Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1916)
- Date
- 1916-03-17
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
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123 den eigentlichen Gegenstand des neuen Lehr- und Forschungsdickes .bezeichnet er das shnagogale Judentum seit der Katastrophe d-4 Jaihres 70 n. GH. unter der Herrschaft des Rabbinats und seiner hrautorität des das ganze Leben einspannenden Gesetzes, dieses; identum mit der Fülle seiner literarischen Schöpfungen, feiner orio teilen geistigen Gesamthaltung und seinen tausend Beziehungen zur eltkultur. Auf -den drei Hauptgebieten dieser Arbeit, dem sprachlich- I erarischen, dem kulturhistorischen .und dem religionsgeschichtlichen, i' zwar schon viel Wertvolles geleistet. Aber eine Reihe wichtiger f obleme ist überhaupt noch nicht in Angriff genommen. Zu den lfgaben des Gelehrten, 'der erstmalig in Deutschland die Wissenschaft r in Judentum akademisch zu vertreten haben wird, gehört also rnehr u s die Uebermittelung. der Wissensstosfe an die studierende Jugend, d e Einftihrung in die Probleme und Methode ihrer Behandlung und d e eigene Forschungsarbeit auf dem einen oder anderen Hauptgebiete. * Aus dem Preußischen Haushaltungsausschuß wird folgende achricht verbreitet, die wir mit einer ganz besonderen Freude l lch unseren Lesern unterbreiten: Der Staatshaushaltausschuß des Abgeordnetenhauses l riet am Sonnabend den Voranschlag des Ministeriums der g eistlichen Angelegenheiten und des Unterrichts. Ein v ^geordneter der Fortschrittlichen Volkspartei erklärte im Anschluß i m Aeußerungen vom vorigen Jahre, daß die jüdischen Feldgeistlichen eine segensreiche Tätigkeit in der Veranstaltung von ' ottesdiensten und Seelsorge für verwundete und kranke jüdische oldaten entwickelten und hierbei große Unterstützung durch die i ilitärischen Kommandobehörden im Felde erführen. Es sei ihnen -ich jetzt eine Besoldung in der Höhe der für die nicht festangestellten iristlichen Geistlichen bewilligten Bezüge ausgesetzt und damit ein fiteres Entgegenkommen gegenüber der ersten Kriegszeit bewiesen. 7 er Redner bittet den Kultusminister, sich dafür zu verwenden, daß >uch im Felde eine feste Organisation für die Seelsorge der jüdischen wldaten geschaffen würde, und daß dann auch im Frieden die Unterützung des jüdischen Kultus für dessen bedürftige Gemeinden ein-! "führt werde; er müsse noch anerkennen, daß die katholischen unb l mngelischen Militärgeistlichen den jüdischen Feldrabbinern großes 1 utgegenkommen und durchaus kameradschaftliche Gesinnung bewiesen itten, was mit Dank anzuerkennen sei. Der Berichterstatter (ein angelifcher Feldprediger) bemerkte dazu, daß er gleichfalls die ütigkeit der jüdischen Feldrabbiner im Felde sehr hoch bewerten lüsse, es bestehe das beste Verhältnis zwischen ihnen und den iristlichen Feldgeistlichen. Die Anstrengungen der Feldrabbiner seien anz bedeutende. Der Berichterstatter hob Beispiele einer ganz benrders großen Tätigkeit der jüdischen Feldprediger hervor, die auch nrch viele Reisen noch erschwert sei. * Im Anschluß an diese Rühmung der Tätigkeit der jüdischen eldprediger seien hier die neuen Berichte des Rabbiners Dr. Baeck aus dem „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde Berlin" abgedruckt, die wiederum wie alle die früheren weniger Neues mitteilen, als sinnige und erhebende Betrachnngen enthalten. Bericht Nr. 33. Soloki, den 7. Februar 1916. In den beiden letzten Januarwochen wurden von mir Gottesdienste ^gehalten in S Leinensee, Wanagilischki, Thrmont und Wilkomiesto; n besonderer Gottesdienst bei einer Division galt der Feier von aisers Geburtstag. Auf den verschiedenen Wegen, die das Amt fordert, bietet sich auch 'er, im Osten, Gelegenheit, das Verhältnis unserer Soldaten zu der Heimischen Bevölkerung zu beachten. Diese Beziehungen sind auf m verschiedenen Kriogsgebieten begreiflicherweise verschieden; sie airgen von der kulturellen Lage der Landesbewohner ab. Der ein- 'kne Mann hat eine Enrpfindung dafür, ob er in einen Kulturkreis mtritt, der demjenigen gleichkommt oder nahesteht, welchen seine >eimat ihm gibt. Daher entwickelt sich im Westen, nicht nur im ausie der Monate, sondern häufig schon sehr bald, ein oft herzlicher -verkehr unserer Mannschaften mit den Familien, in deren Häusern der in deren Nachbarschaft sie im Quartier liegen. Es ist dort ein gewohntes und von vielen geschildertes Bild, die deutschen Soldaten nach des Tages Arbeit nrit all und jung um den Tisch der großen Wohnküche oder im Garten zusammensitzen zu sehen; die Schranke der sprachlichen Verschiedenheit war dort immer schon bald überwunden. Im Osten, wenigstens hier im Gebiete des nördlichen Litauen, bietet sich ein ebensolcher Anblick nur sehr gelegentlich, einmal schon deshalb nicht, weil in den Dörfern und den kleinen Ortschaften, die es allein hier gibt, ein Behagen des Hauses, wenigstens jetzt, selten vorhanden ist. Aber dieser Grund ist wohl noch der geringere. Wesentlicher ist, daß die kulturelle Verschiedenheit zwischen dem Bauer oder Kleinbürger des Landes und unserer Mannschaft doch eine zu liefe ist, und keinerlei entgegenkommende geistige Regsamkeit von der anderen Seite her sucht sie zu überbrücken. Man lebt überall, wo unsere Soldaten in bewohnten Ortschaften ihr Quartier -haben, nur nebeneinander, aber nicht miteinander. Am ehesten noch bahnt sich ein gewisser Verkehr mit der jüdischen Bevölkerung an. Hier ist schon die sprachliche Verbindung rasch hergestellt, und auch jene erforderliche kulturelle Nähe ist vorhanden, so sehr auch mancherlei dem einfachen Manne, und ihm vor allem, sich als unterschieden und fremd aufdrängen muß. Aber er empfindet doch, wenn auch in seltsamer Mischung des Fernen und Nahen, daß zu diesem Teil der Bevölkerung eine Brücke führt. Wenn unsere Soldaten durch kleine Orte hindurchziehen und dort ihr Nachtquartier nehmen müssen, so hört man nicht selten als erste Frage die, ob jüdische Familien dort wohnen; es ist der Wunsch, in deren Häusern untergebracht zu werden. So entwickeln sich gewisse Beziehungen. In den meisten Fällen allerdings sind diese nicht ein eigentlicher Verkehr, sondern sie sind wirtschaftlicher und geschäftlicher Natur. Dem jüdi«- schen Handwerker und Händler hat der Krieg den gewohnten Weg seines Erwerbes verschlossen, und so muß ein jeder suchen, die Bedürfnisse unserer Soldaten zu erfahren oder zu erraten, um darin seinen Lebensunterhalt zu erringen. Sind gegenseitige Beziehungen derart nur die des Käufers zum Verkäufer, so können gelegentliche Trübungen nicht ausbleiben. Aber trotzdem kommt, je länger, desto mehr, auch die Bekanntschaft und schließlich die Vertrautheit, und wenn die Heimkehrenden von den Menschen, die sie hier im nördlichen Osten kennen gelernt haben, einmal werden erzählen sollen, so werden sie wohl zuerst, oder ost nur, von den jüdischen Familien -berichten können. Bericht Nr. 34. Nowo-Alexandrowsk, den 19. Februar 1916. Die Gottesdienste in der ersten Halste dieses Monats fanden in Nzjanh, Dukschty, Rimschanh und Suwek statt; daneben hielt ich bei einigen Truppenteilen kleinere Andachten ab. In einigen Gottesdiensten habe ich die Freude gehabt, mit Mannschaften zusammenzutreffen, die ich vor einem Jahre in Frankreich gesehen und kennen gelernt hatte. Sie hatte der Weg dann nach dem Osten geführt, sie waren in seinen südlichen und nördlichen Gebieten umhergezogen, und nun brachte uns nach Monaten einer langen, ernsten Zeit wieder die Stunde des Gottesdienstes zusammen. Ein solches Wiedersehen mit seinem Austausch der Gedanken schärst den Blick für die Einwirkungen, die ein Kriegsjahr auf Wesen und Art, auf das ganze innere Leben des Menschen ausgeübt hat. In der Heimat mag die Vermutung bisweilen laut werden, ob nicht denen, welche alle diese Monate hindurch hier draußen gewesen sind, es später einmal schwer ankommen wird, sich in ihr bürgerliches Dasein wieder einzuleben, sich wieder hineinzufinden in den häuslichen und beruflichen Umkreis mit seinen geregelten Schritten, seinen Geboten und seinen Engen. Dieser Besorgnis stellt sich die Tatsache schon entgegen: es gibt in diesem Kriege wohl das Leben des Soldaten, aber, trotz seiner Dauer kein Soldatenleben. Das will sagen, daß unsere Soldaten hier unter dem Eindruck eines anderen, anders gestalteten und anders gestellten Lebens stehen, aber nicht unter dem eines neuen Lebens oder eines neuen Lebensabschnittes, daß wohl kaum einer sich von seinem Hause und seinem Berufe losgelöst fühlt, daß diese vielmehr nrit ihren Sorgen und Hoffnungen immer wieder in sein Sinnen und Denken hineintreten und er in der Ferne und Frenrde entdeckt, wie sein Dasein nur auf seinem heimischen Boden sein Leben hat. Die ersten Wochen mit ihren neuen Bildern hatten die Heimat bisweilen zurücktreten lass-M, er fühlte sich in einem anderen Land und vielleicht auch unter anderem Gesetz; in mancher kalten Stunde hatte er sich später auch von ihr getrennt gefühlt; aber sie ist dann immer wieder um so stärker in das Empfinden eingekehrt. Mehreres wirkt dabei mit, nicht zum mindesten auch die Stetigkeit der Verbindung und des brieflichen Verkehrs mit der Heimat. Aber