Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1916)
- Date
- 1916-03-17
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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--130 dieser Stelle nähere Untersuchungen über den Ursprung der übrigen Bevölkerung anzustellen. Nur von den Griechen sei gesagt, daß sicher von hundert, die sich als solche bezeichnen, neunundneunzig gar keine wirüichen Griechen sind. Sie sind ein Beispiel sür das, was politische und Schulpropaganda aus dem Balkan auszurichten vermag. Die griechische Regierung hat hier Schulen und Kirchen errichtet, die wohl besser waren als die anderen, man fand einen ganz besonderen Stolz darin, sich mit dem Namen „Hellene" zu schmücken, und so kam es, daß mit der Zeit fast alle Kutzowallachen ihre Kinder griechisch erziehen ließen. Diese junge Generation spricht vor Fremden nur griechisch, dreht man aber den Rücken, so sprechen sie untereinander sofort wieder ihr Kutzowallachisch. Das ist ihnen doch noch immer geläufiger, und meistens verstehen die Eltern auch kein Wort griechisch. Vergebens sucht man bei diesen „Neu"-Griechen nach griechischem Typus oder Charakter. Sie sind eben Romanen und bleiben es, auch wenn sie griechisch sprechen. In der Hauptsache wollte ich über unsere jüdischen Glaubensbrüder von Monastir berichten. Sie sind wie fast alle Juden im Orient Abkömmlinge jenes stolzen, aus Spanien vertriebenen Geschlechts, die dann in der Türkei so überaus gastliche Aufnahme gefunden haben. Tie jüdische (Sephardim) Gemeinde Monastir zählt im Frieden etwa 7000 Seelen. An ihrer Spitze steht Herr Großrabbiner Dr. A. Benzion, ein Mann von reichem jüdischen und profanen Wissen. Er hat lange Jahre in Deutschland studiert und besitzt dort viele Freunde. Viel Schweres haben die Juden von Monastir erleiden müssen. Die Wunden der beiden letzten Kriege waren noch lange nicht verheilt, da brach der Weltkrieg aus und fügte den alten Leiden viele neue hinzu. Um so erstaunlicher und um so rühmenswerter ist das, was die Gemeinde geleistet, welche Opfer sie gebracht hat. Kurz vor dem Abzug der Serben ist die einzige moderne Synagoge unter unerklärlichen Umständen niedergebrannt, alle Thorarvllen und kostbaren Kultusgeräte waren verloren. Man erwartete schlimme Ausschreitungen, und, wer die Mittel hatte, floh nach Saloniki, um bei den dortigen Brüdern unterzukvmmen. Man kann es ihnen nicht verargen, daß sie, die die Schrecken dreier Kriege und dreimaligen Uebergang der Gewalt in andere Hände kennengelernt hatten, es vorzogen, den Frieden ans neutralem Gebiete abzuwarten. Es ist glücklicherweise nicht zu Ausschreitungen gekommen, wahrscheinlich, weil die Serben zu rasch fliehen mußten und nicht mehr die Zeit dazu fanden. Aber es blieb das Betrübliche, daß die Gemeinde auf diese Weise etwa 1000 Mitglieder und gerade die begütertsten verlor. Den Zurückgebliebenen, denen dadurch die besten Hilfsquellen entzogen waren, blieb die nun noch schwerere Last, den Armen und Hungrigen in ihrer Not beizustehen. Mehr als 450 Familien sind es wohl, die es nicht mehr vermögen, sich aus Eigenem zu ernähren. Viele Männer sind im serbischen Heere gefallen, viele als Invaliden heimgekehrt, und vielen ist es durch den Stillstand des gewerblichen Lebens unmöglich gemacht, die Mittel aufzubringen, um die Ihren vor der bittersten Not zu bewahren. Das ist die große Zahl der Handwerker, Lastträger und kleinen Gewerbetreibenden, und, denkt man jetzt noch an die Witwen und Waisen, so kann man sich ein Bild von der schweren Aufgabe machen, die der Gemeinde erwachsen war. Ihnen allen hat die Gemeinde in echt jüdischer Weise geholfen. Jedem bedürftigen Haushalt wurden wöchentlich 5 Oka Mehl (1 Oka ---- zirka 1120 Gramm) zugeteilt. Kleider, Wäsche und Schuhzeug wurden ausgegeben. Etwa. 15 000 Francs wurden der Gemeinde von früheren Mitgliedern, die jetzt in Amerika leben, zur Unterstützung gesandt, da aber die Mehlausgabe allein schon eine wöchentliche Ausgabe von 1000 Francs erforderte, so reichte dieser Betrag nur. für etwa drei Monate, und dann war die Gemeinde wieder cur sich selbst angewiesen. Nun sind die Lebensmittel knapp und unbezahlbar teuer geworden, und, wenn nicht von außen Hilfe kommt, wird die Gemeinde bald am Ende ihrer Kraf! angelangt sein. Trotz aller dieser Schwierigkeiten hat die jüdische Ge meinde bei der Unterstützung ihrer eigenen Schutzbefohlenei nicht haltgemacht. Der Erfüllung jüdisch-menschlicher Pflich ten, die ihr der Krieg in erhöhtem Maße auferlegt hat, is sie unter Führung des'Großrabbiners Dr. Benzion in eine; Weise nachgekommen, die verdient, in den jüdischen Kreisei Oesterreich-Ungarns und Deutschlands rühmlichst bekannt z> werden. Unter den beim Rückzug der Armee Potiorek Ende 1914 ii die Hände der Serben gefallenen Kriegsgefangenen befandei sich auch viele jüdische Soldaten der österreichisch-ungarische! Armee. Sie wurden über das ganze Land verteilt. Die Ver mundeten kamen in Lazarette, die Gesunden ließ man öffent liehe Arbeiten ausführen. In hochherziger Weise hat sicl die jüdische Gemeinde der Gefangenen, die nach Monastn kamen, angenommen, der Großrabbiner und die Mitgliedei des Vorstandes haben sie in den Hospitälern und Unter künsten ausgesucht, haben sie seelisch und körperlich gestützt und so in diesen Armen, die Schweres erduldet hatten und nvc> erdulden mußten, neuen Lebensmut geweckt. Seit Anfang 1915 bis zur Befreiung im Dezember 191. hat die Gemeinde etwa 100 Kriegsgefangene, die ständig wech selten, mit wöchentlichen Geldbeträgen von durchschnittliei 5 Francs, mit Lebensmitteln, Kleidern, Wäsche und Schuh zeug unterstützt. Indem sie so die Not des Augenblick linderte, hat sie im Vertrauen auf eine baldige glückliche We» düng der politischen Lage sich selbst aller Barmittel beraub« und die verschiedenen Vereine zur Bekleidung und Speisuu, armer Gemeindemitglieder haben ihre ganzen Vorräte ge opfert. Es ist dies auch von amtlicher Seite lobend nu« dankend anerkannt worden. Nun ist die Not unter den Juden Mvnastirs groß, und di vorhandenen Mittel reichen bei weitem nicht mehr ans, all Hungrigen zu speisen, alle Bedürftigen mit der nötigste« Kleidung zu versehen. Aber groß ist airch das jüdische Her und die jüdische Nächstenliebe! Und so wird es wohl keine» Ziveifel unterliegen, daß die jüdischen Organisationen in de« Zentralländern im gegebenen Augenblick Mittel und Wegfinden werden, ihren bedrängten Brüdern in Monastir hilf reich die Hände zu reichen. Monastir, im Februar 1916. WM Was ist „lhaman-KIopfen"? Purimhumoreske von Alfred Mahler. ie jungen Damen und Herren der einige hundert Seele, zählenden jüdischen Gemeinde des Städtchens Kill hausen hatten sich zusammengetan, um auch heuer das schön; Purimfest, das, so Gott will, zum letzten Male die Bezeichnmu „Kriegspurim" trägt, in herkömmlicher Weise würdig zu be gehen. Nachdem man die im Felde stehenden Brüder und Detteri mit reichlichen Liebesgaben rechtzeitig bedacht hatte, wurde beschlossen, im Kaisersaäl die vom Rabbiner einer benachbarte, Stadt, einem grundgelehrten, aber schalkhaftem Humor an: