Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-24 · Heft 12 (24.3.1916) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 12 (24.3.1916)
Date
1916-03-24
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229245--72088-3284510
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

-0. Jahrgang Nr. 12 Berlin, 24. März 1916 eitung desAudentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s»pre',s: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. - Postscheckkonto 32*. Begründet von RabbinerDr. Ludwig PHMppson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fLr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Ströfje *6 *9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Tlttft&lf* Heber die Besiedelung des flachen Landes durch unsere yllljjlll« Glaubensgenossen. Von A. Neuhaus, Fritzlar. — Die W oche. Eine Jüdin als Vorbild deutscher weiblicher Hilfstätigkert unserer Zeit. Von L. F. — Der Hanslialtsetat der Berliner jüdischen 'Gemeinde. Von Benas Levy.— Feuilleton: Knechte. Von Doris B^ittner. — Auge um Auge. Russischer Sozialroman von M. Pulver- :>nann. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Berichtigung. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Danzig, Lissa i. Pr., Köln, Nürnberg, Straßburg, Lodz. — Von »lah und Fern. Äkder die Lrliedelmis des llachen Landes durch untere Gisubenssenollen. Von A. N euha u s, Fritzlar. ie Gegenwart mit allen ihren Erschütterungen hat unter Len Problemen, die sie zeitigt, auch das der Besiedeung des flachen Landes durch unsere Stammesbrüder auf- ,nutzen lassen. In eingehender Weise behandelt Dr. Cahn >as Thema in Nr. 45 dieser Zeitschrift in einem „unseren Mischen Mädchen gewidmeten" Aufsatze. In der Hauptsache geht Dr. Cahn in seinen Ausführungen wn rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten ans. Nur im Schlußsätze findet sich ein Hinweis auf die Regenerierung unseres Stammes, die die Ausübung des landwirtschaftlichen Berufes 'iir die Judenheit zur Folge haben wird. Wer das Problem etwas näher betrachtet, kann sich dem Gedankengange des angeführten Artikels nicht anschließen. In Wahrheit liegen die Ursachen, die eine Besiedelung des flachen Landes für unsere Glaubensgenossen ratsam und notwendig »'scheinen lassen, doch viel tiefer. Nicht wirtschaftliche, sondern hauptsächlich Gründe der Regeneration unseres Stammes sind für uns bestimmend, unseren Glaubensgenossen den Weg ins Freie, aus die eigene Scholle zu weisen. Die Geschichte aller Völker lehrt, daß die Bewohner der Großstädte in dem harten Daseinskämpfe viel eher verbraucht und aufgerieben werden als die Bewohner des Platten Landes, vier herrschen günstigere Lebensbedingungen, und so ist das .'and der Born, aus dem der verstechende Menschenstrom der Großstadt seine Verjüngung und Auffrischung erfährt. So fordert denn das ewig wirksame Naturgesetz eine Verpflanzung unserer Glaubensgenossen von der Großstadt auf das Land, um den jüdischen Stamm in sich stetig erneuernder Kraft und Frische zu erhalten. Aber das eine darf dabei nicht übersehen werden: die reine Lust des Landes entfaltet ihre volle Regenerationskraft nur in den Berufen, die rein und durchsichtig sind wie sie selber. Nicht als Träger der „haßbeladenen" Berufe möchten wir unseren Glaubensgenossen auf dem Lande sehen; als Herr seines eigenen Ackers, auf eigenem Grund und Boden arbeitend und schaffend, leistet er seinem Stamme den wertvollsten Dienst. Es ist charakteristisch, daß in den meisten Abhandlungen, die sich mit unserem Gegenstände befassen, das wirtschaftliche Motiv im Vordergründe aller Ueberlegungen steht. Das beweist, daß unser Blick mehr auf das Individuum als auf die Gesamtheit gerichtet ist. Die Sorge um die Einzelpersönlichkeit mag sich allenfalls in wirtschaftlichen Erwägungen erschöpfen; wo es sich um das Wohl der Gesamtheit handelt, müssen unsere Maßnahmen in anderem Gedankengange wurzeln. Die Pflege des Waldes beruht auf anderen Gesetzen als die des einzelnen Baumes. So sind auch die Lebensbedingungen der menschlichen Gemeinschaft auf anderen Grund gestellt als die der Einzelpersönlichkeit. Es scheint, als ob das in unseren Kreisen zu wenig beachtet würde. Denn es ist nicht immer wahr, daß ein Volk die Summe seiner Einzelmenscheu ist, und es ist noch weniger wahr, daß ein Volk sich in aufsteigender Linie befindet, wenn es dem einzelnen gut geht. Die Bürgschaft für die Zukunft eines Volkes hängt nicht in letzter Linie von dem materiellen Wohlergehen seiner Einzelglieder ab. In dem äußeren Reichtum einer Nation lag, wie die Geschichte lehrt, sehr oft der Keim ihres Verfalls. Auch selbst geistige Güter leisten keine Gewähr dafür, daß ein Volk sich dauernd im Fortgang der Geschichte behaupte. In der beständigen Wechselwirkung zwischen den einzelnen Schichten, in dem Auf- und Niedersteigen der einzelnen Volksgruppen, in der richtigen Verteilung zwischen Stadt und Land, in dem entsprechenden Ausgleich zwischen geistiger und körperlicher Arbeit liegen die Faktoren seiner ungestörten; Existenz. Der Staatsmann, der das eine auf Kosten des anderen bevorzugt, handelt den währen Interessen seines Volkes zuwider. Was aber für ein Volk sich als Lebensbedingung und Grundlage seines nationalen Seins erweist, gilt natürlich auch für die jüdische Gesamtheit. Wir verharren bewußt in ihr und wollen sie also erhalten wissen. Aber ihre Zukunft ist gefährdet. Es fehlt der richtige Ausgleich zwischen Stadt und Land, zwischen geistiger und körperlicher Arbeit. So wie der Einzelkörper sich nicht ungestraft gegen die leiblichen Daseinsbedingungen vergehen kann, so zeigen sich auch am Volkskörper bedenkliche Krankheitssymptome, wenn er sich über die Gesetze seines Physischen Seins achtlos hinwegsetzt. Diese Symptome sind leider in unseren Reihen vorhanden; sie fordern gebieterisch eine Umkehr unserer Lebenshaltung. Aber doch ist der Ernst der Sache noch nicht in seinem ganzen Umfange erfaßt. Das Wort „Regeneration" erscheint immer nur nebenher. Eine größere Bedeutung gewinnt es im Zionismus. Sein Ziel, das auf die nationale Selbständigkeit des jüdischen Stammes gerichtet ist, setzt ein an Geist und Körper gesundes Volk voraus. Man identifiziert sich nun durchaus nicht mit den letzten Zwecken des Zionismus, wenn inan mit ihm die Regeneration des jüdischen Stammes als i Zielrichtung der hier in Frage stehenden Bestrebungen auffaßt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.