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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-24 · Heft 12 (24.3.1916) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 12 (24.3.1916)
Date
1916-03-24
Page
Seite 142 (sequence 10)
Language
German
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142 feiner vernichteten Hoffnung bnftefjen zu sehen, wenn er zum letzten Male ans dem Zuge nach Odessa zurücksah; er wollte nicht noch länger durch den scharfen Gegensatz gepeinigt werden. „Auch Mißerfolge uuiß es im Leben geben, um den Glanz des Erfolges noch heller strahlen zu lassen; das Licht gewinnt ja auch an Helligkeit, weil die Finsternis ihre Berechtigung hat."- Sv dachte Baruch, der geborene Stoiker, und das war die Leichenrede, die er seinem toten ,Jch° hielt. Und als er im engen, vollbesetzten Abteil, zwischen Zigeunern und Auswanderern eingekeilt, saß, da nahm er noch einmal den halbzerfetzten Horaz zur Hand und seine bebenden Lippen murmelten leise, kaum hörbar: „Elieu fugaces . . .!" III. Es vergingen viele Tage, ehe Gabriel sich wieder mit ungeteilten Gedanken seinem Studium hingeben konnte. Mit zäher Hartnäckigkeit lebte die Furcht noch fort in ihm, wie^bei Menschen, die aus einer Feuersbrunst sich gerettet, während andere Bewohner bei der Katastrophe umgekommen waren. Sehr oft fuhr er im Schlafe plötzlich wild empor, um sich die Frage vvrzulegen, ob der Vorgang bei dem Präfekten wirklich stattgefunden habe, oder ob er nur eine neckische Einbildung seines überreizten Gehirnes sei. Und auch als die Wirklichkeit sich nicht mehr hinwegleugnen ließ, da schreckte ihn wieder bas Schuldbewußtsein seiner niedrigen und feigen Gesinnung gegen Baruch. Er konnte den Gedanken nicht von sich weisen, daß sein damaliger heroischer Entschluß, das eigene Schicksal mit dem des Freundes zu verbinden, doch wohl nur Lug und eitel Selbsttäuschung gewesen. Er konnte es sich nicht verhehlen, wie hohl und aufgeblasen seine ganze Art gewesen, als er sich zu einem Opfer fähig hielt, groß genug, um sich mit den historischen Trägern todesmutiger Freundschaft auf die gleiche Stufe zu stellen. Wie denn, wenn Baruch ihn damals beim Wort genommen? Hätte seine Freundschaft auch da die Probe bestanden? Würde er sich nicht da als Egoist vom reinsten Wasser entpuppt haben? Baruch hatte ihn sicherlich durchschaut und, um den äußeren Schein zu wahren, jede innere Seelengemeinschaft mit ihm abgelehnt . . . Gabriels Grübeleien steigerten sich nach und nach zur Filrcht und Verzweiflung, und er glaubte sich vom Geschick zu unheimlichen Taten ausersehen, da er ja schon den ersten Schritt zur Sonnenhöhe über die Leiche der Iugendfreundschaft machen mußte. Mit geteilten Empfindungen ging er zum Baron, um seine Dankbarkeit abzustatten. Er wurde sehr höflich, ja sogar wohlwollend empfangen. „Ich muß jeden Tank meinerseits entschieden ablehnen," sprach der Präfekt lächelnd; „wäre es nach mir gegangen, so hätten Sie nicht ein Atom mehr Rücksicht als Ihre Kameraden erfahren. Ich will Ihnen jedoch gestehen, daß mir Ihr mänistiches Aufbrausen sehr gut gefallen hat. Daher muß es für einen Mann von Geist in der Tat gallenbitter sein, sein Geschick der Laune einer Frau danken zu müssen, und sei diese noch so liebenswürdig oder der Gewinn noch so groß. Wenn Sie daher meinen Rat befolgen wollen, dann gehen Sie zu meiner Frau und schütten Sie die Schale Ihres Zornes über sie aus, damit sie sich in Zukunft etwas mehr Zurückhaltung in Staatsangelegenheiten auferlege." Gabriel befolgte den Wink. Er ging aber nicht zur Baronin, sondern stattete ihr seinen Dank schriftlich ab, ohne dabei in den Fehler süßlicher Schmeicheleien zu verfallen. Aber er besaß doch so viel Eitelkeit, um im stillen die schwache Hoffnung zu hegen, mit einer Antwort ihrerseits gewürdigt zu werden. Und wirklich traf — wenn auch erst nach einigen Wochen — ein Brief der Baronin ein. Sie entschuldigte ihre verspätete Antwort mit einer längeren Reise und mrt der Nachlässigkeit der Dienerschaft, die es verabsäumt, ihr feinen Brief nachzusenden. Als Zeichen seiner Vergebung, aber auch um eine bessere Bekanntschaft herbeizuführen, bitte sie ihn, nächsten Montag zu einer Tasse Tee, en famille — bei ihr zu erscheinen. Gabriel hatte diese Epistel schon sechsmal gelesen, immer aber hielt er die ganze Sache noch für einen schlechten Scherz. Das elegante Papier, dem ein feiner Duft entströmte, die goldene Krone in der Ecke, es stand doch im schreienden Widerspruch mit allem, was sein Auge jetzt traf- Er, der gesellschaftlich Ansgestoßene, der arme, verachtete Jude — mit der vornehmsten Familie Odessas auf Besuchsfuß stehend! Freilich hatte er bisher auch schon manches Wohlwollen, manche Hilfeleistung erfahren, dennoch schwindelte es ihm bei dem Gedanken, in dem ersten Salon der Stadt sich zu bewegen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sich soweit gesammelt hatte, um eine zusagende Antwort schreiben zu können. Mit laut pochendem Herzen machte er sich zur bestimmten Stunde auf den Weg. Er war sich darüber klar, daß ihm die Umgangsformen jener Kreise ganz und gar abgingen; aber andererseits wußte er auch, daß das Haupterfordernis des guten Tones die Bescheidenheit sei. Und diese half ihm auch über die erste Befangenheit hinweg, als er sogar noch zwei fremde Damen bei der Baronin antraf. Bei seinem Eintreten sah er den Baron abseits sitzen, als beteilige er sich nicht an der Unterhaltung der Damen, während die Baronin ihn freundlich lächelnd begrüßte. „Ich freue mich herzlich, daß Sie gekommen sind," sprach sie zu ihm. „Unsere Verwandten haben uns auf ihrer Durchreise überrascht und sie werden sich ebenfalls freuen. Sie kennen zu lernen." „Die Freude ist ganz meinerseits," erwiderte Gabriel, doch ein wenig eingeschüchtert. Die Baronin half ihm aus der Verlegenheit, indem sie mit einem mißbilligenden Blick zu ihrem Manne sprach: „Sergi, hier ist Herr Schmulikof. Erinnerst du dich noch seiner?" Gabriel ging schnell zu diesem hin. Der Präfekt konnte ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken, als er Gabriels kardialen und treuherzigen Händedruck verspürte. Der Judenjüngling scheint sich in seinem Palais schon ganz heimisch zu fühlen!- Gabriel bemerkte oder verstand diesen Gesichtsausdruck nicht und wendete sich der jüngeren der beiden fremden Damen zu, die schon beim ersten Blick seine ganze Aufmerksamkeit gefesselt und deren forschendes und durchdringendes Auge er auf sich gerichtet sah. Das Mädchen erweckte in ihm wieder ein befremdliches, unbehagliches Gefühl, wie er es schon früher irgendwo empfunden hatte, eine unangenehme Erinnerung, deren Ursprung er aber vergeblich zu ergründen suchte. Wo hatte er nur dieses Mädchen schon früher gesehen, wo war es ihm nur entgegengetreten? Die Baronin unterbrach ihn in seinem Nachdenken. „Herr Schmulikof, gestatten Sie, daß ich Ihnen meine Verwandten vorstelle: Frau Gräfin und Komtesse Torakow!" Gabriel verbengte sich und atmete frei auf. Gott sei Dank, sein Verstand hatte nicht gelitten und seine Furcht, daß er Gespenster sehe, war unbegründet! Seine Denkkraft war ganz normal. Ja, er hatte dieses Mädchen schon früher gesehen, er kannte es sogar schon sehr lange. Die Unterhaltung wurde allgemein, und es entging Gabriel nicht, wie froh seine Gönnerin war, als er sich im gesellschaftlichen Fahrwasser nicht als stümperhafter Schwimmer zeigte. Er bemerkte wohl die triumphierenden Blicke, die sie ihrem Gatten znwarf, die dieser lächelnd erwiderte.

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