Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-17 · Heft 11 (17.3.1916) · p. Seite 124

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 11 (17.3.1916)
Date
1916-03-17
Page
Seite 124 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229244--72074-3284495
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

124 tun* allein ist es eines: diese Zeit hier draußen wird gewiß als Kriegszeit empfunden und erlebt mit all ihrer Gefahr und Not und ihrem ^eid, aber doch mehr noch als eine Dienstzeit gerade wegen der langen Dauer. Die Kriegsarbeit ist ein technisches Werk geworden, eine Technik des Feststehens, das immer wieder auf das Norwärtsaehen folgt und das Vorwärtsgehen vorbereitet. So hat jeder sein bestimmtes, geordnetes Tagewerk in des Dienstes Uhr; er ist unter anderem Himmel, aber ans einem gleichen Boden der Arbeit und Pflicht loie in der Heimat. Anr meisten oder wenigstens am greifbarsten empfindet diese Gleichheit wohl der Handarbeiter; eines der Kriegsgedichte eines Arbeiters, der viel von dem Wirklichen dieser Zeit sieht — es ist „die große Schmiede" betitelt — singt hiervon. Aber nicht anders empfindet es auch der Angehörige der sogenannten höheren Berufe. Jeder fühlt sich vor allem als Mitarbeiter eines Werkes, in dein er seinen bestimmten Platz hat, für dessen Gelingen er mit verantwortlich ist, in dessen Erfolg er seine Aufgabe und seinen Stolz und seine Ehre fischt. So steht er auch hier in seinem Dienst, im Dienste der Heimat, bis 31t dein Tage hin, wo er in der Heimat den andern Dienst wieder beginnen wird. Daher können wir dessen gewiß sein, daß wohl ein jeder, wenn der euehnte Tag des Friedens kommt, bald wieder in die Arbeit seines Hauses und seines Berufes eingetreten sein wird, stärker in der Seele, in der das Erlebnis dieser ernsten Zeit weiterwirkt, bereit, auf seinem Plaste zu stehen. * In der „Weser-Zeitung" finden wir folgenden bemerkenswerten Artikel: Ungarns Volksmehrung u n d das Judentum. Sch. Budapest, 28. Februar. Schon vor Beginn des gegenwärtigen Krieges hat die Frage der Zunahme oder Abnahme der Bevölkerung in den europäischen Staaten zu vielfachen Betrachtungen Anlaß geboten. Seit dem nun schon lange andauernden Kriegszustände und der dadurch veranlassen geringeren Bevölkerungszunahme ist diese Frage noch viel aktueller geworden, und weitere Kreise sangen an, sich mit derselben zu beschäftigen. Nach der letzten Volkszählung in Ungarn betrug die Bevölkerungszahl der Hauptstadt mehr als 900 000 Einwohner. Hiervon waren nach den Zählungslisten ungefähr ein Viertel Bekenner des mosaischen Glaubens. Da es nun eine durch die Statistik bewiesene Tatsache, ist, daß aus einer jüdischen Ehe durchschnittlich vier Kinder hervorgehen, während bei den Magyaren und Deutschen in Ungarn diese Ziffer nur halb so groß ist, so kann man daraus leicht den Zeitpunkt berechnen, an welchem die jüdische Bevölkerung von Budapest die absolute Mehrheit erreichen wird. Dasselbe Verhältnis wie für die Hauptstadt gilt aber auch für ganz Ungarn. Abgesehen von der natürlichen Vermehrung des jüdischen Elements wurde auch der Zuzug desselben von auswärts nach Ungarn in den letztverflossenen Dezennien von allen jeweiligen Regierungen vielfach gefördert und unterstützt. Schon bald nachdem das Land durch den Deutschen Ausgleich zur Selbständigkeit gelangt war, fing man an, das Judentum zur Einwanderung nach Ungarn zu bestimmen und ihm die Niederlassung daselbst 31t erleichtern. Man brachte Kapital und Arbeitskraft ins Land, nicht nur zur Förderung von Handel und Industrie, sondern auch zur Vermehrung der landwirtschaftlichen Hilfskräfte. Der Jude, der bei seiner Einwanderung nach Ungarn kein anderes nationales Vaterland hinter sich ließ und deshalb leichter als ungarischer Staatsangehöriger in der neuen Volksgenossenschaft aufging, schien besser zu dieser Dolksvermehrung Ungarns geeignet als der Deutsche, Oesterreicher oder Slawe. Er ließ sich derartig willig und gern nationalisieren, daß er meistens sogar seinen bisherigen Namen gegen einen magyarischen eintauschte. Es kann auch nicht geleugnet werden, daß Ungarn dem rezipierten Judentum viel zu verdanken hat. Ohne die Inden wäre Budapest sicher nicht so schnell zu der modernen Metropole geworden, die es heute tatsächlich ist. Ohne sie wären Temesvar, Szegedin, Großwardein und andere ungarische Provinzstädte vielleicht noch lange Zeit jene versumpften, ungepslasterten Dorfstädte geblieben, die sie vyr vierzig Jahren waren, in deren Gassen und Plätzen das auf den Markt getriebene Vieh buchstäblich im Kot versank. Ohne sie ständen Handel und Verkehr im Lande! heute gewiß nicht aitf der Höhe, daß mit ihnen das Ungarn überspannende Netz der Staatsbahnen in seiner Weiterentwicklung kaum Schritt zu halten vermag. Und ohne sie könnte Ungarn gewiß nicht daran denken, durch Ausbildung seiner Industrie sich von Oesterreil, unabhängig und finanziell selbständig zu machen, wie dies heute a> > den Fahnen aller Parteien des Landes einmütig geschrieben steht. Auch kann nicht geleugnet werden, daß die ins Land eingewanderte Juden vom Standpunkt der Magyaren aus gute Ungarn ge worden sind, die Sprache, die Nationalität derselben angenommei sich ihren Bestrebungen angepaßt haben und im gegenwärtigen Krieg für das ungarische Vaterland ebenso tapfer ihr Leben einsetzen wi jeder andere Angehörige desselben. Sie stellen keinerlei andere bc sondere Ansprüche dafür als die freie und ungehinderte Ausübun ihrer Religion und deren staatliche Anerkennung. In religiöse Dingen waren nun die Ungarn — wie ihre ganze Geschichte es bewei: — von jeher bis zum äußersten tolerant. Wenn es jemals im Lank Unterdrückungen und Verfolgungen des Glaubens wegen ge gebe hat. so sind dieselben nur von den Wiener Machthabern absolntistischc Zeit ausgegangen und veranlaßt, aber niemals von den Magyarei. solange diese selbst in ihrem Lande zu befehlen gehabt haben. * Aus Rußland ist mancherlei und wie gewöhuln Schlimmes zu berichten. Zunächst ist freilich anzuerkennei daß die Abgeordneten der Duma sich nicht scheuen, der Re gierung die bittersten Wahrheiten zu sagen und mit vollen Ernst und großer Entschiedenheit das Verhalten der Regierurn gegen die Juden brandmarken. Zum Beweise dafür sei auf ein; Rede des Abgeordneten Schingarew hingewiesen. Er erwähnte daß die Juden auch geschäftlich verfolgt würden. Ein jüngste- Zirkular des Finanzministers Bark gestatte, wie der Redne aussührte, sogar jederzeitigen Bruch eines geschäftlichen Ver träges mit Juden. Der Redner schloß mit den Worten: „Daganze Regierungssystem in Rußland ist eben faul." Zun Zeugnis, wie die jüdischen Abgeordneten die Sache ihre: Glaubensgenossen vertreten, sei die Rede des Abgeordnetei N. M, Friedmann hier wiedergegeben, die uns unser M. B. Berichterstatter übermittelt. Sie lautet so: Ein Engländer sagte: „Die ersten sieben Jahre sinl nur schwer, dann wird es leichter!" Als die erste schwer. Kriegsepoche vorüber war, hatten es alle etwas leichter, nn die Juden nicht, und trotz ihrer blutigen Opfer erscholl eii Ruf zum Pogrom. Ein Zirkular des Polizeidepartements das der Abgeordnete Tschcheidse zu Gehör brachte, ist von de: Presse nicht wiedergegeben worden infolge eines Verbots. Die Juden werden darin für alle Plagen, die unser Vater land heimgesucht haben, verantwortlich gemacht. Es lohn kaum, auf diese widersinnigen Beschuldigungen einzugehen uni von der Revolution zu sprechen, die von den Juden angeblicl heraufbeschworen wurde und nur in den Köpfen von Provo katoren entstanden ist. Leider hat die Erfahrung uns gelehrt, daß noch kein Pogron stattgefunden hat, der nicht von der Regierung gewünsch wurde. Will man die Vergiftung der Gemüter vermeiden ii einer Zeit, wo die Interessen des Sieges eine Einigkeit ge bieten, so müssen die wahren Urheber alles Unglücks bestraf und der jüdischen Rechtlosigkeit ein Ende gemacht werden. An j 9. Januar 1916 ging den Vertretern der Gewalt aller Bezirk! eine Denkschrift zu, den Leuten den Gedanken beizubringen! daß die Juden alle Rußland bescherten Prüfungen verursache? hätten. Diese verbrecherische Bewegung sollte einen Massen j überfall aus die wehrlose jüdische Bevölkerung bewirken. Im j Angesichte der Abgeordneten wende ich mich an du j 170-Millionen-Bevölkerung Rußlands und sage: Wißt ihr, daß : man euch durch böswillige Täuschung auf den Weg des Blutvergießens drängen wollte? Wißt ihr, daß, wenn das jüdische Blut von den Regierungsagenten meuchlerisch vergossen wird die Schandtat aus die Regierung zurückfällt? Friedmann zitierte Stellen aus den „Heeresnachrichten" in denen es heißt, daß der Polizeimeister von Honnnel den! Juden die Schuld zuschiebt, daß kein Kleingeld vorhanden ist,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.