Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1916)
- Date
- 1916-03-24
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
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-- *86 Leben ist deshalb das ureigenste Gebiet unserer Gemeinschaft. Sie ist sich dessen in ihren schlimmsten Zeiten bewußt gewesen und darf sich auch heute nicht von dem Boden entfernen, der allein ihr Kraft imb Dasemsrecht gibt. Wohl erstreben wir physische Kraft, aber nur so weit, als sie als Voraussetzung ititb Grundlage alles Lebens nötig ist. Sie ist uns nicht Selbstzweck, sondern steht im Dienste eines höheren Seins. In der harmonischen Durchdringung beider Seiten des Lebens, der körperlichen und der geistigen, darin liegt die Kirnst bewußter Regenerationsarbeit. Es würde zu weit führen, wollte ich die einzelnen -lusgaben auch nur skizzieren, die die Besiedelung des Landes der jüdischen Gesamtheit zuweist. 9litt eins möchte ich seiner Bedeutung wegen nicht unausgesprochen lassen: daß närnlich die Neubesiedelung des Landes durch unsere Glaubensgenossen die Seßhaftigkeit oder die Erhaltung der schon bestehenden jüdischen Landgenreinden mit innerer Konsegrrenz fordert. Ihr Bestand ist bedroht. Der Krieg legt dem einzelnen hohe Steuerlasten auf und die Ausgaben für Schule und Gotteshaus werden unerschwinglich. Eine Abwanderrrng der jüdischen Massen nach der Stadt und damit eine Auflösung der Gemeinden scheint nicht ausgeschlossen. Für die jüdische Gesamtheit ergibt sich die unabweisbare Pflicht, diese Gemeinden lebensfähig zu erhalten. Solange es rrns an einer umfassenden Gesamtorganisation fehlt, wird in dem Haushaltungsplane unserer Großgemeinden die Sorge uni die Erhaltung unserer Kleingemeinden in einem bestimmten Prozentsatz des Steilerbudgets ihren zahlenmäßigen Ausdruck finden. Ihre Begründung aber findet diese Ausgabe nicht in der wirtschaftlichen Not der Landgemeinden, sondern in dem zielbewußten, planvollen Handeln hu Dienste der Stammesrcgeneration. Diese Auffassung allein'verbürgt den Erfolg, sowohl hier als auch in allen anderen Dingen, die unseren Blick ans das Land lenken. Jede andere Grundlage, die wir unseren Maßnahmen geben könnten, gefährdet die Erreichung des Zielen, das uns vorschwebt. Wer sich zu unserer Auffassung bekennt, der lebt im Ganzen llnd das Ganze in ihm. Darin liegt das Geheimnis des Erfolges. Sir Woche. Berlin, den 21. März llzuviel Neues hat der verflossene Zeitabschllitt nicht gebracht. Daß in unserem Verhältnis zu Amerika sich nichts geändert hat, darf man als ein günstiges Symptvrn betrachten. Denn wenn irgendwo, so heißt es in diesem Falle: Zeit gewonnen, alles gewonnen! In Amerika närnlich mehren sich die Stimmen derer, die einen Krieg mit Deutschland als etwas Entsetzliches erklären, imb in Deutschland macht sich die Erwägrlng geltend, daß Amerika, wenn auch als direkter Feind nicht furchtbar, um so weniger, als seine eigentliche, gegenüber den Zahlen der europäischen Heere ganz unbedeutende Kriegsmacht in den eben entstandenen Wirren mit Mexiko beschäftigt -und darum gegen uns kaum verwendbar erscheint, durch eine eventuelle Beschlagnahme der deutschen in Amerika stationierten Schisse uns für jetzt und später außerordentlich schädlich sein kann und eine feindselige Stimmung gegen Deutschland, die in Amerika allgenrein werden würde, recht viel Bedenkliches für die Zukunft gegen uns enthalten müsste. Vielleicht hängt, wie wenigstens viele meinen, der Rücktritt des Staatssekretärs von Tirpitz, des hochverdienten Leiters unserer Marineverwaltung, mit diesem Umschwung der bcutschen Stimmung gegen Amerika zusammen. Denn weit verbreitet ist die Auffassung, daß Tirpitz für eine überaus scharfe Fortführung des U.-Boot-Krieges unter Nichtachtung der amerikanischen Bedenken gewesen sein soll, während die Auffassung an Allerhöchster Stelle dahin geht, die amerikanische Empfindlichkeit zu schonen. Aber der Krieg geht weiter. Die Italiener haben an der Jsonzofront neue Angriffe versucht, die sämtlich blutig abgeschlagen worden find, so daß diese neue Offensive bereits abgeflaut, wenn nicht gänzlich eingestellt worden ist. Die Russen beginnen sich zwar wieder in der Gegend von Tarnopol zu rühren, aber ihre Angriffe sind nicht nur abgeschlagen worden, sondern kleine Vorstöße der k. u. k. österreichischungarischen Truppen haben einige erfreuliche Erfolge gehabt. Dagegen verlautet weder von den Ereignissen um V a l o n a noch um Saloniki irgend etwas Besonderes. In einer Unterredung des französischen Höchstkommandierenden mit dem König von Griechenland, über die die Zeitungen berichteten, ist eine Aeußerung des Franzosen bemerkenswert, daß Saloniki uneinnehmbar sei, und auf eine verwunderte oder zweifelnde Frage des Königs wurde ein Zugeständnis seitens des Franzosen gemacht, daß die allerschwersten Kanonen doch gefährlich sein könnten. Wir wollen einstweilen von diesem Zugeständnis Kenntnis nehmen und auch hier ruhig die Ereignisse erwarten, die hoffentlich geeignet sind, die im voraus seitens unserer Feinde verbreiteten Legenden Lügen zn strafen. In Frankreich schreitet der deutsche Siegeslauf fort; eine für unsere Truppen bisher als sehr gefährlich geltende Höhe „Der tote Mann" ist von deutschen Truppen im Sturm genommen worden (auch dabei kam wieder eine bedeutende Zahl 'unverwundeter Gefangener in unsere Hand), und die vielfachen Anstrengungen der Franzosen, wobei, wie die deutschen Truppen gezählt haben, bereits die 27. französische Division vergeblich eingesetzt wurde, haben nichts gefruchtet. Gerade die unerhörten Bemühungen der unerschrockenen und energischen Feinde, bei denen sie das Leben der Ihrigen nicht schonen, beweisen, mit welcher Aengstlichkeit und mit welchem Schrecken sie die von Erfolg gekrönten Fortschritte der Deutschen betrachten, wie sie alles daran setzen, die verlorenen Punkte wieder zu gewinnen, die sie dann freilich, wenn ihre Gegenangriffe gescheitert sind, als gleichgültig oder unbedeutend auszugeben pflegen. Auch die bitteren Klagen, die in französischen Zeitungen erscheinen, und die darauf hinausgehen, daß die Engländer, Russen urtb Italiener nichts tun, um durch ihre Angriffe die Deutschen zn beschäftigen und den Franzosen ihre Aufgabe zu erleichtern, weisen darauf hin, wie bedenklich den Franzosen ihre Lage erscheint. Auch in anderen Ländern mehren sich die Stimmen, die im Gegensatz zu der früher beliebten Behauptung, daß es mit den Deutschen zu Ende sei und daß der endgültige Triumph schließlich unseren Feinden gehöre, die Ueberlegenheit Deutschlands aufrichtig bekennen und von der eigenen gefährdeten Lage sprechen. Zum Zeugnis dieser den Feinden gewiß nicht leicht gewordenen Bekenntnisse mögen zwei Preßstimmen dienen. Zunächst meldet das „Berliner Tageblatt" aus Italien: Der „Avanti" stellt die seltsame Tatsache fest, daß in der gegenwärtigen Debatte sämtliche Redner, nnd zwar besonders gerade diejenigen, die sich bisher an gemeinen Beschimpfungen Deutschlands und deutscher Barbarei nicht gemlg tim konnten, Deutschland und die d e n t s ch e K r i e g s v e r w a l t u u g als vorbildlich darstellen. So besonders der Reformsozialist a n e p a , der den Ausspruch tat: „Wenn die italienische Demokratie ans Staatsruder kommt, muß sie den wirtschaftlichen und kommerziellen Organismus Deutschlands nachbilden." Ebenso äußerte sich P e r r o n e, der die Verwaltung D e n t s ch l a n d s als Modell für alle Staaten bezeichnete. „Und all diese Herrschaften", schreibt der „Avanti", „schrien gestern nach dem Kriege mit Deutschland."