Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1916)
- Date
- 1916-03-17
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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131 rechten Ort keineswegs abgeneigten Mann, verfaßte halb ernste, halb heitere Dramatisierung deS Estherbuches zur Aufführung zu bringen. Nach den meisten Rollen der ansprechend geschriebenen Haman-Tragikomödie herrschte eine überaus lebhafte Nachfrage; so hätten die Partien der schönen Esther und des wohlachtbaren Mordechai leicht zehn- bis zwölsmal besetzt werden können; weniger „gefragt" war die Partie der prüden Dame Vasthi, und auch um ihren ewig schmausenden und im Grunde wenig imponierenden Gatten erster Ehe, Ahasveros, riß man sich nicht gerade. Gegen die Darstellung des bitterbösen Haman aber sträubten sich alle jungen Herren mit Händen und Füßen. Von den hierfür ins Auge gefaßten Kandidaten entschuldigte sich der eine mit angeblich-plötzlich eingetretener Heiserkeit; der andere wollte nach kürzlich überstandener Influenza eine zurückgebliebene Gedächtnisschwäche bei sich bemerkt haben, der dritte mußte „voraussichtlich" am Aufführungstage verreisen und ein vierter erklärte, ihm als soliden Handlungsgehilfen der Seifen- und Fettbranche liege der persische Minister von Anno dazumal ganz und gar nicht. Diese Weigerungen hatten ihren Grund nicht nur in der allgemeinen Verachtung der boshaften und gehängten Exzellenz, sondern beruhten in erster Linie auf gewissen Eigenheiten des Stückes, dessen Verfasser, wie schon gesagt/ ein arger Schalk war. Als nun die Besetzungsnöte am größten waren und man schon fast verzweifelte, kam die Rettung unerwartet von gerade der Seite, von der man es am wenigsten gedacht hatte. Die Rettung hieß Otto Levi, Kohlen en gros aus Breslau! Das heißt, eigentlich besaß Ottos Vater in der schlesischen Hauptstadt die Kohlengroßhandlung; er selbst beschäftigte sich vorwiegend damit, den Sohn eines reichen Mannes zu spielen und mit dem allerdings in Kriegszeiten ganz besonders wichtigen Großhandelsbetrieb seines Papas, den er später „schneidig" leiten werde, zu renommieren. Der junge Mann war verschiedener lockerer Streiche halber vor etlichen Monaten von seinem erzürnten Erzeuger nach der mitteldeutschen Kleinstadt verbannt worden, um dort, wie er sich ausdrückte, den soliden Lebenswandel und die Geheimnisse der Buchführung und sonstiger Kontorkünste zu erlernen. In letztere weihten ihn mit großem Bemühen und vorläufig noch recht geringem Erfolge seine Oheime, F. S. MayerS Witwe seelige Erben, ein; zu. elfterem zwangen ihn einerseits die Verhältnisse der Kleinstadt an und für sich, andererseits die eventuell nach Breslau zu erstattenden Berichte, denen erhebliche Verkürzungen seiner Einkünfte, nämlich seines Taschengeldes, jedesmal auf dem Fuße folgten, wenn der liebe Otto einmal wieder den Großstädter gespielt hatte. Den jungen Leuten seines Alters war er im ganzen wenig symPathiD, dagegen hatte er, von Haus aus etwas zum Schwerenöter veranlagt und an sicheres, vielfach keckes Auftreten von Jugend an gewöhnt, bei den Damen einen Stein im Brett. Um jüdische Dinge, von denen er im Elternhause wenig vor sich sah, hatte er sich bis zum Ausbruch des Krieges fast gar nicht gekümmert; er hielt es törichterweise sogar für angebracht, bei jeder — mehr unpassenden als passenden — Gelegenheit mit seiner Unkenntnis auf diesem Gebiet zu prahlen, was ihm manche Zurechtweisung mit Fug eintrug. Doch bewährte sich auch bei ihm, wie bei so manchem seinesgleichen, der Krieg als Lehrmeister, der den Menschen zum Nachdenken über sich und sein bisheriges Leben und zum Umlernen veranlaßt; neuerdings war Otto sogar eifrig darauf bedacht, seine ungewöhnlich zahlreichen Lücken auf dem Gebiet des jüdischen Wissens und der jüdischen Sitten und Gebräuche nach und nach auszufüllen. Unter anderem hatte er sich aus einer öffentlichen Bibliothek sogar die elfbändige Geschichte der Juden von Graetz verschafft, mit der ehrlichen Absicht, Band für Band fleißig durchzuarbeiten. Doch war er über König Salomos Verhandlungen mit der interessanten Amtsgenossin aus dem Lande Saba noch nicht hinausgekommen. Die Geschichte des jüdischen Volkes von Salomo bis zur Gegenwart war ihm jedoch noch ein Buch mit sieben Siegeln und auch die Ereignisse in Susa und Umgegend im Jahre 474 und 473 und die sich daran knüpfenden Gebräuche der Juden des deutschen Mittelalters und der neueren Zeit waren ihm im großen und ganzen noch recht wenig vertraut. Diesen letzteren Umstand beschloß seine kluge Cousine Berta, im Stück „Madame Vasthi", mit arger List auszunutzen, um die schwierige Besetzungsfrage der Haman-Rollen elegant zu lösen. „Hör' mal, Otto," eröffnete sie mit der harmlosesten Miene von der Welt das von ihr wohlvorbereitete Gefecht, „du könntest mir einen großen Gefallen tun." „Gewiß, recht gern. Meine Herrin befiehlt und ihr Knecht gehorcht! Natürlich bekomme ich einen Kuß dafür!" „Na, ich werde es Manm sagen, die bezahlt ja doch in der Regel für mich. — Wie wäre es, wenn du in unserem Stück den Haman spieltest?" „Nischt zu machen. Kleine; so sehe ich aus! Der Haman ist doch der dumme Kerl, der allerlei ausgefressen hat und an den Galgen kommt, nicht?" „Na, Ottochen, daß sie dich nicht in persona auf der Bühne hängen, kannst du dir doch wohl denken. Als Breslauer Theaterstammgast weißt du doch, daß man heutzutage derartige grausige Moritaten höchstens hinter der Szene andeutet, z. B. mit einem dumpfen Fall oder Triumphgeschrei der fröhlich Hinterbliebenen." „Mag sein, aber ich meine mich dunkel zu erinnern, daß der Kerl Wichse kriegt; wir hatten in Breslau auf Tertia den Jungen vom Synagogendiener in der Klasse, der erzählte inal so was vom „Ha ma n-KloPfe n" . . .! „Ja, freilich, beim Verlesen der Megille machen die Kinder allerlei Spektakel mit Klappern und scharren auch wohl mit den Füßen; aber im Stück ist vom Klopfen bei Haman nur insofern die Rede, als jedesmal, bevor der hohe Würdenträger auftritt, der Persische Ober-hofmarschall mit seinem Stab ititf den Boden klopft. Das heißt ungefähr so viel wie: „Achtung, jetzt kommt ein großes Tier!" „Ganz egal, Cousinchen, die Sache reizt mich nicht; ich spiele keine Halunken. Da verzichte ich lieber aus den mir von dir großartig versprochenen Kuß — der Tante!" „Na, darüber ließe sich schließlich noch reden. Aber der wahre Grund, weshalb die anderen den Haman nicht spielen wollen, liegt aus einem ganz anderen Gebiet; die Nolle ist ihnen viel zu schwer." „So, da muß man also furchtbar viel auswendig lernen und gehörig proben? Das ist nichts für meines Vaters Sohn." „Nein, mein Lieber," log die schlaue Grete munter weiter daraus los, „wenn du nur ein ganz klein wenig mehr Bescheid im Jüdischen wüßtest, so wäre dir nicht unbekannt, daß der Haman kaum zwei- bis dreimal in einem Estherstück aufzutreten hat, nur ein paar Sätze sagt, schließlich vor der schönen Esther — übrigens Bella Stern, deine heißgeliebte Flamme! — einen Fußfall tut und ihre Knie zu umfassen sucht, was ihm bekanntlich schlecht bekommt, und daß er alsdann in den Kulissen verschwindet. Daß er nach seinem Abgang allerdings erfährt, er baumele, läßt sich nach dem Gesetz der geschichtlichen Wahrheit leider nicht vermeiden. Aber während man auf der Bühne deinen schnöden Tod am Galgen fröhlich feiert', sitzest du längst bei Mutter Stern hinter der zweiten Flasche Niersteiner und auf dem Stuhl neben dem deinen nimmt alsbald die schöne Bella, Exkönigin von Persien, Platz und singt das Lob ihres feurigen Partners."