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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-24 · Heft 12 (24.3.1916) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 12 (24.3.1916)
Date
1916-03-24
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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Vielleicht, daß dieser Gedanke auch bei den anderen der herrschende ist; nur setzt man die wirtschaftlichen Gründe voran, weil ihnen für das praktische Handeln eine größere Zugkraft innewohnt. Wirtschaftliche Gründe, darin liegt ihr Vorzug und ihr Gewicht, kommen den ursprünglichen, rein animalischen Trieben des Menschen entgegen, die auf Erhaltung und Entfaltung des Eigenlebens gerichtet sind. Und schließlich ist die Erhaltung der Art doch auch in den rein tierischen Trieben des Menschen begründet. Wirtschaftliche Gründe aber, und darin liegt ihre Gefahr, lösen den einzelnen von der Gesamtheit. Der Zweck des Handelns liegt in der individuellen Glückseligkeit und nicht in dem Wohlergehen und Heile des Ganzen. Die Rücksichtnahme auf dieses schwindet; rein egoistische Erwägungen treten an die Stelle sozialer oder national-ethischer. Darum kommt Gründen wirtschaftlicher Art bei Fragen, die die Gesamtheit angehen, nur eine sekundäre Bedeutung zu. Das Wohl des einzelnen und das der Gesamtheit bedingen oft verschiedenes -Sandeln, und auch in unserem Falle dürfte sich eine solche Divergenz ergeben. Die Realität der kommenden Dinge soll eine Abwanderung von der Stadt nach dem Lande begünstigen, vielleicht gar sie notwendig machen. Wie aber, wenn die Zukunft dennoch ein anderes Gesicht zeigte, als wir einnehmend Dann werden die Gründe, die wir so sehr betonen, ihre Wirkung verfehlen, und ihr Zweck bleibt unerreicht. Man kann jetzt schon berechtigte Zweifel in die Annahme sehen, daß die spätere wirtschaftliche Entwicklung denk Bewohner des Landes dem der Stadt gegenüber eine günstigere Position einräume. Mag auch der gegenwärtige Augenblick die Preise für die landwirtschaftlichen Produkte zu einer ungeahnten Höhe steigern; im allgemeinen lehrt die Erfahrung, daß das mobile Kapital des Handels im Verhältnis zu dem immobilen der Landwirtschaft sich rascher und stärker vermehrt. So war es, und so wird es bleiben; es müßte denn sein, daß unser ganzes volkswirtschaftliches System auf eine andere Grundlage gestellt wird. Gerade in der Großstadt bieten sich tausend Erwerbsmöglichkeiten, lind oft schon erklomm der Sohn des Landes eine Staffel des Reichtums, die ihm in seiner Heimat für immer unerreichbar geblieben wäre. Dann darf auch nicht vergessen lverden, daß noch andere Momente die Landflucht begünstigen. Der behagliche Lebensgenuß, den die Großstadt gewährt, die Bildungswege, die sie dem Strebenden erschließt, der Verkehr mit Gleichgesinnten, den sie ermöglicht, das alles lockte und wird auch in Zukunft den Dörfler und Kleinstädter immer noch locken, und es ist nicht einzusehen, aus welchen Gründen die Großstadt ihre Anziehungskraft verlieren sollte. Sie wird sie für die große Menge behaupten, solange wir das Glück des einzelnen als das Ziel unseres Strebens betrachten. Aber ganz anders gestaltet sich die Sache, wenn wir die Seßhaftigkeit unserer Glaubensgenossen auf dem Lande und den Zuzug neuer Kräfte dorthin im Interesse des Gesamtwohles fordern, und Gründe der Regeneration sind es, die allen anderen vorangestellt werden müssen. Man sage nicht, daß der Mangel eines starken Stammesbewußtseins die Wirkung dieser Gründe von vornherein illusorisch mache. Dieser Mangel kann durch bewußte Einwirkung gehoben werden. Warum sollte es denn ausgeschlossen sein, daß ideale, auf daS Gesamtwohl gerichtete Zwecke uns zum Sandeln bestimmen? Ist das Vaterland nicht auch ein idealer Begriff dieser Art? Und sehen wir nicht, daß im Kampfe für das Vaterland in Tausenden und aber Tausenden alle egoistischen Interessen schweigen und der Blick auf das Ganze gerichtet ist? Wir selber sind es, die durch die übermäßige Betonung wirtschaftlicher Faktoren die egoistischen Triebe großgezogcn haben. Das Heldentum unserer Tage beweist, daß trotz allem ein hoher. idealer Sinn in unseren Reihen steckt:'es bedarf nur des 9i I lasses, ihn zu wecken. I So hindert nichts, Gründe der Stammesregenerati» geltend zu machen, und wir werden sehen, daß sic gegenüb r den wirtschaftlichen Gründen ein bedeutendes Uebergewiez besitzen und nach den verschiedensten Seiten hin eine wei gehende Wirkung äußern. Wirtschaftliche Gründe wenden si (J in der Hauptsache nur an den wirtschaftlich Schwachen; J geben vor, der wirtschaftlichen Not zu steuern, und haben n > für einen eng begrenzten Teil der Bevölkerung Wert und B - deutung. Gründe der Regeneration dagegen wenden sich < u alle Schichten der Gesamtheit; der Beste ist gerade gut gem u an dem hohen Ziele der Erneuerung und Verjüngung sein o Stammes mitzuarbeiten. Wirtschaftliche Gründe heften de n! auf das Land Sinausziehenden den Armeleutegeruch an uv wandeln die im Interesse des Volkswohls wurzelnde Tat u einen reinen Wohltätigkeitsakt um, bei dem der Bewohner d Landes als der empfangende, der der Großstadt als der geben Teil erscheint. Im Lichte unserer Anschauung erscheint dG! Verhältnis gerade umgekehrt. Die nach dem Lande Abwa dernden leisten für die Gesamtheit bedeutend mehr als die in der Stadt ansässig Bleibenden. Sie sind die Pioniere ein." besseren Zukunft unseres Stammes. Im Dienste der Allg meinheit geben sie die Annehmlichkeiten der Stadt ans un > tauschen dafür harte, wenn auch kraftstählende Arbeit ei! Gründe der Regeneration räumen mit dem vermeintliche - Mehrwerte des Stadtbewohners auf. Tic Schranken des Vv Urteils fallen, Stadt und Land umschlingt ein Band, und d Erkenntnis bricht durch, die Stadt gehört zum Lande wie d. Land zur Stadt. Die Schranken des Vorurteils fallen und damit ein Hemn nis für den Zuzug bestimmter Kreise unserer Glauben genossen. Der jüdische Arzt, der jüdische Rechtsanwalt sii 1 in der Kleinstadt im Gegensätze zu früheren Zeiten seltene E scheinungen geworden, und die Annahme ist Wohl nicht unbegründet, daß an dieser Tatsache jüdisches und antisemitisch Vorurteil in gleicher Weise die Schuld tragen. Nach dn Meinung unserer großstädtischen Glaubensgenossen gelten dV Bewohner des platten Landes als minderwertig: der Lau arzt, der Landgeistliche, der Landlehrer, ilmen allen wird b< ■ Merkmal der Inferiorität aufgedrückt. Dabei vergißt ma daß ein großer Teil unserer Großstadtjnden, und sicher nie - der schlechteste, dem Lande entstammt, llm nur ein Beispi 1 von den vielen herauszugreifen: Gottfried Sender war r Kind des Dorfes. Aber nichts Inferiores haftet ihm an. 7 : der reinen Atmosphäre seines Vaterhauses wuchs er empe hier füllte sich seine Brust mit den Idealen, die ihn uns f: alle Zeiten vorbildlich machen werden. So zeigt sich au : hier die die Wahrheit verhüllende Macht des Vorurteils, ui fast möchte man es bezweifeln, ob jemals die Zeit kommt, i i der die Menschen reif sein werden, die Dinge so zu nehme . wie sie sind. Ein Manko freilich scheint dem Lande anzuhasten: d, ■ geistiae Leben pulsiert hier nicht in so raschen Schlägen wie ' der Großstadt. Aber auch hier läßt sich der Mangel hebe Geistiges Leben läßt sich überallhin verpflanzen und ist nie! an eine bestimmte Stätte gebunden. Was dem Wissen auf de> Lande vielleicht an Breite abaeht, das ersetzt es durch die Tief Wenn es aber wahr sein sollte, daß der Aufenthalt auf der Lande mit innerer Notwendigkeit eine Vernachlässigung geistige Lebens und Strebens in sich schlösse, so würde ich die Sau dazu bieten, daß auch der letzte Jude dein Lande den Rücke kehre. Jedes Volk lebt sein eigenes Leben. Worin das Eigen leben des jüdischen Stammes besteht, ist nicht zweifelhaft. Al Träger einer geistigen Idee, die die höchsten Fragen de Menschheit zum Gegenstände hat, geht er durch die Well geschichte und überdauert ihre wildesten Stürme. Geistige.

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