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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-24 · Heft 12 (24.3.1916) · p. Seite 140

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 12 (24.3.1916)
Date
1916-03-24
Page
Seite 140 (sequence 8)
Language
German
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140 Feiertagen nicht genügen, wird der Bau weiterer Synagogen nach dem Kriege unbedingt geboten sein/ Solange aber der Krieg dauert, gilt es auch für die Gemeinde in erster Reihe, die Ausgaben zu bestreiten, die für unsere tapferen Soldaten und deren Angehörige erforderlich sind. Die Gemeinde hat große Summen hierfür ausgewendet und außerdem 25 000 Mart an das Rote Kreuz für Verwundete, 60 000 Mark an die Ortsgemeinden zur Unterstützung der Angehörigen der Kriegsteilnehmer, 25 000 Mark an den Jüdischen Volksverein zur Unterbringung der Flüchtlinge in der jüdischen Herberge und 29 000 Mark für Feldrabbiner beigetragen. An den vier Kriegsanleihen hat sich die Gemeinde mit 5 300 000 Mark beteiligt. Von der Kriegshilfskommission der Gemeinde wurden an Barunterstützungen bis jetzt 240 000 Mark an die durch den Krieg betroffenen bedürftigen Glaubensgenossen bezahlt, und die Zahl der Bittgesuche beträgt bereits an 14 000. Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese großen Aufwendungen den Haushaltsetat der Gemeinde sehr belasten werden. Aber der Vorstand hat damit der Ehrenpflicht genügt, die an ihn gestellt worden ist, und verdient volle Anerkennung für alles, was er geleistet hat. Möge uns recht bald ein ruhmreicher Frieden beschieden sein, dann wird es wieder möglich werden, den Haushaltsetat der Gemeinde in der gewohnten Weise aufzustellen. Diesmal steht er unter dem Zeichen des Krieges und bietet nur ein unvollkommenes Bild, das aber trotzdem klar zeigt, daß die Berliner jüdische Gemeinde in einem stetig fortschreitenden Wachstum sich befindet. lßnrchtr. Vön Doris Wittner. In dem Keinen Hause der Gläsestraße zu Wiliampol bei Kowno ist aus Veranlassung der deutschen Behörden die Talmudschule wieder eröffnet worden. Der Ortskommandant und der Kownoer deutsche Oberbürgermeister, ein Feldrabbiner und der Kownoer Rabbiner hielten Ansprachen. Zahlreiche höhere Offiziere und Beamte wohnten der Feier bei. Zeitungsmeldung. 3n der kleinen polnischen Stadt saß Nachum Hornstein, der Händler und sann. Nachum Hornstein trug an einem zweifachen Wesen. Er war ein tüchtiger und gewiegter Geschäftsmann, nicht ohne jene List und Verschlagenheit, die eine lebenslängliche Erfahrung des Versolgtwerdens den Polnischen Juden gelehrt hat. Aber er war gleichzeitig ein sehr frommer und gottesfürchtiger Mann, der inbrünstig dew Buchstaben des Gesetzes hütete, jenes Gesetzes, das seine Vorväter als einzigen Trost aus der Heimat in die Verbannung gerettet hatten. Gott war der Feiertag des Nachum Hornstein. Und der hielt streng und unerbittlich auf seinen Feiertag, wiewohl er darob den Alltag nicht vernachlässigte. Den Alltag, -der da Kampf hieß, bedrückt, ausgesaugt und beschimpft werden, aber auch sich schadenfroh ins Fäustchen lachen, wenn es Nachum Hornstein gelang, einen seiner Peiniger am Narrenseil zu führen, Hoffart mit Klugheit zu vergelten, einen, der ihn Hund schalt, „gnädiger Herr" anzuveüen, diesen „gnädigen" Herrn aber dabei um etliche Rubel zu übervorteilen. Lange ehe der Weltbrand über die kleine polnische Stadt dahingerast war, wußte es Nachum Hornstein nicht anders, als daß Leben ewiges Kriegführen heißt, in dem jede Waffe zulässig ist, wenn sie nur die eigene Sache schützt. Nicht umsonst war Nachun Hornstein Sproß eines Stammes, dessen Schicksal nie etwaanderes war als Selbstverteidigung, Behauptung der Schwächeren gegen den Stärkeren. Nachum Hornstein trur in seinem Blut das Wissen, daß in solchem Kammpf die unheiligsten Mittel heilig werden. Wenn Nachum Hornstein den Menschen gegenüberstand war sein Rücken immer krumm, sein Auge verschleiert, unte: schweren Lidern lauernd. Trat Nachum Hornstein aber seinen Gott gegenüber, so war seine Haltung frei und aufrecht, blicktjein Auge klar und sonder Arg. Vor den Menschen trug e die Maske gemeinen Packs, zu der ihn Menschen — aucl Menschen — gezwungen hatten und hinter der er ängstliü jeden verräterischen Zug eigener Menschlichkeit barg. Vo: fernem Herrn aber bekannte er sich ohne Furcht zu dem adliger Antlitze eines, der geschaffen ward zum Ebenbilde Gottes Daß Nachum Hornsteins Seele Gott diente, ermöglichte e- Nachum Hornsteins Leib, die mannigfachen Schläge und Püffe Härten und Ungerechtigkeiten auszuhalten, die der Dienst der Menschen mit sich brachte. Die schwere Not des Krieges war über die kleine polnische Stadt dahingefahren, hatte ihre Mauern bersten und ihre Fenster erblinden heißen und hatte in die Brust ihrer ohnedies scheuen und weltfremden Bevölkerung das Grauen gepflanzt. Der Moskowiter, üppig, lasterhaft, herrschgewohnt hatte seinen harten Fuß auf den demütigen Sklavennackei der armen kleinen Stadt gesetzt und hatte mit seinem Tritt zermalmt, was ihm Hemmnis dünkte. Polens Stolz und nationaler Fanatismus war über das klägliche kleine Gebilde hinweggebraust, nicht achtend, daß er es verschlang. Und jetzt hielten deutsche Wucht und deutscher Ordnungssinn ihre eiser nen Hände über der traurigen Siedlung, deren Herzschlm stockte. Noch ängstlicher und scheuer denn vordem schlichen di- Stammesbrüder des Nachum Hornstein durch die schmutzige« Straßen, in denen feldgraue Tüchtigkeit sich emsig entfaltete Man begegnete Nachum Hornstein und seinen Glaubens genossen freundlich, mit überlegener Güte. Das machte sie mißtrauisch. Die Sprache achtungsvoller Menschlichkeit waren sü nicht gewöhnt. Darum hielten sie das Wohlwollen für einei Vorwand, dahinter sie neues und größeres Uebel witterten als sie bisher erfahren hatten. Der Russe und der Pole hatte«' die Knute, womit sie wehrlose Köpfe und Schicksale bedrohten öffeu gezeigt. Ihr Hochmut hatte sie vor Scham bewahrt. I« der deutschen Hand war keine Knute zu sehen. Und also wuch der Argwohn der Juden. Sie fürchteten den Stoß von hinten da sie dem Lächeln von vorn nicht glaubten, nicht glaube« konnten auf Grund einer leiddurchpslügten Vergangenheit vor mehreren Jahrtausenden. Immer erstaunlicher wurden darum die Krümmungen ihrer Rückenwirbel, immer unterwürfiger de' singende Ton, womit sie Rede und Antwort standen, imme spähender der Blick, den sie zu den Fremden hinüberschossen Die Deutschen sprachen mit den Juden der kleinen polnische: Stadt von Pflichten. Das verstanden die Juden. Sie nickten gestikulierten, eiferten und erhitzten sich. Aber sie begriffen und waren ganz bei der Sache. Dann sprachen die Deutschen mu den Juden der kleinen polnischen Stadt von Rechten und Freiheiten. Da duckten sich die Juden, verstummten, krochen verstört in sich zurück und waren wie tückische, bockige Tiere. Denn nun verstanden sie nicht. Mit einem polnischen Jude«: von Recht und Freiheit sprechen, war es Hohn oder Aberwitzi Qualen — ja, daran waren sie gewöhnt von alters her. Auch zum Gespött zu werden, gewiß, auch das! Aber die Lächerlichkeit, die ihnen heut aufgebürdet werden sollte, schien anderer Natur als die so lang gekannte und an ihnen allen erprobte. Und darum stand etwas auf in ihnen und wehrte sich. Und K^ai

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