Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1916)
- Date
- 1916-03-24
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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141 die besten Bemühungen der Deutschen trafen nur auf störrischen Trotz und taube Verstocktheit. Nachum Hornstein, der Händler, saß und sann. Er gehörte zu den angesehensten Mitgliedern der kleinen Gemeinde, und darum war er mehrfach auserwählt worden, mit den Deutschen, die jetzt Herren in, Stadt und Land waren, zu verhandeln. Die Deutschen trieben keinen Raubbau mit dem Hab und Gut der Juden. Die Deutschen boten den Juden neue, unerhörte Gerechtsame, die förmlich an Freiheit und bürgerliche Gleichheit gemahnten. Das Ohr des Nachum Hornstein nahm die seltsame Botschaft auf; der Mund des Nachum Hornstein gab sie weiter; aber die Seele des Nachum Hornstein rang in schweren und unentwirrbaren Nöten. Gott, der ernste und strenge Gott, der feine Hand gehalten über den Kindern Israels, als sie in Aegypten und Babylon frondeten, der gewaltige Gott, dessen höhere Ehre jüdische Männer und Frauen mit ihrem Blut erhärteten und allenthalben auf Erden durch den Dienst des alten Bundes beglaubigten: dieser Gott hatte den aus der Heimat vertriebenen Söhnen Judas geboten, demütig zu leben in „Golus" — in der fremden Knechtschaft. Bis es dereinst Gott gefallen würde, sein Volk zurückzuführen auf die verlorene Erde, auf daß sie wieder grüßen dürsten das heilige Salem, die Fürstin unter den Städten. In der Knechtschaft zu leben, als Knecht sich zu fühlen, war Gottes Befehl. Und Gottes Befehl hieß Ehre und Freude zugleich. So wenigstens dachten die Frommen in Gott. So dachte Nachum Hornstein. Er wußte es nicht anders: Die von Gott gebotene Knechtschaft war -der Stolz des Stammes aus dem Samen Jakobs — Jakobs, der mit feinem Gotte Brust an Brust gerungen hatte — war die Würde, der Lebensgedanke und die Heiligung des Volkes, das so häufig und vielerorten zu Tod oder Siechtum verurteilt ward und das doch unsterblich war, eben durch seinen heiligen Gedanken. Der Gedanke adelte das Volk; der Gedanke adelte den einzelnen. Die Knechtschaft war das Herrentum des Nachum Hornstein. Das fühlte er, so wahr ihm Gott helfen würde in seiner letzten Stunde. Nun aber kamen die Fremden, die Deutschen und sprachen von Freiheiten und Rechten, von Aufklärung, Bildung und Unterricht. Aus ihren Augen leuchtete Güte und die Freude am Schenken. Und dennoch hatte Nachum Hornstein sich und sein Volk noch nie so gefährdet gefühlt wie jetzt, wo man ihm und den Seinen ein neues Leben schien eröffnen zu wollen. Von Freiheit sprachen jene. Wohl . . . aber sein Gott hatte von Knechtschaft gesprochen. Knechte — Knechte der Menschen, aber im Dienste Gottes — waren sie und mußten sie bleiben, bis Gott selbst sie erlösen würde. Als man dem Nachum Hornstein das lockende Bild der Bürgerfreiheit zeigte, war ihm, als wolle man ihm seinen Gott rauben. Da schrak er zusammen, schrie auf und flüchtete vor der Versuchung und den Versuchern. Und wie er tat, taten viele seiner Brüder. In enger, lichtloser Gasse kauerten sie beisammen, die Frömmsten der Gemeinde, unter ihnen Nachum Hornstein, und murmelten die Gebete, die vorgeschrieben waren bei schwerer Gefahr. Stunden und aber Stunden kauerten sie und beteten. Beteten um das Glück, treue Diener Gottes, unerbittliche Hüter des Gesetzes bleiben zu dürfen. Religiöser Starrsinn errichtete Mauern um ihre Köpfe; frommer Wahn hieß sie wüten gegen das eigene Wohl. Sie übten Widersetzlichkeit gegen die neuen Machthaber, in der Vorstellung, Gott den Gehorsam zu wahren. Sie meuterten gegen die Menschen, um nicht abzufallen von Gott. Als die neuen Gebieter bei dem hartnäckigen Hausen mit Güte nichts zu erreichen vermochten, als sie sahen, daß ihre Wünsche an dem stummen Trotz verbissener Eiferer zerschellten, entschlossen sie sich zu unnachsichtiger Strenge. Sie wünschten nicht mehr, sie befahlen. An Stelle der Langmut trat die Strafe. Als der Klügsten, aber der Widersetzlichsten einen traf empfindliches Los den Nachum Hornstein. Als er aber in Fesseln vor seinen Richtern stand, Urteil und Verurteilung zu empfahn, hob sich zum erstenmal sein traurig lastendes Lid. Und aus dem mistenden, von vielen Tränen verdunkelten Auge schoß ein feurig zuckender Strahl. Die Ketten! Die Ketten, die Nachum Hornstein trug, gaben ihn: seine Kraft, seinen Stolz, seinen Glauben zurück. Denn die Kette — Sinnbild der Knechtschaft — war ihm das Wahrzeichen seiner Gotteskindschaft. Der Russe hatte sein Leben bedroht, der Pole sein Gut. Wohlan — er hatte es getragen. Im Namen Gottes! Als aber der Deutsche ihm Freiheit und Aufklärung verhieß, fühlte er sich von Gottes Thron verstoßen und ward erst in Wahrheit zum Bettler. Die Deutschen verstanden das stille Leuchten nicht, womit Nachum Hornstein seine Strafe erlitt. Doch als sie die finstere Schar seiner Stammesbrüder gewahrten, die sich nnentknüuelbar ineinander vernestelte, beschlich sie dumpfes Ahnen. Langsam dämmerte es den fremden Eroberern, daß dieses zähe und verhärmte Volk nur zu gewinnen lind zu fruchtbarer Mitarbeit zu erziehen wäre, wenn man den Umweg über dieses Volk Gottes erwählte. Kräfte, die allsolange in Gott g e - Kunden waren, konnten auch nur durch Gott ent Kunden werden. Zwischen dem Märtyrer von gestern und dem freien Mann von morgen klafft ein breites Heute. Bisher hatten die Nachum Hornsteins nur verstanden, im Dunkel zu sterben und ihrem Gott noch für solchen nächtigen Tod zu danken. Daß man auch im Lichte leben könne, würden sie erst zu lernen haben. Und gelehrig würde nur der sie finden, der sie zu lehren vermöchte, daß auch das neue Gesetz ihres Seins den Willen ihres Gottes verkörpere. Dann erst werden die Nachum Hornsteins das tausendjährige Kleid der Knechtschaft von sich werfen und werden emporwachsen in die Würde freien, wirkenden Menschentums. Und die Deutschen gingen hin und gaben ihnen die Schulen wieder, sie zu lehren Thora und Talmud . . . Auge um pugr. Russischer Sozialroman von M. P u l v e r m a n n. (Fortsetzung.) ein, mein Söhnchen! So ist es nicht gemeint. Du wirst überhaupt nicht zum Bahnhof mitgehen," sprach er entschieden; „das wäre ja ein köstlicher Anblick, der seine Student in der stattlichen Uniform und der zerlumpte Arbeiter mit dem Bündel auf dem Rücken . . ." „Baruch, warum peinigst du mich so? Warunr sprichst du so zu mir? Ist es denn meine Schuld, daß ich . .." „Daß du Glück hast? Gewiß nicht! Aber deine Schuld ist es, daß du ein Narr bist, der sich vom Augenblick Hinreißen läßt und überall eine Szene machen will. Bist du schon von Sentimentalitäten so vollgepfropft und sollen diese durchaus zum Durchbruch kommen, dann wähle wenigstens einen Ort, wo du, weniger das Beifallsklatschen des spottlustigen Pöbels heraussorderst. Und so lange ich noch hier bin, will ich auch auf deine Würde achten, da ich selbst keine eigene mehr habe, die einer Achtung bedarf, oder, nach Ansicht der russischen Machthaber, einer solchen wert ist.-Also, mein Söhnchen, kein Bahnhof für dich! Ein herzhafter Händedruck hier und damit fertig." Und so war es auch; Gabriel ging nicht zum Bahnhof. Er verstand Baruchs Gedanken- Baruch war klug und praktisch, und wollte kein unnötiges Märtyrertum auf sich nehmen. Er wollte es vermeiden, den Freund als lebendiges Denkmal