Fenster gesprungen und hat einen Zettel rückgelnssen, daß er nach dem Kaukasus gehe, um dort J iuberhauptmann zu werden. Der dumme Junge! Das l; tte er doch auch hier machen können, wo es so viele Juden!> ck, die eine Masse Geld haben und sich den ganzen Tag auf i' v Landstraße Herumtreiben, wo er sie so leicht stellen > uite. - - - Ich bin neugierig, ob er schon wieder i lief ist; ich werde mich bei Tante Olga erkundigen, wenn - ich es nicht vergessen sollte." Gabriel machte irgendeine nichtssagende Bemerkung und l vhte ernstlich darüber nach, ob die Ergüsse des Plandcrhasten ' ickfischos nicht doch ein bewußtes Kokettieren waren. Sie 1 uja ganz nett und mit ihrem Porzellanfigürchen wohl- - eignet, bei einer Bande grüner Jungen Aufruhr und Un- 1 zu verursachen. Doch trotz ihrer achtzehn Jahre, die ' mit stolzer Würde verkündete, konnte man sie doch noch : cht für voll nehmen. Plötzlich schlossen sich die roten Lippen, und mit einem Ausdruck des Bedauerns, ja des Widerwillens starrte sie godaickenvoll vor sich hin. „Und morgen ist alles, alles vorüber! Morgen kehren wir nach Ditomsk zurück!" murmelte sie leise. „Ach ja; Ditomsk!" sprach auch er mit innerer Unruhe. (Fortsetzung folgt.) Literarilchr Mitteilungen. Di c u c reGe s ch i ch t e P o l e n s. Bon D r. p h i l. E. Z i v i e 7. Erster Band. Die zwei letzten Jaggelonen (1506—1572). Gotha 1915, Friedrich Andreas Perthes A.-G. Geschichte der europäischen Staaten. Der außerordentlich starke Band, 809 Seiten, umfaßt die Geschichte von wenig mehr als sechzig Jahren, 1566—1572, und ist hauptsächlich der Regierungszeit des Königs Sigismund August gewidmet. Einem so großen Werke gegenüber, das in jeder Zeile den Eindruck solider Gelehrsamkeit, tüchtiger, ruhiger Forsche rarbeit macht, darf der Di ichtspezialist nicht als Kritiker entgegentreten, sondern muß sich dankbar als -einer bekunden, der ans dem, was er in den: mächtigen Bande gelesen, unendlich viel gelernt hat. Lernen wird daraus freilich auch der Spezialist, da das Werk nicht etwa ans gedrucktem mib allgemein zugänglichem, sondern aus handschristlichem, zudem sehr zerstreuten Altenmaterial zusaminengetragen ist. Das Werk berücksichtigt in gleichen: Maße die äußeren Kämpfe und die inneren Zustände des polnischen Reiches; namentlich die den inneren Zuständen gewidmeten Kapitel machen auf den kulturhistorisch Geschulten und Interessierten einen besonderen Eindruck. Wir müssen uns hier damit begnügen, diesen Eindruck zu konstatieren. Dem Zwecke dieser Zeitung entsprechend, kann ich nur auf die ausführlichsten Stellen Hinweisen, in denen von Inden gesprochen wird. S. 397 sg.i Dieuordnung der Inden- Verhältnisse, 1536, uneingeschränktes Handelsrecht, Befreiung von der Verpflichtung, besondere Abzeichen zu tragen. S. 414--417: 1538—3!0 llcbertragnng des Judenregals ans den Adel, infolgedessen Preisgebung der Inden an die einzelnen Schlachtizen. S. 474—76 besondere Judenfrenndschaft des Königs Sigismund. S. 543—44 Eintreten des Königs für die litauischen Juden. S. 771, 1565, Verbot gegen die Inden, die Pacht von Zöllen und Bergwerken zu übernehmen und christliche Bedienung zu halten. Man sieht ans diesen geringen! Notizen, daß die Inden, wenn ihnen auch kein ideales Dasein gegönnt war, doch von den vielen Bedrückungen und Verfolgungen, die damals ihr Los in anderen Ländern ausmachten, in: ganzen frei umreit-, lieber einzelne Juden, die sich besonders hervortaten, habe ich bei einemflüchtigen Durchblick des Gattzen nichts finden können, ebensowenig von einer Schilderung jüdischer Gemeindew Das Werk ist ntiktett im Weltkrieg beendet worden; der größte Teil des Reiudrncks war bereits vor dem Ausbruch des Krieges fertig. Blicke ans die gegenwärtige Bewegung und Stimmung lagen nahe. Der Verfasser ist, wie er selbst bekennt, nicht zu dem Wunsche gelangt, wie er in der kurzen Einleitung sagt, „das Eine oder Andere etwas anders, von einem anderen Gesichtspttnkte oder anders im Ton geschrieben zu haben". Er fährt fort:'„Auch im Rest des Manuskripts kömtte ich der in fertigen Teilen vertretenen Anpassung in jeder Hinsicht treubleiben. Es war dies für mich der ntich befriedigende Beweis dafür, daß mich bei meiner Arbeit nur strenger Forschersinn geleitet hat, der das Bild vergangener Zeiten leidenschaftlos und ohne Parteinahme wachznrnfen sucht, unbekümmert mit Sympathien und Antipathien und um politische Anschauungen der Gegenwart." Wir können von dieser Erklärung nur Akt nehmen und, ohne uns ein Urteil über die Leistung in: allgemeinen und einzelnen anznmaßen, das Ganze als ein hochbedentendes Zeugnis tüchtiger deutscher Geich rtenarbeit empfehlen. L. G. — David Wolfsso h n. Bon A d o l f F rieb c m a it n. Wien, DJi. R. Somit Verlag. Wolsssohn ist mir immer unter allen Zionisten als der sympatischste erschienen; der würdige Mann hat in Friedemanu einen liebevollen Biographen gefunden. Dien war mir in der Skizze, die den i Eingeweihten wohl nur Bekanntes bringen wird, daß Wolfssohn von j Geburt Russe ist, und daß sein Geburtsdatum nicht genau bekannt

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