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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-24 · Heft 12 (24.3.1916) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 12 (24.3.1916)
Date
1916-03-24
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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Sodann berichtet die „Vvssische Zeitung" aus England: Der konservative Schriftsteller Kennedy führt in einer Zuschrift an die Wochenschrift „Nation" aus, daß die britische Armee um eine halbe Million vermindert werden müsse, damit die industrielle Produktion Englands in den Grenzen fortgesetzt werden könne, die die wirtschaftlichen Aufgaben während des Krieges erheischen. Kennedy schreibt, in den wesentlichen Industrien herrsche seit Monaten Mangel an Arbeitern Fabriken im Binnculandc seien außerstande, ihre R o h st o f f e aus den Häfen und ihre Fabrikate nach den Häfen zu befördern. Besonders groß sei der Mangel an Kohlen. Die Aersuche, ungelernte Arbeiter einzustellen, seien mißglückt, weil es nicht möglich war, sie in kurzer Zeit anzulernen. Wenn durch eine übertriebene Vermehrung der Armee Industrie und Finalen Englands z e r st ö r t würden, müsse der K r i e g z u e i n e in plötzlichen Ende kommen. Tatsache sei, daß England noch mehr auf seine Industrie, Finanzen und Flotte angewiesen sei als auf seine Armee. Die Grenze sei bereits überschritten. England habe voin rein militärischen Gesichtspunkte aus zu viel unternommen. In D eutschland ist man hoffnungsfreudig und siegeszuversichtlich. Wenn diese Nummer unseres Blattes erscheint, ist der Endtermin zur Zeichnungder viertenKriegsa n l e i h e gerade abgelaufen, es ist daher unmöglich, unseren Lesern noch in dieser Nummer über das Resultat bestimmte Zahlen anzugeben. Nur kann man nach den bekannt gewordenen Mitteilungen über die Riesenzeichnungen großer Institute und Privater und nach den an der Börse und in Bankkreisen laut gewordenen Schätzungen jedenfalls von einem Erfolge sprechen. Ein solcher Erfolg würde nicht bloß dazu dienen, unser Selbstbewußtsein zu stärken, sondern würde auch ein Mittel sein, das Märchen von der Erschöpfung Deutschlands in den Augen unserer nicht völlig verblendeten Feinde zu zerstören, und müßte ihnen die Augen öffnen, daß Deutschland nicht bloß mit seiner Militärmacht den vereinten Anstrengungen der Feinde gewachsen ist, sondern daß auch seine Finanzkraft trotz der ganz ungewöhnlichen Opfer, die ihr zugemutet werden, ungebrochen und unerschöpft ist. In der russischen Duma ist weiter gelegentlich von jüdischen Dingen die Rede. In einer Debatte über die Pressezustände führte, wie die „Frankfurter Zeitung" berichtet, im Anschluß an einen Zusatzantrag der Kadetten, daß die Sprache der Veröffentlichungen nicht zum Vorwand zu deren Unterdrückung dienen dürfe, B o m a s ch (Progressist). aus, durch das Zirkular vom 18. Juli 1915 seien sämtliche Veröffentlichungen in jüdischer Sprache verboten worden, insgesamt sieben Tageszeitungen, zwei Wochen- und zwei Monatsschriften. Schon im vorigen Frühjahr seien im Militärbezirk Kiew alle jüdischen Blätter unterdrückt worden, in Odessa außerdem die hebräischen Veröffentlichungen. Schon seit Kriegsanfang sei der Briefwechsel in jüdischer Sprache nicht erlaubt worden. Somit sei der gesamten jüdischen Bevölkerung von sechs Mllionen das Sprachrohr genommen worden. Im vorigen November sei in Petersburg die Neugründung einiger jüdischer Zeitungen zugelassen worden, aber alle seien kurz darauf wieder geschlossen worden. Selbst Zitate in jüdischer Sprache in russisch gedruckten Blättern, wie in der ersten Nummer des Organs für die Flüchtlingshilfe, hätten entfernt werden müssen. Irgendein besonderer Grund zur Unterdrückung habe in keinem Falle Vorgelegen. Der einzige Grund sei der Antisemitismus gewisser Persönlichkeiten sowie dunkle politische Motive. Aus Grund seiner Ausführungen und die einiger anderen Abgeordneten, die sich auf die ukrainische Presse bezogen, gelangte folgende von den Semstwo-Oktobristen vorgeschlagene Formel bezüglich der Kriegszensur zur Annahme: „Die Reichsduma fordert die Regierung aus, alle Maßnahmen zu ergreifen, daß sich die vorgekommenen Mißgriffe nicht wiederholen und den Ortsbehörden bestimmte Anweisungen erteilt werden, ihre außerordentlichen Vollmachten bezüglich der Pressezensur nur auf die dringendsten Fälle zu beschränken." Ebenso gelangte folgender Zusatz der unabhängigen Gruppe zur Annahme: „Die Reichsduma fordert die Regierung aus, um die Bevölkerung unnötig beunruhigende Gerüchte zu vermeiden, alle diejenigen Kriegsereignisse, die nicht direkt Kriegsgeheimnisse sind, sowie auch alle das innere Leben des Reiches betreffenden Ereignisse zur allgemeinen Kenntnis zu bringen." Daß auch außerhalb der Duma freie Stimmen in Rußland möglich sind, beweist folgende Meldung des „Neuen Wiener Journals": Stockholm, im Mörz. In der Zeitschrift „Jewrejskaja Nedjelja" veröffentlicht Maxim Gorki einen offenen Brief, in dem es heißt: „Ich begreife, daß der Jude Grund hat, dem Nüssen zu mißtrauen. Wir Russen haben uns eben etwas spät an die Erörterung der Frage von der Gleichberechtigung der Juden herangemacht. Doch die Erklärung dafür ist einfach: Sind wir doch auch mit der Fürsorge für uns selbst 31t spät gekommen! Das Leiden ist schändlich und muß anfhören! Dies ist das Losungswort derer, die nicht heucheln wollen. Unsere Aufgabe ist es, alle Kräfte auf den Kampf gegen die Bedrückung der Menschen zu konzentrieren. Der Russe ist em vernünftiges Wesen. Jetzt wird er doch endlich verstehen, daß auch die Juden russische Bürger sein können. Ich verhehle mir nicht, daß der gewinntebende faule russische Industrielle in der Absicht, sich vom deutschen Kapital zu befreien, in die Hände des britischen geraten ist. Vielleicht lernen wir endlich, daß die russische Industrie in jüdischen Händen immerhin eine russische sein kann, während sie in den Händen der Engländer und Amerikaner bestimmt eine englische oder amerikanische ist. Diese Erkenntnis ist nötig, wenn wir nicht wünschen, daß Amerikaner und Briten mit unseren produktiven Kräften, von deren Anspannung jetzt so viel gesprochen wird, Raubbau treiben . . ." * Hebet die kleine an der Jkwa gelegene Stadt Dubno, die ganz nahe dem Kriegsschauplatz liegt und beständig von den Russen beschossen wird, wird von der „Berliner Morgenpost" eine ausführliche Schilderung mitgeteilt, in der es über die Juden folgendermaßen heißt: Sauber und friedlich waren die Häuschen mit ihren Veranden und Obstgärten, wirklich lieb und heimisch. Jetzt fliegen täglich Granaten hinein. Rechts das Haus ist einmal gewesen. Links das Haus kehrt den Fußboden zu oberst. Herrgott, ist es denn möglich, daß aus dem Haus in der Mitte ganz ruhig im Feiertagsputz und mit netten Kopftüchern zwei Dubnoer Judenfräuleins hervortreten! Aber wenn man in diesen stillen zerfleischten Straßen gleich hinter der Flußfront ein wenig stehen bleibt, sieht man mit tiefem Staunen, daß das Leben in ihnen noch keineswegs erloschen ist. So lebt ein Ameisenhaufen weiter, wenn der Stock eines boshaften Tierquälers darin herumgewühlt hat. Ich glaube, die Naturforscher haben aus diesen Tatsachen gefolgert, daß die Ameisen keine Vernunft, sondern nur tierischen Instinkt besitzen. Zwanzig, dreißig Schritte von den großen Schnittlinien des Todes werden in Dubno nette, kleine Häuschen von netten, kleinen Leuten, bewohnt. Von den Einwohnern, die im Frieden da waren, ist jeder Dritte geblieben. Bon ganz gewöhnlichen Menschen in einer ganz gewöhnlichen Stadt hat sich jeder Dritte daran gewöhnen köllnen, daß mitten in seine tägliche Existenz mit Granaten hineingeschossen wird. Jeden Tag beschießen die Russen diese Stadt, und man kann nicht einmal sagen, es sei gegen das Völkerrecht, denn durch die Stadt läuft ja die Front. Und man lebt werter in Dubno. Am Abend gibt es auf der H a u p t st r a ß e einen K 0 r s 0. Das muß in netten Provinzstädten so sein. Manchmal fliegt — huiiih —- mitten in den Korso ein Geschoß hinein. Dann kreischen die Fräuleins auf, und alles rennt nach Hause und sperrt die Türen zu. Es hat doch jeder so das Gefühl, daß einem in einem lieben, bürgerlichen Zuhause einfach nichts Arges geschehen kann. Nur jeden Tag gibt's rnindestens ein Haus weniger. Der Oberarzt, der urit mir geht, führt mich zu den Sehenswürdigkeiten. Der jüdische Tempel, der einmal so schön war. Haben die Russen ihn etwa absichtlich zerschossen? Vielleicht nicht, aber die russische Kirche steht jedenfalls noch mit ihren glänzenden Lwiebeltürmen. Ufr

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