Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1916)
- Date
- 1916-03-17
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
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127 oie verwaist zurückblieben, werktätige Hilfe und warmherzige Teilnahme gehabt. Freilich — ob ihm das damals ein Opfer war? Ich weiß es nicht. Vielleicht war es ja auch, wie er es von dem öelden feines Romans erzählt, eine Art Selb st befreien g aus seelischer Not? Nun, wir dürfen nicht an das rühren, was dem Dichter heiligstes Erleben — bang gehütetes Geheimnis war. Das; wer fein Leben damals nicht frei geblieben ist von schwerer Enttäuschung und herbem Leid, das hat er uns selbst in üelen Gedichten ausgesprochen. Sein Herz hat sich wohl auch -inmal an eines gehängt, das ihm nicht gehören durfte oder nicht gehören wollte. Leid und Unrast sind in viele, viele Beese aus den früheren Mannesjahren des Dichters überzegangen. Fast durch den ganzen Band seiner „Neuen Gerichte" geht mit leisen Schritten ein stilles Entsagen, ein schmerzvolles Sichabwenden vom Glück. Loewenbergs Lyrik in'jener Zeit fehlt der fortreißende Rhythmus einer starken Leidenschaft, ja selbst der satte Ton einer tiefen reinen Trauer.!lnd was sich deshalb in jenen Jahren über das Reinlyrische erhebt, ist das Epische: die erzählenden Gedichte und Plaudereien; „An der Straßenecke", „De Wiepe bliwt stahn", ..Weihnachtsmarkt", „Berusia". Da, wo sich das Gefühl an einen fremden Gegenstand hängen konnte, da hat Loewenin'i'ij auch damals volle, kräftige Töne gesunden. Und noch in eine m spüren wir dies Sichlvsreißen und Freimachen, dies kraftvolle Tichaustönen: in seinen Kampsgedichten, in den Liedern „Aus jüdischer Seele". Wir hatten gesehen, daß das Leben unseres Dichters aus zwei Quellen gespeist wurde, die durch die blühenden Wiesen und grünen Felder seiner Jugend in zwei sanft dahinsließenden Bächen sich ausströmten. Jede von ihnen hatte ihn reich und glücklich gemacht. Und er hatte bisher nicht gewertet, welche von beiden ihm mehr gegeben, welche ihm die teurere war. Nun aber, in Hamburg, kam die Zeit, wo er sich mitten ins öffentliche Leben gestellt sah, wo das Gesäte Frucht tragen, wo die Bäche in seinem Leben ineinanderlließen sollten. Und nun gab cs für ihn mit einem Mal starke Wirbel und schäumende Schnellen. Er hörte Stimmen, die ihn; das Recht auf seine Liebe zum deutschen Volkstum befreiten wollten. Und mit der eigenen Erfahrung floß das schmerzliche Erleben anderer zusammen. Da erhob sich in Lvewenberg der Jude und wehrte sich in stolzer Empörung gegen Unduldsamkeit und Unrecht. Und er schuf eine Reihe tief ergreifender Gedichte, geadelt durch stammende Begeisterung und seine warme Liebe zum Judentum; zugleich aber auch durch treues Festhalten an der deutschen Heimat und die starke Bewunderung, für deutschen Geist und deutsche Art. Ihr könnt' mir das Gefühl nicht rauben, Das sreudigstolz die Brust mir schwellt; Trotz euer: Deutschland über alles. Ja, über alles in der Welt! Die „Lieder eines Semiten", die Gedichte „Aus jüdischer Seele", kann auch der nichtjüdische Leser nur mit tiefer Bewegung lesen. Und selbst der Fernstehende muß, wenn er ehrlich ist, bekennen, daß sie eine wackere Tat waren und ein Beweis kraftvoller Empfindung und tüchtigen Könnens. Und lrotzdem — ich glaube, keiner unter pns ist der Ansicht, daß gerade der Kampf aus Jakob Lvewenberg das Tiefste und schönste heraushölen konnte. Dazu ist seine Art denn doch nicht robust genug. Das Beben der eigenen Seele in Glück und Unglück, das Lauschen auf die Sprache eines Menschenherzens und die heimlichen Stimmen der Natur — das gab seiner Dichtung doch noch klangvollere Töne, noch sattere Farben, noch eigenartigeren Rhythmus. Und so meinte es das Schicksal gut mit ihm, daß es ihn freundlich an die Hand nahm und heraus aus dem Kampf und hin zu friedlich gedeihender Arbeit und zu dem reinen Herdseuer eines eigenen glücklichen Hauses führte. Schulmeister sein! Das wurde so recht der Segen seines Lebens. In eigener schnell ausblühender Mädchenschule nach eigenem Plan, mit ganz eigener Kunst Kinderherzen gewinnen, bereichern und lenken — das führte ihn über alles noch so herbe Leid, über alle Enttäuschungen und Kämpfe hinaus. Und wie er da Erfolg an Erfolg reihte, wie er seine pädagogischen Erfahrungen in prächtigen Büchern darlegte, so gewann er auch für seine Kunst einen neuen jungfräulichen Heimatboden. Wer kennt denn wie er die Kinderseele? Wer hätte wie er so fein und klug den goldenen Ueberfluß deutscher Dichtung für unsere Kinder auswählen können? Wer hätte wie er so gut und zart zu den Kleinen sprechen können: Kommt her, ihr lieben Kinderlein? Und dann seine Märchen, seine eigenen Verse von dem Kinde und für das Kind! Freilich, das waren wohl nicht mehr die Kinder seiner Freunde, die Kinder seiner Schule, für welche er die ersann. Das waren wohl schon die eigenen Kinder, die mit großen dunklen Augen auf den Vater blickten und ihn baten: „Lies doch, Vater! Erzähl' doch was!" Und dann kam es von seinen Lippen in so echtem, warmem Märchenton, wie ihn damals, in der Zeit verschnörkelter Kunstdichtling, nur wenige fanden. Jakob Lvewenberg aber war die Kunst des Märchenerzählens von der Märchenfee selbst in die Wiege gelegt. Und deshalb ist auch sein schönes Märchenbuch „Bittegrün" nicht nur ein Werk für kleine anspruchslose Leute. Und sein dramatisches Märchen „Rübezahl" ist ein Stück voll echtester Poesie. , Aus seinen Fahrten ins Kinder- und Märchenland befreite sich, wie ich schon sagte, der Dichter vollends von dem, was auf ihm gelastet hatte. Und als er dann drüben in Westfalen die Gefährtin seines Lebens fand, die zarte, liebliche, liebende Frau, da jubelte er auf vor Glück. Da strömte es wie'Sonnenschein in seine Verse: Juchhei! Ein Jubelruf ist erklungen. Der Frühling ist über den Zarin gesprungen Mit beiden Armen voll buntem Tand. Von seinem schimmernd grünen Gewand Blieb hier und da ein Fetzen schon hangen. Ein Mägdlein ist vvrübergegangen, Oder war's der Sonnenschein? Nun blüht's und leuchtet's in meinem Herzen Und stimmt in den hellen Jubel ein. -- Was mag da hangen geblieben sein? Und dann, als er neben ihr lveiterschritt, treu Hand in Hand, und als drei liebe klirge Kinder ihn umspielten, da hielt er oft sinnend an und dankte dem Geschick und lauschte fast ängstlich hinaus, ob nicht wieder das Leid und die Sorge kämen, um ihren Schleier über ihn zu werferr. Nun, die Sorge ist nicht ganz ausgeblieben. Aber das Leid hielt sich ihnr fern. Und auch die Sorge hat ihm nicht das Beste und Heiligste seines Lebens rauben können: die Harmonie in seinem Haus, den Gleichklang in seinem Innern. Seine Verse aber sind seitdem still geworden. Still und zart und sein. Er ist aufgestiegen vom malenden reicheren Wort zum schlichtesten Ausdruck seiner Empfindung. Soll ich nun noch erzählen, wovon er singt? „Im Strand korb" heißt so ein Gedicht: Mein Weib zur Seite, zur Seite mein Kind, Ich fühl' ihren Atemzug, Und vor mir spielt mit Welle und Wind Eine Möwe im leichten Flug.