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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-17 · Heft 11 (17.3.1916) · p. Seite 125

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 11 (17.3.1916)
Date
1916-03-17
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
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i nd daß ferner in dem Zirkular des Steuerdepartements geüigt ist, die Deutschen wollten die russischen Äecker verbrennen, uozu ihnen die Juden verhelfen sollen. Reben den großen und kleinen Nörgeleien gab die Verwaltung das Beispiel, einer Nichtachtung ihres eigenen Veri nechens. Erst wurden weite Landstriche den jüdischen lüchtlingen freigegeben, dann wiederum mußten ganze > ouvernements auf Befehl der Kriegsbehörden den Juden vor- ' ylossen bleiben. Verwundete Soldaten, Angehörige von ' riegern, die an der Front fechten, Gymnasiasten und Schüler, t e vom Tatjana-Komitee unterstützt werden, wurden aus Petersburg und Moskau ausgewiesen. Die Teuerung sollten i e Juden allein heraufbeschworen haben, und dafür setzte die; nerhörte Menschenjagd in Moskau ein, die von den Behörden ^billigt wurde. Aber zu derselben Zeit, als die russischen Schutzleutenicht iließen, daß jüdischen Flüchtlingen Lebensmittel dargereicht '. erden, wurden sie von russischen Frauen und von der russischen Jugend menschenfreundlich verpflegt. Die edle wlsftsche Seele des russischen Volkes mit ihrem gesunden! inpfinden begriff sehr wohl, daß die Juden nicht die Feinde es Vaterlandes waren, sondern bte ersten Opfer der feindchen Schläge. Auch die Semstwo, der Städtebund und die höchste Hilfsi' ganisation, das Tatjana-Komitee, sie alle machten keinen nterschied der Nationalität; und darin erblicken wir das uterpfand unserer helleren Zukunft, unserer Vereinigung iit dem russischen Volke, um Hand in Hand für das Vaterrnd zu kämpfen. * Endlich sei folgender Bericht aus der „Frankfurter Zeitng" abgedruckt, der, wenn er auch einige schon bekannte inzelheiten wiederholt, doch wegen seines ganzen Inhalts iwerkürzt wiedergegeben werden soll: Die r u s s i s ch e n I u d e n g r e u e l. New Dort, 3. Februar. In einem 40 000 Worte umfassenden Bericht hat das „American i*\vish Committee“ soeben das Erg. bnis seiner Untersuchungen der die entsetzlichen G r e u e l, die von den R u s s e n bei ihrem insall in Galizien und auch im eigenen Lande — in Polen verübt wurden, und auch über den Notstand der Juden in u in änien und Palästina niedergelegt. Die Hälfte der Juden t ganzen Welt, sieben Millionen, sind durch den Krieg direkt in Ütleidenschaft gezogen worden. Nieurals wurde eine gräßlichere irklage gegen ein Volk und eine Regierung erhoben, wie es hier gen die Nüssen geschieht. „Hunderte von jüdischen Orten sind von lsstschen Soldaten geplündert und in mutwilliger Weise niederwrannt worden", sagt der Bericht. „Tausende von Juden wurden s Geiseln weggejchleppt, ins Gefängnis geworfen oder aus die denscheinigsten Anschuldigungen hin getötet. Am hellen lichten Tage uirden Orgien vertierter Lust und entsetzlicher Martern gefeiert, lte und junge Frauen wurden auf öffentlichen Plätzen nackt ausezogen und mit der Knute gepeitscht." Unter den im einzelnen aufgeführten Ausschreitungen mögen fot- 'nde als typisch gelten: „In der Stadt Bohorodozany erschien im Januar 1915 eine bteilung österreichisck>polnischer Truppen, die Nahrung und Unter- Unft verlangte und deren Forderungen die Bewohnerschaft natürlich tsprechen mußte. Nach kurzem Aufenthalt verließ sie den Ort. Als r russische Kommcnidant in Stanislr.u von dem Vorfall hörte, nette er eine -aus Kosaken bestehende Strafexpedition nach chorodozanh. Alle jüdischen Frauen und Mädchen wurden aus een Verstecken hervorgeholt und aus den Marktplatz getrieben, wo e Soldaten sie zwangen, ihnen öffentlich unter freiem Himmel zu allen zu sein. Die Opfer wurden dann halbnackt und ohne Natzing mit der Knute nach St anis-lau getrieben, nachdem Bohorodozany igezündet worden war. In Szcerzec (Galizien) begossen russische Soldaten den Stadtat Jakob Mischel mit Petroleum und verbrannten ihn bei lebendigem eibe. In Dem bi ca überfielen Kosaken die Synagoge, in welche sich die Juden gerettet hatten, nahmen die Männer gefangen und vergewaltigten die Frauen. Diejenigen, welche zu entfliehen versuchten, wurden zu Tode geknntet." Der Bericht weist besonders mtj die Loyalität der jüdischen S o l d a t e n i m r u ) f i s ch e n Heere hin. Tausende junger Juden, die sich im Auslande die Kenntnisse anzueignen versuchten, deren Erlangung ihnen in Rußland verwehrt war, seien beim Kriegsausbruch als Freiwillige in das russische Heer eingetreten, aber es habe sich bald gezeigt, daß die Ketten, welche die Juden in Rußland niederdrückteu, keineswegs gebrochen seien. Im Gegenteil, die Reaktionäre, die in Rußland die Herrschaft führten, hätten offen erklärt, jetzt sei die Zeit gekommen, die Judenfrage nach der berüchtigten Formel Pobjedonoszews ans immer zu lösen. Unter der militärischen Verwaltung habe mau es in der Gewalt, mindestens ein Drittel der Juden zum U e b e r t r i t t zum orthodoxen Glauben zu zwingen, ein weiteres Drittel werde a u s w a n d e r n und der R c ft m ü s s e v e r n i ch t e t \v e r d e u. Der Bericht sagt auch, die Politik der Heerführer gegenüber den Polen habe in ungünstiger Weise auf die Juden zurückgewirlt. Die Polen seien die enfants gätes der Offiziere geworden und nicht wenige von ihnen hätten die Gelegenheit wahrgenvmmen, ans'persönlichen oder allgernein antisemitischen Gründen Juden als Verräter und Spione zu denunzieren. Man muß nicht denken, daß dieser Bericht nur die Unterschriften deutschfreundlicher Juden trägt, Oskar S. Straus, der sich unter den Unterzeichnern befindet, hat mehrfach erklärt, England kämpfe für die Sache der Zivilisation. Außer ihm sind unter den bekannteren Rinnen unter dem Dokument die der Herren Jakob H. Schiff, Julius Rosenwald, Cyrus Adler, Jakob H. Holländer und Cyrus L. Sulzberger zu finden. gskob Lmwenberg. Von A. F. Ger,h a r ö1). akob Loewenberg hat über sein Leben und Dichten selbst \ den Leitsatz geschrieben. Sein Roman, in dem. er so viel von eigenem inneren Erleben niedergelegt hat. trügt den Titel: „Ans zwei Quellen". — Ans zwei Quellen strömten ihm „die Wasser des Lebens" zu: aus der deutschen Welt, die uns alle umhegt und die ihm sein Heimatdorf und srohe Jugendgespielen und später Reisen, Kunst und Wissenschaft erschlossen, und ferner und im besonderen aus dem Judentum, das ihm Glauben. Elternhaus und Familienleben umschloß. Jakob Loewenbergs Vaterhaus stand in einem westfälischen Bauerndorf. Und das ist bedeutsam gewesen für sein ganzes Leben. Wenn auch sein Vater kein Landmann war: in dein Dichter steckte doch etwas vom Bauernjungen; von der Frische und Bodenständigkeit des Landkindes; von der gesunde» Natur, die' alle Verstiegenheiten moderner Kultur von sich abwehrt, die sein Lebenlang nach Wald und See, nach grüner Saat und goldreifer Ernte rief. Der erwachsene Mann hat nie vergessen, wie er mit Hinrich und Johann das Pferd anschirrtx lind mit Klaus und Jochein die Gänse jagte. Und eines der schönsten Kapitel seines Romans erzählt, wie er mit den.anderen Kindern des Dorfes hinauszog in den sonnigen Septembertag, um im nahen Wälde Buch zu holen. Und in dem westfälischen Dorfe das jüdische Elternhaus. Ein jüdisches Haus im besten alten Anne. Unbegrenzte Liebe und Ehrfurcht gegenüber den Eltern; ein . festes Aneinanderhalten unter den Geschwistern. In vielem,, im *) Der gefeierte deutsch-jüdische Dichter beging am 9. März dieses Jahres seinen 69. Geburtstag. Mir ist der Termin des Festes erst so spät bekannt geworden, daß ich ihn nicht rechtzeitig feiern konnte. Darum muß unser« Festseier wirklich post festum erfolgem Ich bringe zu diesem Zwecke die Rede des Herrn Dr. A. F. Gerhard, die bei der Feier der Literarischen Gesellschaft in Hamburg, die,, in den ersten Tagen des März gehalten wurde, .mit einigen von. dem Redner gestatteten Kürzungen. ll. C. ,

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