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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-24 · Heft 12 (24.3.1916) · p. Seite 138

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 12 (24.3.1916)
Date
1916-03-24
Page
Seite 138 (sequence 6)
Language
German
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138 li '1 jS«-. M „Diuferinnen im Streit" der Meinungen mehr aus den Zeugnissen des Alltags, wie Zeitungen usw., im breiten Publikum kennen mag. Es dürfte der jungen Frau, die vor weit mehr als einem Menschenalter aus Hannover, wo sie einem alten guten Hause Levh entstammte, nach dem stolzen Mannheim übersiedelte, um daselbst als Ehefrau des Großfabrikanten Alfred Lenel in eine der angesehensten, eingesessenen Mannheimer Familien einzutreten, gar nicht leicht geworden sein, in sich und in ihrer neuen Umgebung die scharfen Unterschiede zwischen Nord und Süd zu überwinden. Daß diese Unterschiede nicht zu Gegensätzen wurden, daß vielmehr die junge Nordwestdeutsche, ohne von ihrem angeborenen Naturell Entscheidendes aufzugeben, in das ungewohnte „Milieu" immer wärmer hineinwuchs, um schließlich eine alte Mannheimerin und als solche jetzt bei ihrem zu frühen Tode von allen, die sie gekannt, wehmütig betrauert zu werden — -das spricht für den hohen Verstand und das zum Wohle der Gesamtheit opferwillige Gemüt der Verblichenen, die trotz aller Anpassungsfähigkeit ein in sich fest verankerter Charakter war und blieb. Sie begleitete von Anfang an die industrielle und die Wohlsahrtstätigkeit ihres Gatten eben nicht nur als seine Hallsehre, sondern wirklich als seine „bessere Hälfte", das ausgedehnte Schaffen des Mannes in Wohltätigkeit und auf mancherlei charitativen Gebieten ergänzend oder gleichsam wcttmachend. Sie bereitete und genoß ein echtes und rechtes Familienglück im engsten lind weiteren Kreise und starb, am 13. Dezember 1015 irn 61. Lebensjahre sanft entschlumernd, als Gattin, Mutter und Großmutter empfindlich beklagt. Beklagt aber im weitesten Maße — und nur dies begründet doch den Anlaß öffentlicher Trauerworte — von schier zahllosen Menschen, die unmittelbar oder mittelbar die Güte ihres Herzens, die Tatkraft ihrer Ueberzeiiguiig entschiedener sozialer Hilfstätigkeit am eigenen Leibe gespürt hatten. Allerdings hat sie sich lim den Frauenverein Mannheim mit seinen vielerscits ausgreifenden -Bestrebungen überhaupt beträchtliche Verdienste erworben. Und so widmete denn auch als dessen Beirat Oberamtmann Eckhard an der Bahre nachdrückliche Worte des Gedenkens und des Dankes. Ihr ersprießliches Wirken erstreckte sich jedoch vornehmlich nuf die Volksküche, und zwar formell als Vorsitzende der eben der Volksküche gewidmeten Abteilung 6 des Frauenvereins. Nicht lange ist es her, seit cs Frau Lenel vergönnt war, in diesem Ehrenamt das Silberjubiläum feiern zu können, bei welcher Gelegenheit ihr viele Ehrungen, -darunter auch solche vom badischen Fürstenhause, zuteil wurden. Was sie für die drei städtischen Volksküchen in 26 Jahren erreicht, wurde damals lind am Sarge dankbarst gewürdigt. Ungemein segensreich wirkte sie auch als Vorsitzende der von ihr gegründeten Abteilung 7 des Frauenvereins, die der Heranbildung weiblicher Dienstboten gilt. Auch in -dieser Eigenschaft ries ein beauftragter Redner der Toten nach, lvelch liebevolle Fürsorge sie lange Jahre diesem Unternehmen geschenkt. Außerdem hatte sie im Jahre 1898 die Abteilung Mannheim des Vereins Frauenbildung-Frauenstudium mitgegründet und war bis zuletzt deren eifriges Vorstandsmitglied. Den mannigfachsten Seiten der modernen Frauenbewegung — den Bildungssragen, Frau Life Lenel. der Gestaltuilg der Frauenberufe, den sozialen Forderungen — ihnen allen schenkte sie ihre lebhafte und innige Anteilnahme. Treueste Hingabe weihte sie dem Mannheimer Vereinsverband, jenem stattlichen Zusammenschluß von über 70 Frauenvereinen aller Bekenntnisse, Richtungen und Schattierungen zu gemeinsamem Vorgehen. Wenn auch gewiß keine Draufgängerin, kein radikales Ueberweib, keine Wortfüherin einer Emanzipation der umgekehrten Welt und um jeden Preis, so hielt sie doch nie mit ihrer vollen Ueberzengung zurück, die Notwendigkeit ftufenmäßigen Aufstiegs des deutschen Weibes der Gegenwart ernstlich zu betonen. In allen diesen Kreisen wird natürlich Life Lenels Persönlichkeit, Art und Tun unvergessen bleiben. Ihre sanfte Milde, im richtigen Augenblick gepaart mit Entschiedenheit, mit der sie den als recht und nötig erkannten Zielen entgegenstrebte, errichtete ihr in den Herzen ihrer Mitarbeiterinnen ein sicheres Denkmal. An ihrem Geleit auf dem letzten Gange beteiligten sich genug Frauen, denen sie Mitstrebende im Wunsche nach Hebung ihres Geschlechts gewesen. Aber unter diesen und der großen Schar von Freunden, die sich zur Bestattung am 1-7. Dezember versammelt hatten, standen viele, denen andere verborgenere Seiten ihres Wesens nahelagen: da waren vor allen diejenigen, welche ihrer privaten Güte linendlich viel an Stütze und Förderung verdankten. Da erfuhr man aus halblauten Gesprächen, ivie die stille Wohltätigkeit dieser edelmütigen Frau säst noch reicheren Samen ausgestreut hatte, als was, gutenteils ivider ihren Willen, die Welt sehen konnte. In diesem Sinne schrieb eine Zeitung über den langen Chor der Leichenreden: „Aber nllr ein Teil des Wirkens dieser innerlich so reichen Frau wurde hier geschildert." Es darf als ein Stolz des Judentums gelten, daß das Endergebnis eines solchen Erdendaseins über die Schranke der Konfession hinausreicht, innerhalb deren der Einzelmensch aufwächst lvie durch einen Zufall. So reihte stch denn auch an die einleitende religiöse Ansprache des ehrwürdigen StadtrabbinerS Tr. Steckelmach-er Lvbesred-c auf Lobesrede aus dem Munde Andersgläubiger, die sich in ehrenden und in Ruhmeslvorten fast zu überbieten suchten.« Männer und Frauen, denen die Verstorbene nahegestanden, mit denen sie treue Freundschaft und aufrichtige Arbeitsgemeinschaft verknüpft hatte, lauschten andächtig diesen Hymnen. Darauf versank der Sarg, von ungezählten Kränzen geschmückt, unter Tränen vieler Fernstehenden, die mit Life Lenel wohl nie eine Silbe gewechselt hatten, und die Feucrflamme nahm an sich, was irdisch und sterblich war an dieser reichgesegneten Erscheinung. Christliche Federn in sämtlichen Tagesblättern Mannheims haben über ihre großartige Totenfeier ausführlich und ehrenvoll berichtet und stellten das allgemeinste Bedauern über das Ableben Frau Life Lenels fest. Kann man sich einen bei aller Kürze schöneren Nekrolog denken als den Satz in der literarisch ersten Mannheimer Zeitung: „Mit der Verstorbenen wird eine vornehm gesinnte, stets hilfsbereite Bürgerin unserer Stadt zu Grabe getragen"? Und auf denselben Akkord gestimmt sind die Nachrufe, mit denen sämtliche ernst zu nehmenden publizistischen Organe unserer jetzt so bunt in Anspruch

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