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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-24 · Heft 12 (24.3.1916) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 12 (24.3.1916)
Date
1916-03-24
Page
Seite 137 (sequence 5)
Language
German
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137 Zn England hat eine große Volksversammlung unter dem Vorsitz des Lordmayors von London stattgefunden, in der der ungeheure Kampf, der jetzt geführt wird, von seiten unserer Feinde als ein Kampf fürs Recht bezeichnet wurde, der so lange ausgefochten werden müsse, bis „der Sieg zum Besten der Menschheit" gesichert sei. In einem Briese Balfours wurden die großen Ideale vorgesührt, die man sich vor Augen halten müsse, und danach ergriffen die Vertreter der verschiedenen Konfessionen das Wort. Darüber meldet die „Vossische Zeitung": Der B i s ch v f v o n W r n ch e st e r führte aus: Wie verabscheuenswert der Krieg auch sei, so dürste ein großer Krieg wie der jetzige, wenn das Land sich stets sein hohes Ziel vor Augen halte, ein für die kommenden Geschlechter segensreiches Vermächtnis hinterlassen. Der australische Oberkommissar Fisher erklärte, die selbstregierenden Dominien seien dem Mutterlande zu Hilfe gekommen, rlnd sie seien entschlossen, jedes Opfer zu bringen, um den Krieg zu gewinnen. Der Feind müsse nicht wegen der Beute besiegt werden, sondern weil das Recht es so verlange. Fisher fuhr fort: „Wir wollen nicht siegen, um das deutsche Volk zu vernichten, das die Freiheit liebt, aber unfrei ist und von der Tyrannei befreit sein möchte, sondern um ihm und allen anderen Völkern zu helfen, die Welt so zu organisieren, daß die, die in Frieden und Ruhe unter dem eigenen Feigenbaum zu leben wünschen, dies auch tun können, ohne daran gehindert zu sein." Er hoffe, daß die Zeit nicht allzufern sei, wo die Nationen so organisiert sind, daß eine eroberungssüchtige, tyrannische Nation vereinsamt bleibt und genau so behandelt wird wie ein Wahnsinniger. .Ein neuer Himmel, eine neue Erde würden nach diesem Kampfe erstehen. Im N a m e n de r jüdischen Gemeinde sprach der O b e r r a-b i n e r , im Namen der Katholiken Monsignore Bickerstafse für die Bewegung. Es ist nötig, diese Zeugnisse englischer Heuchelei sich vor Augen zu halten. Denn wie hoch die Engländer diese von ihnen so laut gepriesenen Ideale bewerten, wie ihnen in Wirklichkeit der Begriff völlig abgeht, für das Recht und die Freiheit, für die Not und das Elend tätig zu sein, geht aus folgender Notiz hervor, die, wenn sie auch aus einem antisemitischen Blatte, der „Deutschen Tageszeitung", stammt, wegen der Quelle, aus der sie entnommen ist, wohl als wahrheitswürdig bezeichnet werden kann. Sie lautet: Rotterdam, 13. März. Dem „Nieuwen Rotterdamschen Courant" wird aus London gedrahtet: Die egl g l i s ch e Regierung hat beschlossen, daß die aus Galizien nach "Rußland entführten Juden nur die Rechte von Kriegsgefangenen besitzen und ihnen durch die jüdischen Unterstützungskomitees nicht geholfen zu werden braucht. Daher werden die als Kriegsopfer gesammelten Gelder nicht für die Juden aus Galizien verwendet werden. * Um mit einem friedlichen Bilde zu schließen, sei der „National-Zeitung" folgender Bericht entnommen: Nathan der Chochem vün Lessing. Geheimrat Siegmund L a u t e n b u r g s Gastspiel im Warschauer Deutschen Theater hat eine originelle Besprechung gefunden. Das im jiddisch-deutschen Idiom erscheinende „Warschauer Tageblatt" erstattet über sein Auftreten folgenden Bericht, den wir im Wortlaut wiedergeben. Dus klassische Werk „Nathan der Weife" ün ihr Hauptheld Nathan hobben auf die Bretter vün deitschen Theater gefünnen an nemunes (wahrhaft) k i n st l e r i s ch e Verkerperung. Geheimrat Siegmund Lautenberg Hot mit san Art Spielen, Denken ün Jberlegen beschaffen den scheinen kligsten Jid in ganz Jeruscholajim (Jerusalem), bei welchen jede klennste Bewegung schmeckt, mit Ueberlebung, Ansgehaltenheit und Jischuw Hadaaß (Erfassen des Dinges, stilgerecht). Un so ist gewesen wirklich ä geistiges Vergniegen zu fitzen im Theater, ün zü sehen den Jiden fün Mendelssohn Zoten, welcher red^t sich obenauf, ün ist bekauach (imstande) zü bezaubern mit seinem klaren Denken dem eisernen Tempelherrn — der Christ ün dem srümmen Sultan — der Muselmänner. A' herrlech Bild is gewesen die Szene, wenn Nathan derzeihlt dem Sultan sau Muschel (Beispiel) mit'n Keenig ün sane 3 Sihn. Euch Frau Margarethe H a g e n hot in der Rolle „Daja" glenzend erfiehlt den Willen fun den Mechuber (Autor). Fün die ibrijen Rollen ist kedai (zum Beispiel) zü dermnhnen dem „Derwisch" (Herr Erich P r u ß) ün dem Kleusterbrrder (Herr Fritz S ch a f e ). Zü eintönig ün ibertrieben ist gewe'en Herr Walter Hauser in der scheener Rolle sün „jünge Tempelherr", ganz schwach in ihr Nolle ist gewe'en Nathans Adoptivtochter Recha. Düs Theater ist gewe'en iberfüllt. Llne Jüdin als Vorbild deutscher weiblicher tzilkstätigkeit unlerer Leit. s gibt wohl fmtin eine zweite Großstadt im deutschen Paterlande, wo der israelitische Bruchteil der Einwohnerschaft nicht bloß zahlenmäßig, sondern auch nach Art und Gewicht ihrer anerkannten sozialen Bedeutung eine solch unbestrittene maßgebliche Rolle spielt wie in der größten und führenden Stadt des sogenannten „liberalen Musterländles" Baden: in Mannheim. Es ist hier nicht der Ort, auseinanderzusetzen, warum das weder in Berlin, Breslau, Posen, noch in Frankfurt a. M. oder in Hamburg — andere Städte dürften nicht in Frage kommen - - der Fall ist, warum es wohl in einer altpreußischen Stadt gar nicht der Fall sein kann. Mannheim, der gewaltige Verkehrs- und Geschäftsmittelpunkt Südwestdeutschlands, ist viel mehr als ein Klein- Frankfurt und auch, ja vielleicht gerade in der Stellung seiner Judenheit, keineswegs ein Abklatsch der größeren, lauteren und in der Welt berühmteren so naheliegenden alten Reichsstadt, welche nicht nur die Antisemiten oft genug als Nen-Jerusalem bespöttelt haben. Und wie sich das nach Goethes Vers in „Hermann und Dorothea" „freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist", ans seiner günstigen Spitze zwischen Rhein und Neckar nach eigenem Stil entwickelt und im öffentlichen Leben, neuerdings auch auf verschiedenen Gebieten der Kunst selbständigem Geschmack nachhängt, so wußte es gerade auch in den beiden Punkten, die hier enger angehen, Unabhängigkeit zu wahren: nämlich betreffs des gesellschaftlichen Ranges und Einflusses seiner Judenschaft einerseits, der neugeistigen Frauenbewegung anderseits. Damit haben wir eigentlich schon im allgemeinen die Hanptursachen vorweggenommen, welche in dieser relativ reichsten Stadt Deutschlands (sie beherbergt sogar absolut die meisten Millionäre) einer auf gemeinnütziges Eingreifen angelegten Jüdin den Boden bereiten und ebnen. Die gebildeten und bemittelten Mannheimer Juden ragen durch Wohlhabenheit, Gemeinsinn, Bildungsstreben und Bildungslust, vorbildlichen Anteil an philanthropischem Wirken jeglicher Art und musterhafte moralische Haltung nachdrücklich hervor, und so errangen aus ihrer Zahl nicht wenige aus den verschiedensten Feldern heutiger weiblicher Fürsorgearbeit einen allsichtbaren Platz. Als drei Damen Weitestbekannten Namens aus der Gegenwart stehen hier: Frau Bassermann geborene Ladenburg (die Gattin des nationalliberalen Parteiführers), Alice Bensheimer, Selma Wolfs-Jaffe. Neben diesen braucht die Heldin unseres folgenden Gedenkblattes keineswegs in den Schatten zu. rücken. Ja, ohne den drei Angeführten irgend zu nahe zu treten, die hingebungsvolle glänzende Wirksamkeit Life Lenels muß zum mindesten ebenbürtig an der Seite der mehr im Lichte der öffentlichen Aufmerksamkeit sich vollziehenden Arbeit jenes öfters zusammen genannten Trios erwähnt werden, wenn man nicht gar die Leistungen der unlängst verstorbenen edlen Frau nach Fülle und Tiefe höher bewerten will als die solcher ihres Geschlechts, die man als

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